Friedensrichterin

1000 Mal zwischen Streithähnen vermittelt – jetzt tritt sie nicht mehr zur Wiederwahl an

Dorli Fischer aus Schafisheim tritt als Friedensrichterin zurück.

Dorli Fischer aus Schafisheim tritt als Friedensrichterin zurück.

20 Jahre als Friedensrichterin – Dorli Fischer aus Schafisheim blickt auf eine an Erfahrung reiche Zeit zurück. Trotz Rücktritt strotzt die Frau vor Tatendrang.

Maskenpflicht, kein Handschlag zur Begrüssung, keine lesbare Mimik: Die Coronazeit ist für Friedensrichterin Dorli Fischer etwas schwierig. Sie, die auch das Nonverbale wahr- und aufnimmt und sich in die Konfliktparteien hineinversetzen kann.

Aber das ist nicht der Grund, warum sie auf eine Wiederwahl verzichtet hat. Nächstes Jahr geht sie bei ihrer Arbeit im Sonderschulbereich in Rente. Und 20 Jahre sei «eine gute Zeitspanne», zumal die Nachfolge als geschäftsführende Friedensrichterin für die Gemeinden Boniswil, Egliswil, Fahrwangen, Hallwil, Hunzenschwil, Meisterschwanden, Rupperswil, Schafisheim, Seengen, Seon und Staufen geregelt sei. Ursula Wetli aus Seengen übernimmt.

Regelmässig Erb- und Nachbarstreitigkeiten

20 Jahre Streitigkeiten schlichten, durchschnittlich eine Verhandlung pro Woche, einmal gar 76 pro Jahr: Da kommt etwas zusammen. Rund 1000 Verhandlungen. Wenn Dorli Fischer zurückblickt, kommen ihr zuerst erbrechtliche und nachbarrechtliche Zwiste in den Sinn. «Das sind Lebenssituationen, die in den meisten Fällen nicht frei wählbar sind», sagt sie. Konflikte könnten über Jahre brodeln. Der Baum, der immer höher wird. Da kochen Emotionen.

Damit muss ein Friedensrichter umgehen können. Ein Patentrezept gibt es nicht. Ein Friedensrichter muss ehrlich und authentisch sein. «Bei mir kann es am Anfang zwischen den Parteien auch mal laut zu-und hergehen, solange es nicht um ehrverletzende Äusserungen geht», sagt sie. Dampf ablassen, um danach konstruktive Lösungswege aufzugleisen. Denn das ist das Ziel: Eine Lösung, hinter der beide Parteien stehen können. Der Idealfall: Es komme vor, dass die Parteien sich beim Eintreten ins Friedensrichterzimmer nicht ansähen und nach der Verhandlung zusammen einen Kaffee trinken gingen. Zuweilen finden Verhandlungen auch vor Ort statt, im Garten, wo der Baum steht, wo die störenden Gebüsche wachsen. Mit Messband, Zeichenblock für Planskizzen. Eine Übereinkunft könnte in einem solchen Falle beinhalten, dass die Pflanzen auf eine gewisse Grösse zurückgeschnitten werden müssen, die nicht mehr überstiegen werden darf. «Ich wusste gar nicht, wie viele Bäume es gibt in unseren Gärten», lacht Fischer.

Unkompliziertes und kostengünstiges Angebot

«70 bis 80 Prozent der Fälle können erledigt werden», sagt Fischer. Auch die Urteile beziehungsweise Urteilsvorschläge würden meistens akzeptiert. Ist das nicht der Fall, stellt der Friedensrichter bei Urteilvorschlägen eine Klagebewilligung aus: Die betroffene Partei kann den Fall ans Bezirksgericht bringen. Ein Recht, das aber nicht zwingend wahrgenommen werden muss. Dorli Fischer: «Das Schlichtungsverfahren ist ein unkompliziertes und kostengünstiges Angebot für die Bürger.»

Es ist nicht die Vehemenz, mit der Parteien ihre Anliegen vertreten, die sich in den letzten 20 Jahren verändert hat, so Dorli Fischer. Hätten früher in den Dörfern alle Leute sich gekannt und etwa die gleiche Sprache gesprochen, so sei mit dem Bauboom und der höheren Mobilität die Heterogenität der Bevölkerung stark angestiegen. Das sei eine Herausforderung an der Verhandlung, denn beide Seiten hätten das Recht, angehört und verstanden zu werden.

Die Friedensrichterin hat keinen Schreiber neben, aber zwei Parteien vor sich. Keine Angst, dass die Verhandlung aus dem Ruder läuft? Sie habe auch schon aufstehen und deutlich werden müssen. Und weil eine Partei Bedenken angemeldet habe, habe ein Mal in 20 Jahren ein Polizist der Verhandlung beigewohnt. Immer häufiger nähmen aber Anwälte teil, was sie als bereichernd erlebt.

Verhandlungen dauern unterschiedlich lange. «Ich setze pro Verhandlung einen halben Tag ein», sagt Dorli Fischer, «für mich zählt das Resultat.» Zur Arbeit gehören die Vorbereitung, das Aktenstudium, aber auch das Administrative. 300 Franken erhält ein Friedensrichter, wenn es zu einem Vergleich, einem Urteil oder einem Urteilsvorschlag kommt.

Unbezahlbare Begegnungen und Erfahrungen

Nichts da von Amtsmüdigkeit, im Gegenteil: Die Frau sprüht vor Tatendrang; ihr inneres Feuer für das Amt ist nicht erlöscht. Der Rückblick fällt durchweg positiv aus. Dorli Fischer spricht von «unzähligen Begegnungen mit Angehörigen vieler Berufsfelder», die unbezahlbar seien, von der «Nähe zum Menschsein in unterschiedlichen Positionen und Situationen», vom «guten Gefühl, Teil einer Konfliktlösung sein zu dürfen». Dabei habe sie keine Vergleiche geschrieben, wenn sie nicht für beide Parteien gestimmt hätten: «Niemand soll einen Klumpen im Bauch haben, wenn er hinausgeht.»

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