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13. Türchen: Vor 300 Jahren wollte niemand den Flüchtling bei sich haben

Wie Jean Poulet vor über 300 Jahren in Lenzburg eine neue Heimat suchte – und keine fand.

Ruth Steiner
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Hinter den zwei silbernen Jagdschalen in der Museums-Ausstellung verbirgt sich für Museumsleiterin Christine von Arx eine menschliche Tragödie.

Hinter den zwei silbernen Jagdschalen in der Museums-Ausstellung verbirgt sich für Museumsleiterin Christine von Arx eine menschliche Tragödie.

Ohne Glacéhandschuhe dürfen derart wertvolle kunsthistorische Objekte auf gar keinen Fall berührt werden. «Ich habe mir extra ein neues Paar beschafft», sagt Christine von Arx, Leiterin des Museums Burghalde, lacht und stülpt sich die zwei schneeweissen Fäustlinge über die Hände.

Vorsichtig hebt sie zwei blank polierte, kleine ovale Gefässe aus einer Vitrine in der Museumsausstellung und stellt sie vor sich auf den Tisch. Es sind zwei silberne Jagdschalen mit vergoldeten Rändern. Ende 17. Jahrhundert seien sie von einer gut gestellten Familie in der Region in Auftrag gegeben worden, weiss von Arx.

Gefertigt von Jean Poulet. Der Goldschmied war während der grausamen, religiös motivierten Auseinandersetzungen in Frankreich vor über 300 Jahren mit 45 000 protestantischen Glaubensbrüdern in die Schweiz gekommen. In Lenzburg hoffte er eine neue Heimat zu finden. Vergebens.

Flüchtlingsströme einst wie jetzt

Poulets Geschichte ist für die Museumsleiterin aus einem ganz bestimmten Grund bedeutungsvoll. «Obwohl sie Jahrhunderte zurückliegt, hat sie mehr Aktualität, als man auf den ersten Blick annehmen könnte.

Millionen von Menschen teilen auch heutzutage Poulets Los. Sie sind auf der Flucht vor den Gewaltakten in ihrem Land und suchen in der Fremde ein neues Zuhause.» Den hugenottischen Flüchtlingen aus Frankreich brachte man in der Schweiz anfänglich viel Sympathie entgegen, erzählt Christine von Arx.

Man kümmerte sich um die Glaubensgenossen. Aber eben: Eine rechtsgültige Aufenthaltsbewilligung wurde den meisten verweigert. So auch Poulet. Zwar wird sein Aufenthaltsrecht immer wieder verlängert. In Lenzburg arbeitete er als Goldschmied. In dieser Zeit sind auch die beiden Jagdschalen entstanden. Sie tragen beide den Stempel von Lenzburg.

Sein Gesuch um endgültige Aufnahme in der Stadt wird Jean Poulet jedoch verweigert. «Lenzburg hat seinen Antrag um Aufnahme ins Gemeindebürgerrecht zweimal abgelehnt», weiss von Arx. Poulet versucht es nun in Möriken-Wildegg und wird dort als Hintersasse, als ein von einem Gutsherrn Abhängiger, aufgenommen.

Doch auch hier konnte er nicht sesshaft werden. Vermutlich führte ein Zwischenfall mit seinem Sohn – dieser hatte angeblich ein uneheliches Kind gezeugt und kam deswegen vors Kirchengericht – dazu, dass Vater und Sohn nach Lausanne umzogen. Jean Poulet starb dort, wohl ebenso sein Sohn.

Hugenotten waren unerwünscht

Jean Poulet kann als exemplarisch für viele Hugenottenschicksale in der Schweiz angesehen werden, sagt Christine von Arx. «Nur geduldet, vom einheimischen Gewerbe mit Argwohn und Ablehnung betrachtet.

Eine Konkurrenz, die man möglichst schnell loswerden wollte und alles daran setzte, um eine definitive Aufnahme der Flüchtlinge zu verhindern. Letztlich jedoch, so von Arx, verdankt die Schweiz den Hugenotten entscheidende wirtschaftliche Impulse in der Uhren- und Textilindustrie.

Das Museum wird umgebaut – Betrieb geht reduziert weiter

Nach über 30 Jahren entspricht das städtische Museum Burghalde nicht mehr aktuellen Anforderungen und Ansprüchen an einen modernen Museumsbetrieb. In den kommenden gut anderthalb Jahren werden das Gebäude und die Ausstellung nun umfassend saniert. Die Ortsbürgergemeinde hat im Juni dafür 6,7 Millionen Franken gesprochen.

«Die Dauerausstellung geht am 8. Januar 2017 vorübergehend zu. Im Herbst 2018 soll das Museum wiedereröffnet werden», sagt Museumsleiterin Christine von Arx. Während dieser Zeit läuft der Museumsbetrieb weiter, allerdings in einem eingeschränkten Mass und im Ausstellungsraum in der Museums-Dépendance in der ehemaligen Seifi.

Schulklassen sollen auch während der Bauzeit die Werkstatt für Urgeschichte uneingeschränkt besuchen können. Als Erlebniswerkstatt, in welcher das historische Handwerk an verschiedenen Stationen erlebbar gemacht wird, ist deren Besuch ab Mitte Mai für die Öffentlichkeit auch ohne Führung möglich.

«Wir bleiben aktiv, auch wenn das Stammhaus in grossem Stil umgebaut wird», so Museumsleiterin von Arx. Zur vorübergehenden Schliessung wird am 7. Januar 2017 eine Finissage durchgeführt, und zwar mit einem grossen Fest mit einer Teestube, Kuchenbuffet und Kutschenfahrten «Wie zu Ringiers Zeiten».

Die Ringiers, Besitzer der Burghalde, gehörten übrigens zu den Glücklichen: Die Familie hugenottischer Herkunft durfte in der Schweiz dauerhaft ansässig werden.
Infos: www.museumburghalde.ch. (str)