Lenzburg
Achtung: Hinterhältiger Heckenschütze im Hächlerhaus

Im Schaufenster des Kunstraums in der Altstadt zeigt Stephan Athanas irritierende interaktive Arbeiten zu aktuellen Themen, die uns bewegen. Eine aussergewöhnliche Ausstellung unter dem Titel «Europ/ Arab Interactive Revolution».

Heiner Halder
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Bei Stephan Athanas’ Installation in der Lenzburger Leuengasse geraten Passanten virtuell ins Fadenkreuz. zvg

Bei Stephan Athanas’ Installation in der Lenzburger Leuengasse geraten Passanten virtuell ins Fadenkreuz. zvg

Wer in der frühen Abenddämmerung durch die Lenzburger Leuengasse flaniert, sieht sich unversehens mit einem hinterhältigen Anschlag konfrontiert. Beim Blick in das Schaufenster erkennt sich der Passant nicht nur im Spiegel, sondern sieht sich ins Fadenkreuz eines Zielfernrohrs genommen.

Gewiefte Krimi-Kenner identifizieren die runden roten Marken auf Kopf und Körper sofort als akute Gefahr. Achtung: Heckenschütze im Hächlerhaus. Jüngere Jahrgänge hingegen mögen sich nicht als Opfer, sondern mit dem Täter identisch fühlen: In den «Ego Shooter Games» schiesst man sich auf diese Weise in die freie Wildbahn.

Der Heckenschütze im Hächlerhaus heisst Stephan Athanas. Mit seinen interaktiven Inszenierungen setzt sich der in Aarau lebende, international tätige Musiker und Medienkünstler mit den grossen aktuellen Themen dieser Welt auseinander. Was uns nächtens auf der Gasse als Gag amüsiert, inspiriert oder irritiert, thematisiert die Diskussion über jugendliche Amokschützen, welchen der Verlust der Grenze zwischen Virtualität und Realität als Motivation zur Bluttat zugeschrieben wird.

Beklemmendes Beobachtetwerden

Andererseits verweist die Aktion auch auf die Heckenschützen, welche zurzeit arabische Diktaturen wie in Libyen oder Syrien gegen friedliche Demonstranten zu verteidigen versuchen. Wenn uns beim Weitergehen im nächsten Schaufenster Porträts mit den Augen folgen, wird das Beobachtetwerden zum beklemmenden Gefühl.

Die Konfrontation mit der bald allgegenwärtigen Realität der Überwachung auf dem Güselplatz, im Pausenhof, im Supermarkt, auf der Autobahn und sogar im Kinosaal soll uns die Augen öffnen für den zunehmenden Abbau des Persönlichkeits- und Datenschutzes.

Eine weitere Projektion befasst sich mit den Auswirkungen der Klimaerwärmung. Stephan Athanas vergleicht die aktuelle Aussentemperatur in Lenzburg mit jener ab 1932 im Minutentakt. Zu den Messdaten werden in Echtzeit Bildmischungen erstellt, welche sich aus der Differenz der beiden Temperaturen ergeben. Je nachdem sind die Farben kühler oder wärmer, die Landschaftsbilder entsprechend. Diese Fotografien werden mit der Mixtur laufend verändert, ein flüchtiges Medium ohne Wiederholung.

An die Aussenwelt gerichtet

Dasselbe Prinzip wendet der Künstler bei der Verarbeitung seiner fotografischen Ernte der Einsätze als Leiter des ContempArabic Jazz Ensembles im arabischen Raum an. Es bilden sich bild-poetische Vergleiche zwischen Europa und Nordafrika, wobei sie ständig auf den Betrachter oder auf Daten im Internet reagieren. Zu den optischen gehören auch die akustischen Effekte - «schliesslich bin ich ja auch Musiker», schmunzelt Athanas, wobei der Sound aus synthetischen Klängen, der Natur nachempfunden, gemixt wird.

Die aussergewöhnliche Austellung richtet sich via die Schaufenster zur Leuengasse primär an die Aussenwelt. Im Parterreraum des Hächlerhauses lässt sich mit Wandprojektionen der technische Ablauf nachvollziehen – sozusagen das «Gehirn» des Ganzen. So ist es möglich, im Innenraum gleichzeitig andere Aktivitäten durchzuführen. Ein Anliegen des Hausbesitzers Beat Ullmann, der seine Lokalität nicht als klassische Galerie, sondern als lebendigen Kulturraum aufbauen will.

Hächlerhaus Lenzburg: Europ/Arab Interactive Revolution, Ausstellung von Stephan Athanas. – Vernissage Freitag, 27. Januar, mit Konzert um 19 Uhr. – Öffnungszeiten: Aussen täglich 17 bis 24 Uhr, innen donnerstags 19 bis 23 Uhr. – Künstlergespräch am 1. März, 19 Uhr. – Finissage und audiovisuelle Performance am 16. März, 19 Uhr.