Die alte Winterlinde vor dem Müli Märt hat in ihrem Leben schon manchem Sturm getrotzt. Sie ist Teil der ursprünglichen Baumallee, welche die um 1870 angelegte Lenzburger Bahnhofstrasse säumte und dürfte nach Schätzung von Tiefbauamtsleiter Christian Brenner um das Jahr 1900 gepflanzt worden sein. Über 100 Jahre lang spendete der stolze Lindenbaum mit seinen drei Dolden den Lenzburgern Schatten und trug zum einladenden Stadtbild bei. Doch die Jahrzehnte gingen nicht spurlos am grünen Riesen vorbei — denn ein Stadtbaum hat es nicht leicht: «Hier in de Stadt muss die Linde mit deutlich weniger Wurzelraum auskommen als in der freien Natur» erklärt Christian Brenner. Zudem sei sie verschiedenen schädlichen Einflüssen ausgesetzt, beispielsweise dem Streusalz im Winter oder den Belastungen während Bauarbeiten. Heute manifestieren sich all diese Strapazen in Form zahlreicher sichtbarer und unsichtbarer Beschädigungen: von Pilz- und Bakterienbefall verursachter, dunkler Schleimfluss, lange, tiefe Risse, fehlende Rinde und Höhlungen.

Steigendes Risiko

Spezielle Zugmessungen haben zudem gezeigt, dass die Linde von Jahr zu Jahr schwächer wird, wodurch das Risiko steigt, dass sie eines Tages umstürzen oder ein Teil von ihr abbrechen könnte. Um die Gefahr zu mindern, hat man schon vor einigen Jahren die Krone ausgedünnt und die drei Dolden mit Seilzügen miteinander verbunden. Doch nun ist der Rettungsspielraum ausgeschöpft und der altgediente Stadtbaum fällt am 23. November — zusammen mit drei weiteren Linden weiter stadtauswärts — der Motorsäge anheim.

Bedeutet dies, dass Lenzburg künftig von weniger Bäumen begrünt wird? «Selbstverständlich nicht», erklärt Christian Brenner: «Unser Ziel ist es, jeden Baum, der gefällt wird, durch einen neuen zu ersetzen. So, dass der Bestand der Stadtbäume stabil bleibt oder sogar etwas zunimmt.» Dieses Jahr sind es 14 Bäume, die auf dem Lenzburger Stadtgebiet (ohne private Flächen) ersetzt werden müssen, was ziemlich genau einem Prozent der total 1450 Stadtbäume entspricht. Das Anpflanzen der neuen Bäume übernimmt übrigens auch das Lenzburger Tiefbauamt selber. So auch bei der Müli-Märt-Linde: «Um dem neuen Lindenbäumchen optimale Anwuchsbedingungen zu bieten, wird es ein wenig günstiger zwischen die vorhandenen Mäuerchen platziert und bekommt als Starthilfe ein spezielles Baumsubstrat.»

Die Ersatzbäume für die drei anderen überalterten Linden an der Bahnhofstrasse kommen übrigens vorerst noch nicht in den Boden, sondern in spezielle, riesige «Baumtöpfe» aus Schweden — und zwar so lange, bis klar ist, wie die Neugestaltung der Bahnhofstasse dereinst aussehen soll. Und was geschieht mit den gefällten Stadtbäumen? «Sie werden im Werkhof zu Brennholz verarbeitet, welches wir später kostenlos an den Lenzburger Feuerstellen zur Verfügung stellen», so Brenner.