Reinach/Beinwil
Aargauer bei Voice of Germany: 90 Sekunden müssen reichen

Der Musiker Cris Rellah hat sich bei der deutschen Castingshow «The Voice of Germany» bis in die Blind Auditions gesungen. Am nächsten Freitag gilt es für den Aargauer ernst.

Katja Schlegel
Drucken
Teilen
Seine Gitarre hat Cris Rellah immer mit dabei.

Seine Gitarre hat Cris Rellah immer mit dabei.

Emanuel Freudiger

Würde Cris das Mädchen von damals wiedertreffen, es wäre bestimmt beeindruckt. Das Mädchen, das beim Flug in die Ferien neben ihm sass und dem er lässig erzählte, wenn er einmal gross sei, werde er einen Plattenvertrag kriegen. Zehn oder elf Jahre alt war er damals, er selbst hat die Geschichte längst vergessen. Seine Eltern haben sie ihm kürzlich erzählt.

Heute ist Cris 32 Jahre alt und auf dem besten Weg, diesen Plattenvertrag zu bekommen. Nächsten Freitagabend hat er 90 Sekunden Zeit, die Weichen für seine musikalische Zukunft zu stellen: Cris singt in den Blind Auditions vor den Coaches der vierten Staffel von «The Voice of Germany».

In zwei Vorcastings hat er sich gegen Tausende Bewerber durchgesetzt, jetzt gilt es ernst. Dreht sich einer der Juroren innert der 90 Sekunden um, ist Cris dem Plattenvertrag einen Schritt näher.

Aufgewachsen ist Cris in Reinach, heute wohnt er in Beinwil am See. Er nennt sich Cris Rellah, seinen echten Namen will er nicht öffentlich machen, weil ihm seine Privatsphäre heilig ist.

Seine Karriere ist wohl typisch für angefressene Musiker: Klavierstunden im Kindesalter, erste Eigenkompositionen als Teenager, singen im Chor, eine eigene Band, verschiedene Band-Projekte, die Produktion eines Albums, das nie veröffentlicht wurde, schliesslich zwei Castings für «Music Star».

Dann war Schluss, mit Anfang 20. Cris setzte auf seine berufliche Weiterbildung, hetzte nicht mehr länger dem Erfolg als Musiker hinterher. «Das hätte einen Einsatz von 180 Prozent erfordert. Mir aber war ein stabiles Fundament wichtiger als ein Traumgebilde.» Musik machte Cris fortan für sich selbst, als Ausgleich.

Auf Youtube präsentiert Cris Rellah seine Version des Hits «Budapest» von George Ezra:

Schmusesänger seit eh und je

Heute ist Cris Projektleiter bei einer Firma im Bausektor. Seit drei, vier Jahren tritt er wieder auf, wird für 10 bis 20 Auftritte pro Jahr gebucht. Für Firmenfeiern, Geburtstage, meistens Hochzeiten. Denn in einem ist er sich über all die Jahre treu geblieben: Cris ist noch immer der Schmusesänger, der er schon zu Teeniezeiten war, der Herzensbrecher am Klavier.

Damals im Proberaum des Ten-Sing-Chors in Reinach zerflossen die Mädchen, schmachtend ums Piano gruppiert, hingerissen von den selbst geschriebenen Liebesliedern. Das funktioniert noch immer. Die Frauen von heute stehen den Mädchen von damals in nichts nach, wenn sie bei den Hochzeiten zu Tränen gerührt in den Kirchenbänken sitzen.

Cris grinst beim Gedanken an die Teeniezeit. «In dem Alter fühlt man sich als König der Welt, da steigt einem so etwas schnell einmal zu Kopf.» Heute sieht alles etwas anders aus. Vieles hat sich in den letzten Jahren relativiert. «Ich bin inzwischen vernünftig genug, zu wissen, was als Musiker in der Schweiz möglich ist und was nicht.» Und auch Avancen macht er heute nur noch einer, seiner Frau.

Auf Facebook hat Cris Rellah bereits angekündigt, dass in seiner Musikkarriere etwas Spannendes passieren wird:

«Ich kann nichts verlieren»

Bloss, die Leute mit seinem Gesang zum Denken anregen und im Innersten zu berühren, manchmal gar zu Tränen rühren, das will Cris noch immer. Und weil er es kann, will er es jetzt noch einmal wissen. «Ich bin parat. Ich habe einiges erlebt und weiss, wer ich bin und was ich will.» Trotzdem ist er nicht mehr bereit, für die Musikerkarriere alles zu opfern. «Ich habe meinen Traumjob gefunden, den ich nie wegen einer Musikerkarriere aufgeben würde. Mit 32 Jahren brauche ich ein stabiles Standbein.»

Auch will sich Cris für den Erfolg nicht übermässig verbiegen müssen. Das ist auch der Grund, weshalb er sich bei «The Voice of Germany» und nicht bei einem anderen Casting-Format beworben hat. «Bei ‹The Voice› zählt alleine das Talent, nicht dein Aussehen und nicht die Lebensgeschichte. Da fühle ich mich nicht als Casting-Clown, sondern als Künstler.» Er habe sich während der Vorcastings nie bevormundet gefühlt, sondern gefördert und unterstützt.

Angst, auf der grossen Bühne, vor Tausenden Fernsehzuschauern zu scheitern, hat Cris nicht. «Ich kann nichts verlieren, nur gewinnen.» Und wer weiss, vielleicht schaut ja auch das Mädchen aus dem Flugzeug bei seinem Auftritt zu.

Cris’ Auftritt wird am Freitag, 10. Oktober, um 20.15 Uhr auf Sat. 1 ausgestrahlt

Aktuelle Nachrichten