Bezirksgericht Lenzburg
31-Jähriger prügelte seinen Nachbarn spitalreif: «Es sollte ein Denkzettel sein»

Ein 31-jähriger stand vor der Bezirksrichterin, angeklagt wegen versuchter schwerer Körperverletzung. Konkret griff er seinen 54-jährigen Schweizer Nachbarn eines Nachts an, als dieser das Auto nach Feierabend parkiert hatte. Doch war er unzurechnungsfähig?

Deborah Onnis
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Bezirksgericht Lenzburg: Laut der Anklageschrift erklärte der Beschuldigte, der in der Schweiz aufwuchs, seine Tat mit vorangegangenem Mobbing.

Bezirksgericht Lenzburg: Laut der Anklageschrift erklärte der Beschuldigte, der in der Schweiz aufwuchs, seine Tat mit vorangegangenem Mobbing.

Elia Diehl

Wäre es nur nach den Akten gegangen, wäre das Urteil am Bezirksgericht Lenzburg wohl anders ausgefallen beziehungsweise wäre überhaupt eins gefallen. Das auffällige Verhalten des Beschuldigten während der Verhandlung irritierte die Richterin. Sie schob einen allfälligen Schuldspruch auf und verlangte stattdessen eine psychologische Abklärung des Angeklagten.

Der Blick nach unten gerichtet, abwesend, die Hände verschränkt – so sass der 31-jährige Beschuldigte mit türkischen Wurzeln während der ganzen Verhandlung da. Angeklagt wurde er wegen versuchter schwerer Körperverletzung. Konkret griff er seinen 54-jährigen Schweizer Nachbarn eines Nachts an, als dieser das Auto nach Feierabend parkiert hatte. Mit Tritten und Schlägen prügelte er den Nachbarn spitalreif. Später musste dessen Nase operativ gerichtet werden. Noch heute kann sich der Kläger aus Staufen den Grund des Angriffs nicht erklären. «Ich kenne die Nachbarsfamilie schon lange und hatte bis zu diesem Zeitpunkt nie Probleme.» Aus Angst um die Sicherheit seiner Familie zog der Kläger kurz nach der Tat um. Noch immer beschäftige ihn der Vorfall, sagt er vor Gericht.

Laut der Anklageschrift erklärte der Beschuldigte, der in der Schweiz aufwuchs, seine Tat mit vorangegangenem Mobbing. Konkret sei er vom Kläger seit einiger Zeit provoziert und gehänselt worden. «Was hat er genau gemacht, dass Sie sich so gefühlt haben?», fragte Gerichtspräsidentin Eva Lüscher. Einen Moment blieb es still im Raum. Der Beschuldigte strengte sich sichtlich an, als habe er die Frage nicht richtig erfasst, wiederholte sie leise vor sich hin. Seine Antwort kam zögernd und sehr leise: «Er pfiff, er hänselte mich – so wie es in der Schule gemacht wird.»

«Ich wollte ihn nicht so fest verletzen»

Was ihm der Kläger denn genau gesagt habe, wollte die Gerichtspräsidentin wissen. Der Beschuldigte, der nach der Kleinklasse die Realschule besuchte und nie eine Lehre gemacht hatte, überlegte angestrengt. Wiederum repetierte er die Frage für sich, als hoffe er dadurch, die Antwort zu finden. Eine Antwort blieb er jedoch schuldig. Was er sich dabei gedacht habe, als er zuschlug? Er stellte sich die gleiche Frage leise und sagte dann: «Ich wollte ihn nicht so stark verletzen» und wiederholte, was sein Anwalt bereits gesagt hatte: «Ich wollte ihm nur einen Denkzettel verpassen.»

Warum er nicht aufgehört habe, den Kläger zu schlagen, als er schon blutend am Boden lag, fragte Lüscher weiter. Ob er sich bewusst sei, welche Folgen Fusstritte in den Kopf haben können. «Ja, er hatte einfach Nasenbluten», sagte der Beschuldigte. Er habe dem Kläger nur Angst machen wollen, beteuerte der ehemalige Betriebsmitarbeiter. Heute hat er keine Arbeit mehr und ist ausgesteuert. Er lebt bei seinen Eltern, wo er mietfrei wohnen kann.

Eva Lüscher gab nicht nach und insistierte weiter. Was er fühle, wenn er heute an die Tat zurückdenke, fragte sie. «Ich habe es eigentlich schon vergessen», antwortete der 31-Jährige. Und: «Ich denke heute nicht mehr daran.» Zwar hat er sich wenige Tage nach der Tat beim Kläger entschuldigt, doch dieser «hat die Tat aber noch lange nicht vergessen», versuchte Lüscher dem Beschuldigten die Konsequenzen seines tätlichen Angriffs klarzumachen.

Einfache Körperverletzung?

Der Anwalt des Beschuldigten plädierte für die Verurteilung wegen einfacher Körperverletzung, weil sich sein Mandant der möglichen Folgen gar nicht bewusst gewesen sei. Die Anwältin des Klägers forderte Schadenersatz und eine Genugtuung von 10 000 Franken.

Das Urteil blieb aus. «Nach dem heutigen Eindruck bleibt noch zu vieles offen», sagte Gerichtspräsidentin Eva Lüscher. Aus den Akten komme nicht hervor, ob eventuell eine verminderte Intelligenz oder eine andere Beeinträchtigung vorliege. Ein psychologisches Gutachten soll nun die Schuldfähigkeit des Beschuldigten abklären.

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