In Seengen kann man an verschiedenen Stellen wunderbar im See baden. Das zieht im Sommer Schwimmerinnen und Sonnenanbeter aus der ganzen Region an. Doch es gab Zeiten, da strömten die Besucher aus ganz Europa ins Seetal, um sich in einer Badeanstalt heilen zu lassen. Oder sie kamen einfach für einen Tapetenwechsel.

In der «Deutschen Allgemeinen Zeitung» erschien am 1. Mai 1871 ein Inserat, das für die «Wasserheilanstalt Brestenberg» warb. «Wasser- und Seebäder, der milden, an Naturschönheiten reichen Lage wegen auch von Reconvalescenten und der Erholung Bedürftigen gern besucht.» Die Geschichte des Kurbads Brestenberg begann 1844, als der Arzt Adolf Erismann das Schloss kaufte und eine Wasserheilanstalt einrichtete. Der Flurname passte zufällig hervorragend zu seinem Vorhaben. Bresten sind Gebrechen und für diese sollten die Kranken eine Heilung finden. Doch der Name war älter als die Heilanstalt und kommt von brechen. Mit dem gebrochenen Berg ist der steile Abhang gemeint. Das Schloss wurde 1625 von Hans Rudolf von Hallwyl als Landsitz gebaut.

Zwei Seenger Bäder

Der geschäftstüchtige Arzt hatte seine Anstalt zur richtigen Zeit eröffnet. Kuren war im 19. Jahrhundert im Trend. Trotz zum Teil mühseliger Reisen pilgerten die Reichen wie die Armen zu angeblich heilenden Quellen. Der deutsche Pfarrer Sebastian Kneipp entdeckte die Kraft des Wassers, seinen Nachnamen bringt man bis heute mit dem barfüssigen Waten durch kalte Bäche in Verbindung. In der ganzen Schweiz entstanden Anstalten, in denen Bade- und Trinkkuren durchgeführt wurden.

Im Seetal gab es neben dem Brestenberg auch die Kurbäder Bad Seengen, Ibenmoos, Guggibad und Augstholz. Die frisch herausgekommene Jahresschrift der Historischen Vereinigung Seetal widmet sich dieser Badekultur.

Die Wasserheilanstalt im Schloss Brestenberg war nicht das erste Bad in Seengen. Schon vor 1500 wurde im Dorf eine Badstube erwähnt. Das Gebäude war am Dorfbach gelegen und das Wasser diente der Körperpflege und nicht der Heilung.

1770 erbaute der Berner Junker Vincent Dieudonné von Goumoëns in der Nähe von Schloss Brestenberg ein Badhaus. Der Junker war auch Besitzer des Schützenhauses und er übertrug dessen Tavernenrecht auf sein Badhaus.

Auch in diesem Bad hatte das Wasser keine heilenden Kräfte durch eine besondere Mineralienkonzentration. Was manche Badmeister jedoch nicht davon abhielt, für ihr «Gesundheitsbad» zu werben. Wie aus den Quellen hervorgeht, wurde das Bad vor allem von einfacheren Leuten besucht.

In der Reiseliteratur wurde das Bad Seengen – wenn überhaupt – wegen seiner schönen Lage erwähnt. Die Heilkraft des Wassers wurde von jedem Besitzer anders eingeschätzt. Jakob Haller hatte 1842 aber eine sicherlich geschäftsfördernde Idee: Er holte die Bewilligung für Tanzanlässe ein und macht das Bad so zum Ausflugsziel für Kranke und Gesunde. Mit der 1844 gegründeten Wasserheilanstalt konnte das Bad Seengen jedoch nicht mithalten.

Zum Schluss war das Bad nur noch eine Wirtschaft und mit dem Tod des letzten Besitzers ging das Tavernenrecht an das Gasthaus Zum Rebstock über.

Bis 1954 ein Kurschloss

Schon im ersten Sommer reisten die ersten Gäste in die neue Badeheilanstalt Brestenberg nach Seengen. Sie kamen via Eisenbahnstation Wildegg oder liessen sich mit der Chaise aus Brestenberg in Lenzburg oder Aarau abholen. Ein Tag im Brestenberg kostete Fr. 3.50. Dazu kam die Verpflegung: Ein Mittagessen kostete einen Franken, die Flasche Veltliner dazu Fr. 1.20. Den Brestenberger gab es schon für 70 Rappen.

Adolf Erismann leitete den Brestenberg fast dreissig Jahre bis 1872 erfolgreich, während alle anderen Kurbäder im Seetal verschwanden. 1867 kehrte der älteste Sohn Adolf als ausgebildeter Arzt ins Elternhaus zurück, der Vater zog sich alsbald zurück. 1878 starb jedoch der Sohn und die Erben stellten einen Kurarzt ein. Zur Wasserheilanstalt kam ein vielseitiges Angebot mit physikalischer Therapie, Psychotherapie und Arbeitstherapie dazu. 1954 wurde der Kurbetrieb eingestellt, 1962 wurde der Brestenberg an die Tonerag AG verkauft und die Kurgeschichte des Anwesens Brestenberg war zu Ende.

Der Aufenthalt in der Wasserheilanstalt Brestenberg unterscheidet sich deutlich vom heutigen Besuch einer Therme. Im Brestenberg-Anwesen entsprangen 13 Quellen. Im Gegensatz zu den Quellen in der Tamina-Schlucht oder in Rheinfelden ist das Wasser der Seenger Quellen völlig kohlen- und schwefelsäurefrei. Es enthält lediglich etwas freie Kohlensäure.

In der Ausstattung der Badelandschaft stand der Brestenberg aber auch einer heutigen Therme in nichts nach: Es gab verschiedene Bassins und Wannen, Strahl- und Regenbogenduschen mit einer Fallhöhe von fünf Metern, ein See- und ein Quellwasserbad. Der einzige Unterschied zu einem Besuch im heutigen Bad Schinznach: Das Wasser ist überall kalt. Verschiedene zeitgenössische wissenschaftliche Schriften bemühten sich, auch dem kalten Waser Heilungskräfte zuzuschreiben.

Als Heilungsmethoden der sogenannten Hydrotherapie wurden im Brestenberg unter anderem folgende Kuren praktiziert: kalte Umschläge, zwei Minuten im Vollbad, Einspritzungen und die Dusche. Bei letzterer traf das Wasser den Patienten aus mehreren Metern Höhe. Der kompakte Strahl sollte auch die inneren Organe anregen. «Der Organismus reagiert kräftig», schrieb Arzt Erismann über die Kaltwassermethoden. Diese schulten den Geist gleich mit: «Ein Entweichen gibt es nicht.» Durch Widerstand würde der Patient sich lächerlich machen und feige abreisen wolle er auch nicht. Anhand dieser Zeilen ist es plötzlich gut vorstellbar, dass gewisse Leiden verschwanden und die Patienten auf künftige Kuren verzichten konnten.