Bundesgericht
280 Liter K.o.-Tropfen verkauft: Händler bleibt im Gefängnis sitzen

Vor zwei Jahren hatte das Bezirksgericht Lenzburg einen Seetaler wegen des Handels von K.o.-Tropfen schuldig gesprochen. Gegen das Urteil wehrte er sich – und zog bis vor das Bundesgericht.

Philipp Zimmermann
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K.o-Tropfen in Röhrchen: Ein Aargauer verkaufte rund 140'000 Konsumeinheiten. (Symbolbild)

K.o-Tropfen in Röhrchen: Ein Aargauer verkaufte rund 140'000 Konsumeinheiten. (Symbolbild)

Keystone

Es war der bis dahin grösste Fall von K.o.-Tropfen-Handel: Im Juni 2012 verurteilte das Bezirksgericht Lenzburg einen 33-Jährigen, weil er 280 Liter der flüssigen Droge GBL (Gammahydroxybutyrolacton) - auch als K.o.-Tropfen bekannt - verkauft hatte. Vier Jahre Freiheitsstrafe wegen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz lautete das Urteil. Der Angeklagte habe egoistisch, skrupellos und aus finanziellen Gründen gehandelt, heisst es in der Urteilsbegründung. Doch der Händler akzeptierte das Urteil nicht und zog deswegen bis vor das Bundesgericht.

Bundesamt warnt: So gefährlich sind K.o.-Tropfen

GHB (4-Hydroxybuttersäure ) wird seit Jahren als Partydroge (Liquid Ecstasy) und K.o.-Tropfen missbraucht. Seit 2002 steht GHB unter dem Betäubungsmittelgesetz. Danach erfuhr der Konsum von GBL (Gammahydroxybutyrolacton) einen Boom. Bereits fünfzehn Minuten nach der Einnahme einer niedrigen Dosis macht sich laut Bundesamt für Gesundheit bei Konsumenten eine Enthemmung und Euphorie breit, die schliesslich in Müdigkeit übergeht. Werden die Substanzen überdosiert, kommt es zu Übelkeit, Benommenheit, tiefer Bewusstlosigkeit und Atemnot. Nach dem Aufwachen können sich die Opfer an nichts mehr erinnern. Deshalb wird die Substanz, die fast geruch- und geschmacklos ist, missbräuchlich als K.o.-Tropfen verwendet.

Denn damals hatte er das GBL nicht als Droge, sondern als Reinigungsmittel mit dem klangvollen Namen «Remove» verkauft, mit dem sich etwa Graffiti und Flecken entfernen lassen. Das Geschäft florierte. Viermal bestellte er übers Internet die Flüssigkeit in 200-Liter-Fässern aus dem deutschen Wuppertal. Das war legal, denn er besass eine Bewilligung für die Einfuhr. Die Substanz wird in der Industrie in grossen Mengen eingesetzt.

Putzmittel oder Droge?

Allerdings vertrieb der Informatiker aus dem Seetal die Substanz in Mengen von 0,1 bis 3 Litern über seine eigene Website mit einem Literpreis von rund 200 Franken. Ein Preis, der für ein Putzmittel schlichtweg horrend ist. Nicht verwunderlich, dass 76 seiner Kunden angaben, die Flüssigkeit als Droge konsumiert zu haben: Über 280 Liter orderten sie. Das entspricht rund 140'000 Konsumeinheiten bei einer durchschnittlichen Menge von zirka zwei Millilitern. Der Angeklagte verkaufte weitere über 500 Liter, doch dabei liess sich nicht nachweisen, dass die Substanz tatsächlich als Betäubungsmittel verwendet wurde.

Der Handel zahlte sich für den Seetaler aus: Dank einer Marge von bis zu 1900 Prozent kassierte er während zwei Jahren rund 50 000 Franken. Er deckte mit den Einnahmen einen namhaften Teil seiner Lebenskosten, bei einem Aufwand von ein bis zwei Tagen pro Woche. Trotzdem führte er damals vor Gericht aus, das Geld habe ihn nie interessiert. Seine Motivation für das Geschäft sei eine andere gewesen: «Ich wollte die Anerkennung meines Vaters gewinnen, die ich nie erhielt.»

Vor Bundesgericht machte er einen Verbotsirrtum geltend, also dass er nicht gewusst habe, dass GBL ein sogenannter Ester von GHB (4-Hydroxybuttersäure) sei, deshalb nicht explizit im Betäubungsmittelgesetz aufgeführt war, aber trotzdem unter dieses falle. Ein Verbotsirrturm liegt vor, wenn ein Täter nicht weiss und nicht wissen kann, dass er sich rechtswidrig verhält.

Schon früher Drogen verkauft

Doch laut Bundesgericht hatte der Mann sehr wohl via Medien erfahren, dass GBL als Droge missbraucht werde. Und er sei auf die missbräuchliche Verwendung seines Produktes «Remove» explizit von einem Vater eines Käufers aufmerksam gemacht worden. Aktenkundig war der Händler bereits 1998 wegen Marihuana-Konsums und ein Jahr später wegen Handels mit sogenannten «Magic Mushrooms». Diese

sogenannten Zauberpilze lösen Halluzinationen aus und wirken ähnlich wie die Droge LSD, wenn auch kürzer. Viele seiner 76 Kunden mussten gesundheitliche Folgen hinnehmen. Einige berichten von Bewusstseinsverlust, Schlafstörungen und Gedächtnisstörungen. Andere wachten nachts alle zwei Stunden auf oder brauchten GBL bereits am Morgen, um bei der Arbeit Leistung bringen zu können. Andere wurden süchtig, was sich in etwa in starken Entzugserscheinungen, Angstzuständen, Wahnvorstellungen oder Appetitlosigkeit niederschlug. Ein junger Mann, der aus dem gelieferten GBL die Droge GHB hergestellt hatte, fiel wegen einer Überdosis sogar in einen komatösen Zustand.

«Habe mich ans Gesetz gehalten»

Der «Remove»-Verkäufer hatte vor Bezirksgericht Lenzburg gesagt, dass er die Untersuchungshaft als Schock empfunden habe. Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, welche Strafe er sich selber geben würde, sagte der Mann damals: «Keine, weil ich mich ans Gesetz gehalten habe.» Moralisch gestand er eine grosse Schuld ein. Wie die Vorinstanzen, beurteilt auch das Bundesgericht die Sachlage anders. Vor kurzem haben die Lausanner Richter seine Beschwerde abgelehnt und die vier Jahre Gefängnis bestätigt.