Lenzburg

43-Jähriger freigesprochen: Zweifel an Vergewaltigung waren zu gross

(Symbolbild)

Bei einem Camping-Ausflug im Wallis soll er seine Geliebte im Zelt vergewaltigt haben

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Eine 17-Jährige und ein damals 38-Jähriger hatten eine Beziehung. Sie sagt, er habe sie mehrfach vergewaltigt. Er sagt, sie hätten sich geliebt, Sex sei ein Geben und Nehmen gewesen. Jetzt sprach ihn das Bezirksgericht frei, zu gross die Zweifel.

Er zitterte, als sich das Gericht zur Urteilsberatung zurückzog, wirkte wie ein in die Ecke gedrängtes Tier – die Augen weit aufgerissen, bleich.

Raul (Namen geändert), angeklagt der mehrfachen Vergewaltigung.

43 Jahre alt, ein unauffälliger Typ, der unter einer Sozialphobie leidet, Motorsport betreibt und vor fünf Jahren eine Beziehung mit einer 17-Jährigen führte.

Eine Liebesbeziehung, wie er sagte. Nach der Urteilsverkündung, die erst spät am Abend kam, brach er zusammen, weinte vor Erleichterung. – Raul wurde freigesprochen.

Das Mädchen ist heute eine junge Frau. Sie wolle Raul vor Gericht nicht in die Augen blicken müssen und machte ihre Aussagen in einem Nebenzimmer – hörbar, aber unsichtbar.

Es gehe ihr nicht gut, weil sie wisse, dass er auch da sei, sagte sie.

Die junge Frau, die schon in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlitt, deren Mutter vor zwei Jahren starb, die von ihrem Vater als «Müll» angesehen wird, hat Raul 2008 in einem Chat kennen gelernt.

Die beiden freundeten sich an. Er besuchte sie. Ihre Mutter war oft dabei. «Wir hatten gute Momente zusammen», sagte die junge Frau.

Aber da war auch der Campingausflug ins Wallis. Im Zelt, neben dem Wohnwagen der Mutter, habe er sie vergewaltigt.

Und einmal, als sie gemeinsam im Zimmer der Mutter schliefen, habe er sie nochmals mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr gezwungen.

Angezeigt hat sie ihn erst Monate später, als er Sachen holte, die in der Garage ihres Elternhauses eingelagert waren.

Er habe abschätzige Bemerkungen gemacht, das habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Nun kämpfe sie sich durchs Leben. «Ich möchte mit der Vergangenheit abschliessen», sagt die heute 22-jährige Frau.

«Wir haben uns geliebt»

Spricht Raul über die Beziehung zur damals 17-Jährigen, tönt alles ganz anders. Geliebt hätten sie sich. Sexualität sei für ihn überhaupt ein Geben und Nehmen, das hat mit Liebe zu tun.

Und dann tat er, was ein Mann selten tut: Raul wollte beweisen, dass er Erektionsstörungen hatte.

Er habe damals starke Medikamente nehmen müssen, deshalb hätte er nicht einfach so – ohne Vorspiel – Sex haben können, sagt er. Eine Vergewaltigung sei also schon aus diesem Grund nicht möglich gewesen.

Hartnäckig, aber mit viel Fingerspitzengefühl, suchte Gerichtspräsident Daniel Aeschbach nach der Wahrheit.

Es stand viel auf dem Spiel. Der Oberstaatsanwalt forderte eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren, davon die Hälfte im Gefängnis.

In seinem Plädoyer sagte er, dass dies eine typische Situation bei Sexualdelikten sei. Denn auch in diesem Fall gebe es «nicht unerhebliche Beweisprobleme».

Nur Raul und die junge Frau wüssten, was sich damals abgespielt hat – im Zelt und im Schlafzimmer der Mutter.

Für ihn seien die Aussagen der jungen Frau glaubwürdiger als die «stereotypen und platten Aussagen» Rauls.

Anders sah es Rauls Verteidiger. Die Schilderung der Vergewaltigung sei derart vage, dass sie von irgendeiner Person stammen könnte, die eine solche Straftat beschreiben müsste.

Das Gericht fand sowohl Ungereimtheiten in den Aussagen der jungen Frau wie auch in den Aussagen Rauls.

Die Zweifel waren schliesslich grösser, als dass Raul hätte verurteilt werden können.

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