Sogar die nationale Presse berichtete über die Lenzburger Poller, spätestens als 2013 auch drei Busse mit den Pollern zusammenstiessen. 2008 reduzierte das Bezirksgericht Lenzburg die Busse eines unkundigen Autofahrers, der einen Poller angefahren hatte.

Und nun waren die Poller zurück vor dem Bezirksgericht: Eine Frau aus der Region Lenzburg erhielt einen Strafbefehl, nachdem sie im Mai 2017 mit ihrem Auto in einen Poller fuhr. Wegen mangelnder Aufmerksamkeit und Nichtgenügen der Meldepflicht bei entstandenem Sachschaden soll die Frau eine Busse von 500 Franken bezahlen. Dazu kommen eine Strafbefehlsgebühr von 500 sowie Polizeikosten von 65 Franken.

Fahrerflucht?

Der Fall tönt simpel: Frau rammt Poller und begeht Fahrerflucht. Ganz so einfach ist es aber nicht. «Ich wollte bei der Hypothekarbank Geld holen», sagte die Frau vor Gericht. Weil sie bei der Bank keinen Parkplatz fand, fuhr sie in den Waschhausgraben. Dort war auch nichts frei.

Als sie in einer Linkskurve zurück auf die Bahnhofstrasse abbiegen wollte, kollidierte sie mit dem Poller. «Ich bin sofort zurückgefahren, ausgestiegen und habe den Schaden begutachtet», sagt sie. Die rechte Vorderseite des Autos sei beschädigt gewesen, eine Flüssigkeit lief aus. Die Frau, die sich berufshalber mit Chemikalien auskennt, überprüfte die Flüssigkeit und konstatierte, dass es sich um Wasser gehandelt habe.

Am Poller habe sie keinen Schaden feststellen können. Als wenige Minuten nach dem Unfall ein Bus passierte, senkte und hob sich der Poller wie immer. Die Frau parkierte ihr Auto auf einem frei gewordenen Parkplatz am Waschhausgraben und fuhr mit dem Zug nach Bern an einen Termin.

In Bern wartete die Polizei

Nun wird die Geschichte etwas komplizierter: Als die Frau in Bern am Zielort ankam, wartete dort ein Polizeiauto auf sie. Die Beamten waren von ihren Aargauer Kollegen informiert worden, die Frau musste ihre Personalien hinterlegen und einen Alkoholtest machen. Bis sie den Strafbefehl für die Poller-Kollision erhielt, sollte es jedoch noch ein ganzes Jahr dauern.

Deutlich schneller landete die Rechnung der Stadt Lenzburg in ihrem Briefkasten: 8400 Franken für die Reparatur des Pollers. Die Frau war sehr erstaunt. «Da wurden mehr Arbeiten getätigt, als nötig waren», sagt sie. Die Rechnung hat sie nicht bezahlt, sondern rechtlich angefochten – dieser Streit war jedoch nicht Teil der Verhandlung.

Wie sich vor Gericht herausstellte, hatte offenbar ein Mitarbeiter des städtischen Bauamts beobachtet, wie die Frau in den Poller fuhr und die Polizei informiert. Nach diesem Erlebnis kehrte die Frau am nächsten Tag nach Lenzburg zurück, um die Funktionstüchtigkeit des Pollers mit Videos und Bildern zu dokumentieren.

Ihr sei nichts Spezielles aufgefallen, ausser dass der Poller viele Kratzer aufgewiesen habe, jedoch auch auf der Seite, die von ihr nicht touchiert worden war. Sie könne sich nicht erklären, wie durch ihren Unfall ein Schaden in dieser Höhe zustande gekommen sei. Ihr Auto habe sie für 3000 Franken reparieren müssen.

Poller-Revision verrechnet?

Auch ihr Verteidiger deutete an, dass, dass die Stadt wohl die Gelegenheit ergriffen habe, um sich von der Frau eine Poller-Revision bezahlen zu lassen. «Es gibt keinen Nachweis für einen Schaden durch die Beschuldigte», sagte er. Seine Mandantin habe sich überzeugt, dass sie einen Schaden ausschliessen konnte, bevor sie sich vom Poller entfernte. Er plädierte auf einen kompletten Freispruch.

Gerichtspräsident Daniel Aeschbach kam dieser Forderung nur teilweise nach. Er sprach die Frau vom Nichtgenügen der Meldepflicht frei, da der Schaden am Poller nicht zweifelsfrei der Beschuldigten zugewiesen werden könn. «In dubio pro rea», deklinierte er. Allerdings sprach er sie der mangelnden Aufmerksamkeit schuldig.

Er gehe nicht davon aus, dass der Poller von sich aus in die Frau gefahren sei. Die Strafe verringerte sich auf eine Busse von 250 Franken und die Hälfte der Verfahrenskosten. Das Gericht übernimmt zudem die Hälfte der Parteikosten. Ganz zufrieden waren die Frau und ihr Verteidiger nicht mit diesem Urteil. Womöglich wird das neuste Kapitel in der Geschichte vom Auf- und Untergang der Poller am Obergericht weitergeschrieben.