Lenzburg
20 Jahre Rudolf-Steiner-Sonderschule – weshalb braucht es sie? «Wir bringen ihnen das Leben bei»

Die Rudolf-Steiner-Sonderschule feiert 20 Jahre. Ein Lehrer erklärt, weshalb es die Schule braucht

Janine Gloor
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Clemens Borter ist Sonderschullehrer.

Clemens Borter ist Sonderschullehrer.

Janine Gloor

Herr Borter, wieso wurde die Rudolf-Steiner-Sonderschule gegründet?

Clemens Borter: An der Rudolf-Steiner-Schule in Schafisheim gab es Kinder, die mit den Klassengrössen überfordert waren. Die Eltern suchten nach einer Lösung, damit sich ihre Kinder in der Schule wohlfühlen können. So entstand die Sonderschule.

20 Jahre Sonderschule: Vom Privathaus in den Ergänzungsbau

Im Mai 1997 erhielt die Rudolf-Steiner-Sonderschule die Schulbewilligung des Kantons. Anfangs fand der Unterricht in einem Privathaus statt, aufgrund der vielen Anmeldungen musste schnell ein neuer Ort gefunden werden. Zwischenzeitlich wurde auch im «Gleis 1» unterrichtet. 2002 zog die Schule in das «Hitachi-Haus» an der Bahnhofstrasse, 2014 wurde der Ergänzungsbau eingeweiht. Heute besuchen 67 Schülerinnen und Schüler die sonderpädagogisch geführte Tagesschule. (JGL)

Sind alle Schüler und Schülerinnen der Sonderschule Ehemalige der regulären Rudolf-Steiner-Schule?

Nein, nur wenige haben diesen Hintergrund. Vor zwanzig Jahren mussten Wege gefunden werden, um die Schule finanzieren zu können. Die Rudolf-Steiner-Schule wird über Elterngelder finanziert, noch eine Sonderschule zu betreiben, wäre zu teuer gewesen. Deshalb haben wir das Projekt beim Kanton angemeldet. Die Schule wurde anerkannt und unterstützt.

Woher kommen die Schüler?

Aus dem ganzen Kanton. Dass der Bedarf da ist, merken wir an den Anmeldungen. Es gab Jahre, in denen wir bis zu 50 Kindern absagen mussten.

Wieso können Ihre Schüler nicht die reguläre Schule besuchen?

Jedes Kind hat seine eigene Geschichte. Grundsätzlich kann man sagen, dass unsere Schüler mehr Zeit brauchen. In der regulären Schule gehen diese Kinder unter. In der Sonderschule versuchen wir jedoch, sie auf einen eventuellen Übertritt in die Regelschule vorzubereiten. Wer in die Sonderschule eintritt, bleibt nicht automatisch bis zum Schulabschluss.

Können Sie ein Beispiel machen?

Stellen Sie sich vor, ein Mädchen ist Legasthenikerin. Da sie jedes Diktat mitmachen muss, kriegt sie eine Eins nach der anderen. Das führt zu einer grossen Frustration, die Leistungen in den anderen Fächern gehen ebenfalls zurück. Womöglich kommen noch Hänseleien dazu. Solche Situationen können zu einer Schulblockade führen. Die Kinder weigern sich, in die Schule zu gehen.

Und bei Ihnen weigern sie sich nicht?

Wir können die Situation ändern. Wir bieten alle Klassen von der ersten bis zur neunten an. Je älter die Kinder sind, desto stärker ausgeprägt kann die Frustration sein.

Was tun Sie in einem solchen Fall?

Wir suchen eine Lösung, wenn nötig im gesamten Lehrerkollegium. Wir hatten einmal ein Kind, das hat sich während jeder Schulstunde unter das Pult gesetzt und nicht am Unterricht teilgenommen. Weil wir da nicht weitergekommen sind, haben wir es ein Jahr in den Küchendienst geschickt. Das Kind blühte auf.

Ein Jahr ist eine lange Zeit.

Für uns gibt es keine verlorene Zeit. Unser Ziel ist, den Kindern den kantonalen Lehrplan beizubringen. Wir sind eine Sonderschule, keine heilpädagogische Schule. Doch wir können mehr Zeit und Aufmerksamkeit aufwenden als die Regelschule.

Welche Methoden haben sich bewährt?

Es ist wichtig, dass die Kinder Wertschätzung erleben, auch ausserhalb des Klassenzimmers. Regelmässig verbringen Schüler einen Sommer auf der Alp. Dort kümmern sie sich um die Kühe und lernen, dass sie gebraucht und geschätzt werden. Auch wenn es vielleicht im Rechnen nicht so gut läuft. Wir bringen ihnen das Leben bei.

Was machen Ihre Schüler nach der neunten Klasse?

Wir haben bis jetzt noch für alle Schüler eine Lösung gefunden. Mit Praktika während der Schulzeit bereiten wir sie auf die Arbeitswelt vor. Viele machen eine zweijährige berufliche Grundbildung mit Berufsattest (EBA). Ein ehemaliger Schüler hatte danach noch die reguläre Lehre angehängt. Er bestand das Diplom, brauchte einfach mehr Zeit.