Wachstum ist angesagt in der Gemeinde. So hatte es Fritz Wirz beim Amtsantritt von zehn Jahren dem az-Journalisten in den Block diktiert.

Wirz hat das Versprechen eingelöst. Die Bevölkerung Othmarsingens ist um 24 Prozent auf 2750 Personen gewachsen. Damit konnte der Ammann die für ihn so wichtige Grundversorgung im Dorf sicherstellen (Landi als zweiter Lebensmittelanbieter neben Coop. Ein Bancomat, neue Post etc.). Auch die angepeilte Senkung des Steuerfusses hat er erreicht. Der Gemeindesteuersatz ist heute bei 110 Prozent, 9 Prozent tiefer als noch 2006.

Fürs Bilanzgespräch über seine Amtszeit hat Fritz Wirz das Foyer des Waldhauses Othmarsingen gewählt. Im Wald fühle er sich wohl, sagt er. Das Cheminée ist eingeheizt und verströmt wohlige Wärme im sonst bitterkalten Wintertag. Auch der Kaffee dampft in der Tasse.

Ganz so blütenweiss wie eingangs aufgelistet ist Wirz’ politische Bilanz trotzdem nicht, sagt er in einem selbstkritischen Unterton. Äusserlich hat sich der in einer Woche abtretende Gemeindeammann in den letzten Jahren von Schnauz und Kinngrübchenbart getrennt. Innerlich habe er sich von einigen Illusionen verabschieden müssen, gesteht er. Zum Beispiel? Wirz schmunzelt. «Einen Politbetrieb wie ein Unternehmen führen zu wollen, kann man glatt vergessen.» Zu eng sei das Korsett des Staates mit Gesetzesauflagen und einem auf die Gemeinde abgewälzten hohen Kostenblock von gegen 90 Prozent. «Das schränkt den Handlungsspielraum ein und verhindert eigene Ideen.» Wirz führt von Haus aus mit seinem Bruder eine Familien-KMU. Von da war er sich etwas anderes gewohnt. Und trotzdem findet er, habe er seinen Unternehmergeist in die Öffentlichkeitsarbeit mit der Umsetzung ertragswirksamer Investitionen einbringen können. «Me muess chli Liedeschaft entwickle», sagt er. Feu sacré entfalten für sein Tun.

Im Cheminée züngelt das Feuer, das Holz knistert.

Bestfrequentierter Bancomat

Fritz Wirz spricht von den Stolpersteinen während seiner Amtszeit, aber lieber noch von jenen Projekten, die erfolgreich abgeschlossen wurden. Der Bau des Bünztal-Viadukts, der kürzlich gefeierte Neu- und Umbau des SBB Bahnhofes, die Schulanlage, die Aufrüstung des Armee-Logistik-Centers gehören dazu. «Davon profitiert das ganze Dorf.» Und auch die Hypothekarbank Lenzburg. «Wir haben den am meisten frequentierten Bancomaten der Hypi in der Region», sagt er und schmunzelt.

Doch sieht Fritz Wirz einen gehörigen Tolggen in seinem Reinheft. Wenn er nun als Ammann abtritt, hat er bei einem seiner grössten angepeilten Ziele nicht reüssiert. Und das ärgert ihn gewaltig, sagt er.

Das wohl wichtigste Entwicklungsprojekt der Gemeinde in der vergangenen Zeit ist heute noch nur auf dem Papier vorhanden. Die geplante Zentrumsüberbauung mit Ärztehaus und neuer Gemeindeverwaltung auf dem Marti-Areal wurde nicht realisiert. Die Centravo AG, Besitzerin des Marti-Areals, hat die Gemeinde immer wieder vertröstet. Bis heute. «Obwohl ich bei den Centravo-Verantwortlichen wiederholt mit Vehemenz insistiert habe.» Trotzdem hat Wirz die Hoffnung nicht begraben, dass in den kommenden Jahr der Weg doch noch geebnet wird für einen Zentrumskomplex, mit dem die Gemeinde endlich neue Verwaltungsräume erhält und auch die medizinische Versorgung im Dorf sichergestellt werden kann.

Wirz hat die Auseinandersetzung nie gescheut, ist für seine Überzeugungen und für die Sache eingestanden. Das attestieren ihm unter anderem seine Weggefährten im Gemeindeverband Lenzburg Seetal (LLS). «Ein sehr initiatives Vorstandsmitglied, welches mit seiner Meinung nicht zurückhielt,» sagt LLS-Geschäftsführer Jörg Kyburz. «Als Präsident der Projektgruppe Verkehr lag ihm die ganze Region des Lebensraums am Herzen, er positionierte sich bei Bedarf auch für seine Wohnregion.»

Bergrennen und Holzbildhauerei

62 Jahre alt ist Fritz Wirz in diesem Jahr geworden. Er will nun im Schreinerei- und Küchenbaubetrieb der Familie noch einmal «Gas geben». Von der neuen Freizeit soll auch seine Familie profitieren. Wirz will seine Frau vermehrt ins Glarnerland begleiten, das der Familie in den vergangenen drei Jahrzehnten mehr als nur ein Feriendomizil geworden sei. Er will auch wieder mehr als einmal im Jahr Oldtimer-Bergrennen fahren. Und sich der Holzbildhauerei zuwenden, die auf der Strecke geblieben ist. Die Gemeinde hat ihm zum Abschied einen Gutschein für einen Auffrischungskurs in der Scuola di Scultura im Tessin geschenkt.

In der Zwischenzeit ist das Feuer im Cheminée erloschen, Kälte zieht auf, der Schreibblock ist voll mit Notizen.

Mit der Stabübergabe an seinen Nachfolger Markus Briner am 1. Januar verschwindet Fritz Wirz nicht aus der Öffentlichkeit. Er wird künftig die Ortsbürgergemeinde präsidieren. Als Nachfolger von Walter Urech, den er 2006 bereits als Gemeindeammann beerbt hatte.