Genau heute vor 51 Jahren hat Walter Häusermann seine erste Stelle in der Metzgerei angetreten. Als Metzgerbursche. Nicht im heutigen Geschäft an der Kirchgasse, sondern am anderen Ende der Rathausgasse; in der Metzgerei Dietschi neben der «Oberstadt». Und fast genau so lange, nämlich seit 47 Jahren, arbeitet er mit Lina Haller zusammen. Ein bekannter Nachname in Lenzburg, über ihren Grossvater ist Lina Haller mit der Hotel- und Bäckereidynastie verwandt. Doch selber ist sie in Meisterschwanden auf einem Bauernhof aufgewachsen.

Nach der Schule half die damals 15-jährige Lina Haller einen Sommer lang auf dem elterlichen Hof und einen Winter lang in einem Haushalt in der Welschschweiz. Zur Metzgerei Dietschi kam sie durch eine Schulkollegin, die dort arbeitete. «Meine Kollegin sagte, dass sie noch jemanden brauchen konnten», erinnert sich Lina Haller. Sie fuhr mit dem Töffli nach Lenzburg und wie sich herausstellte, war Lina Haller eine, die man gut brauchen könnte.

Lina Haller und ihr langjähriger Chef Walter Häusermann.

  

Lina Haller wurde angelernt und fand sich in der Metzgerei schnell zurecht. Am Anfang habe sie viel zugeschaut und nach und nach wurden ihr Aufgaben übertragen. «Zum Beispiel Wienerli aufhängen», sagt sie. «Oder Sülzli machen.» Die Arbeitstage waren lang für die Jugendliche. Sie bezog in der Oberstadt ein Zimmer, über den Mittag half sie im Restaurant am Buffet aus. Sie plangte auf ihren 18. Geburtstag. Von da an fuhr sie mit dem roten Mini Cooper nach Hause zu den Eltern ins Seetal. Oder zu den Proben mit der Musikgesellschaft Meisterschwanden oder in den Turnverein. Diese Hobbies seien ihr sehr wichtig, sagt Lina Haller, die Ende August 64 geworden ist. In der Musik ist sie Vizepräsidentin und spielt Flügelhorn.

Kunden wollen keine Aktionen

Walter Häusermann kam von noch weiter her zur Metzgerei Dietschi: Er hat in einem Hotel in Pontresina gearbeitet, als der Vater ihn anrief um zu fragen, ob er schon eine nächste Stelle habe, denn beim Dietschi sei etwas frei. «Ich hatte mich eigentlich auf ein bisschen freie Zeit gefreut», sagt Häusermann. Doch so kam es, dass er nahtlos die neue Stelle antrat. «Besch du ehrlech?», war die einzige Frage, die Metzger Dietschi seinem neuen Mitarbeiter stellte. Er hatte schlechte Erfahrungen gemacht. «Vor mir hatte er drei Metzgerburschen, die ihm alles gestohlen hatten», sagt Häusermann.

Der Metzgerbursche Häusermann bediente sich nicht beim Fleisch seines Arbeitgebers und Lina Haller wurde schnell zur geübten Metzgereiverkäuferin. Der Kontakt zu den Leuten habe ihr immer gefallen, sagt sie. Ab 1977 arbeiteten Häusermann und Haller in der Metzgerei Fischer an der Kirchgasse, 1989 übernahm Häusermann die Metzg samt Lina Haller. Es ist die einzige in Lenzburg, die überlebt hat. Seine Kunden geben seit je gern Geld aus für ihr Fleisch. Entrecôte, Huft und Filet sind teurere Stücke, die stets gut laufen. Aktionen funktionieren nicht. «Als ich einmal eine Aktion angeboten habe, haben die Leute nach dem Fleisch zum normalen Preis verlangt.» Metzgermeister Häusermann wird nächste Woche 70 Jahre alt. Das Geschäft hat er vor vier Jahren seinem Sohn André übergeben.

Aufs Gramm genau

Lina Haller kennt die Namen aller Stammkunden. Manche nennen sie «Lini». Lini ist zu allen Kunden freundlich, aber biedert sich nicht an. Sie wechselt gern ein paar Worte, aber sie drängt sich nicht auf. Ihre Spezialität, damals wie heute: kalte Platten. Bei der Zubereitung der Platten kann sie sich auch in ihrer Paradedisziplin üben: dem grammgenauen Zuschneiden von Aufschnitt. Früher hatte die Waage einen Zeiger, heute digitale Zahlen. Früher haben die Leute noch einen Vierlig bestellt. Heute hört Lina Haller diesen Begriff kaum mehr. Aber sie sieht es einer Lyonerwurst immer noch an, wo die 125 Gramm eines Vierligs fertig sind.

Sie ist eine Frau, die nicht viel Aufhebens macht um ihre Person oder um ihre Arbeit. So richtig herausgestochen sei keine Begegnung oder Begebenheit. Früher hätten die Leute mehr Innereien gegessen, heute verkauft sie mehr Geflügel. Bei vielen Kunden weiss sie schon, was sie wollen, bevor sie es ausgesprochen haben. Eine Kundin betritt die Metzg und bestellt Mostbröckli. Etwa einen Fingerbreit dick. «Melker oder Bürolist?», fragt Walter Häusermann. Lina Haller schneidet mit der Maschine ein Probierstück, die Frau ist zufrieden mit der Dicke.

Lina Haller:«Ich habe eigentlich alles gern.»

    

Häusermann und Haller sind ein eingefleischtes Team. Er erzählt, sie nickt. Eine neue Kundin fragt, wie sie die Bratkügeli zubereiten muss. «Die muss man nicht anbraten, gäll?», sagt Lina Haller, während sie das Fleisch einpackt. Walter Häusermann ist sofort zur Stelle und gibt Auskunft über die Zubereitung der Kügeli und welche Sauce am besten dazu passt. «Hier kann man alles fragen», sagt die Kundin zufrieden. Was Lina Haller denn nach der Pension machen will? «Meinsch es get nome d’Metzg?», fragt diese zurück. Sie habe gerade am Haus die Fensterläden gestrichen. Bis Ende September sei sie noch hier. Danach hat die Metzgerei sowieso drei Wochen Betriebsferien. Und wenn ihr langweilig werde, komme sie einfach wieder zum Aushelfen.

Sie würden sich schon auch mal streiten, sagt Lina Haller über ihren Chef. Wenn ihr ein Fehler passiere. Zum Beispiel, als sie kalte Platten machte. Die Platten waren gut, aber das Datum falsch. Da hat sie das Fleisch halt in die Probe der Musik mitgenommen. Aber Metzger seien ja auch nicht die einfachsten, sagt sie, als Häusermann im Hinterraum beschäftigt ist.

Nur etwas isst sie nicht

In der Metzgerei Häusermann surrt und brummt es von verschiedenen Kühlanlagen. Im Ofen wird Brot aufgebacken. Seit es in der Altstadt weder ein Lebensmittelgeschäft noch einen Bäcker gibt, ist die Metzg auch ein Quartierladen. In der Kühltheke liegen anmächelige Fleischstücke neben Hamburgern und den Würsten. «Ich habe eigentlich alles gern», sagt Lina Haller. Eine typische Antwort. Auch über die Kunden könne sie nichts Aussergewöhnliches berichten. Manche habe sie mehr gemocht, bei anderen musste sie sich ein bisschen Mühe geben, um freundlich zu bleiben. Lina Haller wahrt Diskretion hinter den Schnitzeln und Plätzli. Wer über andere hecheln will, ist bei ihr am falschen Ort. Doch wenn man genug lang wartet und ihr nicht dreinredet, kommt oft noch etwas hintendrein. «Aber Kalbskopf habe ich nur einmal gegessen.»