Dintikon

30 Jahre waren Aldo und sein Johny auf Wanderschaft – nun ist der berühmteste Esel im Freiamt tot

zvg / Wohler Anzeiger

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Aldo Schaffner und sein Esel Johny.

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Seit 1987 spazierten Aldo Schaffner und sein Esel Johny jeden Tag durch die Dörfer um Dintikon, stoppten bei Fussballplätzen und an Fasnachtsumzügen. Jetzt ist Johny im stolzen Eselalter von 40 Jahren verstorben.

Die Fussballmannschaften warteten auf den Pfiff zum Anstoss. Der Speaker jedoch war mit seinen Gedanken neben dem Spielfeld. «Wir begrüssen Esel Johny und Aldo!», hallte es über den Dottiker Fussballplatz. Am Spielfeldrand drehten sich die Köpfe zu Aldo Schaffner, der mit seinem Johny, dem berühmtesten Esel im Unterfreiamt, inmitten der Zuschauer stand.

Aldo und Johny, das ist die Geschichte einer aussergewöhnlichen Männerfreundschaft. Eine Freundschaft, die nun mit dem Tod von Johny nach 30 Jahren zu Ende gegangen ist. Aldo Schaffner (74), den alle Aldo nennen, ging seit den 1980er-Jahren fast täglich mit seinem Esel spazieren. Sie wanderten nach Hendschiken zu Aldos Elternhaus, nach Dottikon auf den Fussballplatz, oder nach Lenzburg, wo Aldos Mutter im Altersheim lebte.

Während Mutter und Sohn dort Kaffee tranken, stürzte sich Johny draussen auf die saftigen Gräser. Mit dem Esel konnte sich Aldos Mutter nie richtig anfreunden, was Johny nicht entging. Als sich die ältere Frau einmal bückte, versetzte er ihr einen sanften Stoss.

Aldo Schaffner über seinen verstorbenen Esel Johny.

Aldo Schaffner über seinen verstorbenen Esel Johny.

Dintikon: Der berühmteste Esel im Unterfreiamt ist nicht mehr. Rund 30 Jahre lang war der Dintiker Aldo Schaffner mit seinem Johny durch die Dörfer, Wälder und Fasnachtsumzüge der Region spaziert. Zwei Originale, eine Männerfreundschaft.

Johny, der Fasnächtler

Solche Geschichten haben Aldo und Johny weitherum bekannt gemacht. Ihre Spaziergänge führten sie auch nach Hägglingen, Wohlen, Villmergen und Sarmenstorf, manchmal mit einer Übernachtung nach Muri. Als Aldo noch im Werkhof Sarmenstorf arbeitete, brachen die beiden jeweils um 19 Uhr auf und kamen selten vor 22 Uhr zurück.

Nach Aldos Pensionierung wurden die Spaziergänge noch länger. Zügig kamen die beiden nicht voran: Wenn Johny fressen wollte, zog Aldo den Klappstuhl von seinem Rücken und wartete, bis der Hunger gestillt war. Das tat Aldo oft beim Dintiker Kreisel. Dort wächst ungedüngtes Gras. «Danke, dass ich das miterleben darf», sagte einmal ein Autofahrer und drückte Aldo spontan ein Zwanzigernötli in die Hand. Auch der frühere Sarmenstorfer Gemeindeammann Roman Lindenmann sah Aldo und Johny oft beim Kreisel. «Johny frass friedlich vor sich hin und Aldo hörte auf seinem Stuhl Radio.» Ein unvergessliches Bild.

Wohin Johny und Aldo auch gingen, sie fielen auf, sogar inmitten bunter Fasnachtsumzüge. Dort standen die beiden Originale gern am Strassenrand. «Johny war ein richtiger Fasnächtler», erzählt Aldo Schaffner. «Hörte er eine Guggenmusig, wusste er sofort: Jetzt gibts von den Kindern Süsses!» Die Kinder hatten Freude an Johny, und Aldo erfreute sich der Kinderaugen. Nur ein paar wenige Zuschauer schüttelten den Kopf, als Johny bunt bemalt an einem Fasnachtsumzug auftauchte. «Das war nur Haarspray, das sofort wieder wegging», sagt Aldo. «Das sah doch super aus!»

Aldo Schaffner erinnert sich an Fasnachtsumzüge mit Johny.

Aldo Schaffner erinnert sich an Fasnachtsumzüge mit Johny.

Dintikon: Der berühmteste Esel im Unterfreiamt ist nicht mehr. Rund 30 Jahre lang war der Dintiker Aldo Schaffner mit seinem Johny durch die Dörfer, Wälder und Fasnachtsumzüge der Region spaziert. Zwei Originale, eine Männerfreundschaft.

Tochter wünschte sich Esel

Begonnen hatte die besondere Freundschaft 1987. Aldo und seine Frau Sybille nahmen den neunjährigen Johny bei sich auf, weil sich ihre Tochter einen Esel wünschte. «Aldo verbrachte viel Zeit, um ihn zu zähmen», erzählt Sybille Schaffner. «Zum Glück hatte ich meine Hasen, meinen Mann sah ich damals selten.»

Johny wurde schnell Familienmitglied. Sein Bewegungsradius um das Bauernhaus an der Dintiker Bergstrasse wurde immer grösser. Briefträger liessen im nebligen Herbst vor Schreck ihre Pakete fallen, als der schwarze Johny aus dem Nichts neben dem Briefkasten auftauchte. Ab und zu verirrte sich der Esel ins Schlafzimmer. In einem harten Winter nahm ihn die Familie Schaffner selber ins Haus und stellte ihn in die Küche. Dort vergassen sie ihn jedoch, bis sich ein unangenehmer Geruch breitmachte. 

Berührungsängste hatten Aldo und Sybille Schaffner gegenüber Johny nie. «Johny war ein lieber Esel.» Während 30 Jahren habe er nie einen der vielen Hasen im Stall getreten – obwohl diese an ihm hochkletterten. Auch wenn die Nachbarkinder Johny Süsses entgegenstreckten, packte er dieses immer sanft mit den Lippen.

Und doch hatte es Johny faustdick hinter den Ohren. Seine Beziehung zu den prächtigen Blumen im Garten von Sybille Schaffner war immer von kurzer Dauer. Nachts erkundete Johny fremde Gemüsebeete. Doch die Nachbarn waren Johny gut gesinnt: Einmal schlug er mit Gebrüll Einbrecher in die Flucht.

Ein Draufgänger war Johny trotzdem nicht: Setzte sich eine Fliege auf sein Ohr, trottete er zu Aldo, damit dieser sie verscheucht. Noch mehr hasste Johny Regen. «Nur zwei Tropfen Wasser und nichts ging mehr bei ihm», erzählt Aldo. Lieber verkroch sich der Esel im Stall, als nass zu werden.

Johny wird im Garten beigesetzt

Auch jetzt hat sich Johny verkrochen. Für immer. Vor wenigen Tagen musste er eingeschläfert werden. Im Alter von 40 Jahren. «Er hatte keine Kraft mehr», sagt Aldo traurig. «Als Johny abgeholt wurde, war das schlimm für uns.» Trost geben die vielen Menschen, die ihr Beileid ausdrücken: im Denner, auf der Strasse, am Telefon, auf Facebook. Um sich abzulenken, stürzt sich Aldo in Gartenarbeit. Und er will wieder spazieren gehen, auch ohne seinen Begleiter.

Johny wird Aldo und Sybille Schaffner aber nahe bleiben: Sie haben ihn kremieren lassen und werden die Asche im Vorgarten beisetzen. «Es muss aber unter dem Vordach sein», sagt Aldo, und ergänzt mit breitem Lächeln: «Weiter raus geht nicht, unser Johny hat ja nicht gerne Wasser.»

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