Jubiläum

150 Jahre Gefängnis Lenzburg: Jubiläum mit Sonderausstellung

Die Strafanstalt Lenzburg blickt auf ihre 150-jährige Geschichte zurück. 1864 war es das architektonisch modernste Gefängnis in Europa. Das Museum Burghalde in Lenzburg erlaubt nun einen Blick in die Strafanstalt.

Vor seiner Wahl in den Regierungsrat 2009 unternahm Justizdirektor Urs Hofmann eine Reise in die Antarktis. «Ausgangspunkt war Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, dort steht der Zwilling dieses Gefängnisses», sagte Hofmann beim Festakt zum 150-jährigen Bestehen der Strafanstalt Lenzburg. «In Argentinien wird das Gefängnis heute als Museum benutzt, hier in Lenzburg kann ich Sie heute in einer sehr modernen Anstalt begrüssen», verglich Hofmann. Dies war schon am 22. August 1864 so, als die ersten Häftlinge in Lenzburg einzogen.

Architektonisch war es das modernste Gefängnis Europas, und auch für den Strafvollzug hatte die Anstalt eine Vorbildfunktion. «Zuvor galt der Grundsatz von Vergeltung und Abschreckung, unter dem humanen Gefängnisdirektor Rudolf Müller sollten die Häftlinge durch Bildung, religiöse Einwirkung und geeignete Arbeit auf ihr Leben in Freiheit vorbereitet werden», führte Hofmann aus. So führte Müller unter anderem ein Anreizsystem ein, das bei gutem Betragen und Fleiss eine vorzeitige Entlassung der Häftlinge vorsah.

Urs Hofmann wies zudem darauf hin, dass die Justizvollzugsanstalt Lenzburg auch heute noch Vorbildcharakter habe. «Mit dem Bau des Zentralgefängnisses und eines neuen Produktionsgebäudes sowie der ersten Abteilung für über 60-jährige Häftlinge in der Schweiz wird die Weiterentwicklung fortgeführt», sagte er.

Wie lebt es sich auf 7 Quadratmetern? Eine Aussstellung gibt einen Einblick in den Alltag der JVA Lenzburg

Wie lebt es sich auf 7 Quadratmetern? Eine Aussstellung gibt einen Einblick in den Alltag der JVA Lenzburg

Aargau als Pionierkanton

Der emeritierte Berner Strafrechtsprofessor Andrea Bächtold, der mehrere Bücher zum Strafvollzug verfasst hat, stellte sich die Frage, ob das Jubiläum einer Strafanstalt überhaupt ein Grund für eine Feier sei. «Aus meiner Sicht sind die 150 Jahre ein Anlass, um verhalten zu feiern», befand Bächtold. So habe der Kanton Aargau das erste kantonale Strafgesetzbuch geschaffen, schon im 19. Jahrhundert die bedingte Entlassung für Gefangene eingeführt und in Lenzburg das Prinzip erziehen statt strafen umgesetzt», zählte er auf.

Der Aargau und Lenzburg hätten die Entwicklung des Strafvollzugs in der Schweiz gefördert und geprägt, hielt Bächtold fest. «Dies ist natürlich auch eine Verpflichtung, und ich hoffe, dass es in 50 Jahren erneut Anlass zum Feiern gibt», blickte er voraus.

Peter Schulthess, Autor des Buches «Damals in Lenzburg: Alltag in der Strafanstalt 1864-2014» geht davon aus, dass die Anstalt schon in 25 Jahren privatisiert sein wird. Schulthess erzählte Anekdoten aus seinem Buch – so war die Frau des Anstaltsdirektors lange auch automatisch gleich Oberaufseherin im Frauengefängnis.

Nach dem Festakt überreichte der heutige Direktor Marcel Ruf den drei Rednern einen Früchtekorb mit einem Lenzburger Gitterstab aus Schokolade. «Sie werden jetzt alle wieder entlassen», scherzte Ruf, bevor die Gäste zum Museum Burghalde fuhren, wo die Sonderausstellung zur Strafanstalt eröffnet wurde.

150 Jahre-Feier der Strafanstalt Lenzburg

150 Jahre-Feier Lenzburg

Museum bringt seine Besucher hinter Gitter

Seit 150 Jahren leben Lenzburg und die Justizvollzugsanstalt (JVA) in friedlicher Koexistenz. Der Bevölkerungszuwachs betrifft sowohl die Stadt als auch die Anstalt. Verdichtung hier wie dort. Doch näher kommen sie sich nicht. Der «Fünfstern» ist und bleibt eine Welt für sich. Wer unbedingt hier Wohnsitz nehmen muss, bleibt sicher im Quartier.

Zur Feier des 150-jährigen Bestehens der JVA gewährt das Museum Burghalde jetzt einen Blick hinter die hohen Mauern. Die Sonderausstellung lässt den Besucher ahnen, was ihm in der Regel verwehrt bleibt, wie es sich verwahrt hinter Schloss und Riegel (über)leben lässt.

Beklemmung keimt schon beim Betreten der repräsentativen Zurschaustellung im Museumsannex, der alten Seifenfabrik. Beengt und bedrängt im labyrinthischen Rundlauf, geht es auf kleinem Raum auf der langen Zeit-achse von 150 Jahren stationenweise von den Anfängen bis zur Gegenwart. Obwohl eine Strafanstalts-Nachbildung im Mini-Format, ist die Atmosphäre des Ein- und Weggeschlossenseins unter Daueraufsicht, die buchstäbliche Auswegslosigkeit, das temporäre Ende der Freiheit spürbar.

Der Eintritt in die Anstalt ist der Austritt aus der selbstbestimmten Gesellschaft. Die strengen Ausstellungs-Regeln sind jenen in der Strafanstalt nachempfunden: Telefonieren verboten; nur sachbezogene Gespräche erlaubt; Kontaktaufnahme durch das Zellenfenster verboten; Anweisungen des Personals sind zu befolgen; der Austritt ist erst nach einer Kontrolle erlaubt. Am Empfang werden persönliche Gegenstände behändigt und im Schliessfach eingeschlossen.

Zellenerlebnis für Besucher

Der Weg führt vorbei an einer Wand voller Verbrechervisagen. Der Metalldetektor piepst, die Zivilbekleidung wird inklusive Unterwäsche abgelegt. Das historisch möblierte Direktionsbüro steht in schroffem Gegensatz zur nachgebauten Zelle aus den 1960er-Jahren. Sie lässt den Besucher am eigenen Leib erfahren, was Leben in einer sieben Quadratmeter grossen Klause bedeutet, täglich bis zu 15, an Wochenenden bis 19 Stunden. Warmwasser gibt’s keines, das WC war im Wandschrank. Das Fenster ist hoch gesetzt: Der Gefangene soll zur Besserung demütig zum Himmel und zu Gott aufschauen. Das wird mit der Renovation anders. Im Hochsicherheitstrakt ist es noch ungemütlicher.

Mit Fotos, Texten und Objekten wird die Vergangenheit aufgerollt. Wie kam die Strafanstalt während Weltkriegen und Wirtschaftskrisen über die Runden? Wie weit ging in den 60er-Jahren die Liberalisierung? Wie wurde man der Drogenwelle Herr, wie handhabt man das Handy-Problem? Und wie managt man das Völkergemisch aus 47 Ländern? Beschlagnahmte uralte Fundstücke aus dem Keller belegen die kriminelle Kreativität der Insassen, mehr als nur Strickleitern aus Socken und Fluchtseile aus Lumpen. Die Ausstellung lässt Gefangene mit ihren Ängsten, Sorgen und Frustrationen zu Wort kommen, aber auch das Personal, das den Justizvollzug umzusetzen hat.

Als die Strafanstalt Lenzburg 1864 anstelle des abgebrannten Zuchthauses in Baden erstellt wurde, war sie schon in Bau und Betrieb pionierhaft. Der «humane Strafvollzug» brachte nebst Sicherheit auch den Wandel von der Rache und Sühne zur Resozialisierung der Gefangenen. Trotz der Umbenennung von Strafanstalt zu Justizvollzugsanstalt ist «Kuscheljustiz» kein Kriterium. Wer die Ausstellung aufatmend verlässt, weiss jetzt verlässlich: Der «Fünfstern» ist weder Luxushotel noch Wellnessoase.

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