«Ich hätte gerne einen ‹Château de Prison› gekeltert, mit einer von Häftlingen kreierten Etikette auf der Flasche.» Heute noch kommt Nik Rüttimann ins Schwärmen, wenn er von seinen Plänen erzählt, die er als junger Rebmeister der anstalteigenen Reben am Goffersberg hegte. Rüttimanns unkonventionelle Ideen fanden vor Jahrzehnten kein Gehör bei den verantwortlichen Stellen. Es ist beim «Goffersberger»-Keltern geblieben. Und jetzt ist die Zeit vorbei für derartige Projekte. Zumindest für Niklaus Rüttimann. In diesen Tagen hat er den Letzten in der Justizvollzugsanstalt (JVA). 40 Jahre hat er für den Gefängnisbetrieb gearbeitet, jetzt geht er in Pension. «Ein Jahr früher, mit 64. Es ist Zeit für mich, es ist gut so», sagt er.

Rüttimann ist der erste von drei langjährigen Mitarbeitenden, für die in den kommenden Wochen ein neuer Lebensabschnitt beginnt – vor den Gefängnismauern. Christian Harder, heute stellvertretender Chef Sicherheit, verbrachte 37 Berufsjahre hinter Gittern; Bruno Graber, Leiter des Zentralgefängnisses, deren 36. Alle drei zusammen macht 113 Jahre im Dienst der JVA.

Gemeinsam haben Rüttimann, Harder und Graber die schier unvorstellbare Entwicklung der technischen und baulichen Sicherheitsstandards im Strafvollzug in den vergangenen vier Jahrzehnten miterlebt. Im Gespräch zeigt sich jedoch: In ihrer Persönlichkeit könnten die drei Männer unterschiedlicher nicht sein. Was sie verbindet, ist die Treue zum Arbeitgeber, welche in der heutigen Zeit immer mehr zum Auslaufmodell wird. Hinzu kommt, dass alle drei während ihrer langjährigen Arbeitsverhältnisse im Gefängnis eine unglaubliche Karriere hingelegt haben. Nik Rüttimann, Christian Harder und Bruno Graber erinnern sich an früher, eine Zeit, die längst nicht so «golden» war, wie sie immer gerne wieder beschrieben wird.

Vom Melker zum JVA-eigenen Rebmeister

Nik Rüttimann ist der Einzige, dessen Arbeitsplatz sich ausserhalb der Gefängnismauern befand. Vor vierzig Jahren kam er als Stallmeister in die Strafanstalt, so lautete damals die offizielle Bezeichnung. Rüttimanns Arbeitstag begann noch im Morgengrauen. «Um Viertel nach vier Uhr in der Früh bin ich mit acht Häftlingen ausgerückt in den Stall», erzählt er, «darunter waren auch Gefangene, die man heute im Hochsicherheitstrakt unterbringen würde.» Damals war es jedoch gang und gäbe, dass die Gefängnisinsassen auf dem anstaltseigenen Landwirtschaftsbetrieb mitarbeiteten und dafür nicht extra Mitarbeiter angestellt wurden.

Nach fünf Jahren hatte Rüttimann genug, strebte nach einer Veränderung. Er schmunzelt. «Ich wollte Kühe, die man nur noch einmal melken muss im Jahr.» Fortan war Rüttimanns Arbeitsplatz nicht mehr der Stall, sondern der JVA-Rebberg am Gofi mit einer Anbaufläche von rund 20 000 Quadratmetern. Rebstöcke rückten an die Stelle von Kühen. An der Fachhochschule in Wädenswil wurde aus dem Stallmeister ein «Betriebsleiter Winzer».

Rüttimann hat den Rebberg am Gofi terrassiert. «In Handarbeit haben wir mehrere Kilometer an Wegen in den Hang gelegt.» Auf diese «Tat» ist Rüttimann besonders stolz.

Jedes Jahr werden rund 12'000 Flaschen «Goffersberger» produziert. Einst war er offizieller Wein des Kantons Aargau. Dass dem nicht mehr so ist, bedauert Nik Rüttimann, denn «der Goffersberger ist ein sehr guter Wein».

Vom Vollzugsangestellten zum stellvertretenden Chef Sicherheit

Fragt man den stellvertretenden Chef Sicherheit nach seinen Anfängen in der JVA, winkt Christian Harder ab. «Jesses», sagt er, «das war ein mittelalterlicher, militärisch geführter Knast mit total veralteten Strukturen, wenig Personal und keinen Möglichkeiten, der Verhaltensentwicklung der Gefangenen entgegenzuhalten.» Die Technik habe damals noch in den Kinderschuhen gesteckt, es gab nur eine elektrische Türschliessung, ein Ausbrechen war für die Gefangenen noch möglich. «Alle zwei Wochen versuchte einer, über den Zaun zu steigen», erinnert sich Harder an seine Anfangszeiten. Das hat sich mit den heutigen Sicherheitsstandards grundlegend geändert. Gleichzeitig habe sich auch das Verhaltensmuster der Häftlinge gewandelt, erzählt Christian Harder. «Anstelle von Scham ist Dreistigkeit gekommen.» Das gelte aber längst nicht für alle, ein Grossteil der Insassen benehme sich anständig.

Der gelernte Sanitär/Heizungstechniker Harder begann 1984 in der Strafanstalt als Aufseher. Heute spricht man von einem Vollzugsangestellten. Dass Christian Harder ein Technik-Freak war, erkannten die Gefängnis-Verantwortlichen bald einmal. «Ich hatte den ersten Computer in diesem Haus.» Zu Beginn noch als «Spinner» belächelt, wenn er Computerausdrucke an die Wand hängte, war Harders technisches Know-how bald einmal gefragt, wenn es um sicherheitstechnische Fragen ging. Die JVA Lenzburg gehört zu einem der bestausgerüsteten Gefängnissen Europas. Jüngste Neuerung ist die Installation eines Drohnenabwehrsystems. Zur Robotertechnologie hingegen hat Harder eine dezidierte Meinung. «Der Mensch ist nicht zu ersetzen. Keine technische Neuerung kann auf einmal denken, sehen, hören und riechen.»

Als ehemaliger Bodybuilder (zweifacher Schweizer Meister in den 90er-Jahren) hat Christian Harder das Krafttraining ins Gefängnis gebracht. Wie könnte es anders sein, ist Harder mit dieser Idee zu Beginn angeeckt. Heute verfügt die JVA über einen, von der Stiftung der Strafanstalt finanzierten, gut eingerichteten Kraftraum. Darauf ist Harder stolz. Auch auf das Ergebnis. «Der Frust unter den Gefangenen ist gewichen, seit sie regelmässig Sport treiben können.»

Vom Schlossermeister zum Leiter des Zentralgefängnisses

Der dritte im Bund der Bald-Pensionäre ist Bruno Graber. Als das Zentralgefängnis 2011 eröffnet wurde, übertrug man ihm dessen Führung. Dies, nachdem er intern den Bau als Projektleiter verantwortet hatte. Das war die Krönung von Grabers Gefängnislaufbahn.

Bruno Graber war als Schlosser in die Strafanstalt gekommen, hatte in fast vier Jahrzehnten unzählige Funktionen innegehabt, unter anderem auch die Leitung des Hochsicherheitstrakts. Wie ist es möglich, so viele Jahre mit Verbrechern zu verbringen, ohne dass es einen selber belastet? Auf diese Frage hat Bruno Graber eine einfache Antwort. «Man darf den Menschen nicht auf seine Tat reduzieren, muss versuchen, Mensch und Tat auseinanderzuhalten», erklärt er. Auch Verbrecher hätten Fähigkeiten, handwerkliches Geschick oder musische Begabungen. Beim Erzählen zeigt Graber viel Empathie für Menschen. Alle Menschen. Auch für jene hinter Gittern. Graber hat die Erfahrung gemacht, dass es einen Unterschied gibt zwischen den Menschen in der JVA und jenen im Zentralgefängnis. «Leute, die ins Zentralgefängnis in Untersuchungshaft kommen, sind noch nicht so weit, wie jene die verurteilt sind und in der JVA ihre Strafe antreten: Verzweiflung, Angst, Frust; aber auch Zorn sind im Zentralgefängnis noch stark zu spüren», sagt er.

Berufsbegleitend hat Bruno Graber Sozialpädagogik studiert. Als Vorgesetzter habe er immer wieder Untergebene zum beruflichen Vorwärtskommen ermuntert und sie gefördert. «Es ist wichtig, dass die Leute es gut haben. Dann sind sie motiviert bei der Arbeit», ist er überzeugt.

Sind berufliche Entwicklungen, wie sie die drei Jungpensionäre im JVA-Betrieb gemacht haben, heute überhaupt noch möglich? Gefängnisdirektor Marcel Ruf sagt dazu: «Die beruflichen Entwicklungen sind auch heute noch möglich, aber eine derart unglaublich langjährige Betriebstreue von 40 Jahren ist in der JVA in Zukunft kaum mehr denkbar.» Der Grund ist ein einfacher: «Im Gegensatz zu früher sind die Mitarbeitenden, die wir heute einstellen, normalerweise bereits etwas älter, im Minimum 30 Jahre alt. Wir engagieren jedoch oft auch Mitarbeitende, die bereits über 50 Jahre alt sind», erklärt Marcel Ruf.