Heidi Berner gehört wohl zu den bedeutendsten Politgrössen der Evangelischen Volkspartei (EVP) im Kanton Aargau. 1994 wurde die promovierte Biologin und Familienfrau in den Einwohnerrat von Lenzburg gewählt, zwei Jahre später sass sie bereits im Grossen Rat. Mit ihrer Wahl in den Lenzburger Stadtrat gab sie das Mandat Anfang 2004 ab. Mit Blick auf ihre 24 Jahre politischer Tätigkeit meint die heute 62-jährige Heidi Berner mit einem Augenzwinkern: «Ich bin in den Ämtern ehrenhaft ergraut.»

Jetzt verlässt Heidi Berner die politische Bühne, macht jüngeren Kräften Platz und will sich ihrer Familie, den Grosskindern widmen. Und ihrem Mann Peter, der bereits pensioniert ist. Darauf freut sie sich. Denn das Amt hat sie bis zuletzt gefordert. Dreieinhalb Amtsperioden ist Berner dem Bereich Soziales/Gesundheit vorgestanden. «Es umfasst alle Aspekte des menschlichen Lebens und Zusammenlebens», umschreibt sie das Ressort.

Altersfragen, Familienzentrum, Generationenkonflikte, Jugendarbeit, Kinderbetreuung, Mütter- und Väterberatung, Sozialhilfe – all dies sind Themen, die Heidi Berner in den letzten 14 Jahren als Stadträtin beschäftigt haben. Ihr Mandat hat sie zusätzlich in viele lokale und regionale Gremien geführt, die Berner entweder selber präsidiert hat oder in denen sie als Mitglied dabei war.

Das Rixheimer Zimmer im Rathaus mitten in der Altstadt gehört zu den Orten, an denen die abtretende Stadträtin viel Zeit verbracht hat. Rund 4000 Stunden sind es, hat sie hochgerechnet. Hier will Berner über die schönen und schwierigen Momente ihrer Amtszeit reden. Die berühmte Rixheimer Tapete wählt sie, um sich wohl zum letzten Mal als Stadträtin vor die Kamera zu stellen.

Es ist der Ort, an welchem der Stadtrat jeweils mittwochs tagt. Und hier empfängt die Einbürgerungskommission Menschen, die Lenzburg als neue Heimat gewählt haben und nun hoffen, dies auch auf dem Papier bekräftigen zu können. Heidi Berner war von 1999 bis 2003 als Einwohnerrätin in der Kommission und hat sie als Stadträtin ab 2005 bis jetzt präsidiert. «So habe ich 800 bis 1000 Menschen und ihre Geschichten kennen gelernt», erzählt sie. Es waren viele lustige Begegnungen dabei, aber auch traurige.

Beispiele muss Berner nicht lange suchen: Der 14-jährige Schüler, der sich der Einbürgerungskommission in bestem Schweizer Deutsch erklärte, aber stolz im T-Shirt mit Grossaufdruck der Flagge seines Herkunftslandes präsentierte, gehört zu ersteren. «Ein keckes Bürschchen, das zu seiner Herkunft stand, aber in der Schweiz und in Lenzburg angekommen ist.» Der Auftritt des Teenagers hat Berner gefallen. Er steht stellvertretend für viele andere junge Gesuchsteller. Berner war von ihnen sehr angetan.

«In den Begegnungen habe ich die jungen Einbürgerungswilligen oft zielstrebiger und ehrgeiziger erlebt als die gleichaltrige Schweizer Jugend», erklärt sie. Nicht selten haben sich in den Befragungen auch schwere Schicksalsschläge der Gesuchsteller offenbart und unerwartete Reaktionen ausgelöst. So sei eine junge Frau bei der Frage, weshalb sie einen Pflegeberuf lernen wolle, einfach in Tränen ausgebrochen. Weshalb, weiss Berner noch genau: Als kleines Mädchen habe sie während des Balkankrieges ihre kranke Grossmutter gepflegt.

Zu den Highlights ihrer Amtszeit zählt Heidi Berner das Jugendprojekt «Lenzburg 9 - 99». Dabei hatte die Jugend mehr Platz zum Abhängen gefordert. Und so kam Lenzburg zu einem Jugendtreff, zur wöchentlichen Sportveranstaltung Midnight-Sports für die Oberstufe und zur Freizeitanlage «Hammerpark» unter der Autobahnbrücke. Zudem wurden die Schulsozial- und Jugendarbeit ausgebaut.

Wenn Heidi Berner von schönen, lustigen, schwierigen, traurigen und sehr traurigen Momenten ihrer Amtszeit spricht, ist das «Soziale» eher Letzterem zuzuordnen. Ist die Bevölkerung um einen Drittel gewachsen, so sei der Arbeitsanfall in den Sozialdiensten überproportional angestiegen, zieht Berner einen Vergleich. Die einzelnen Sozialfälle seien komplexer geworden, viele davon unlösbar, sagt sie. «Zunehmend finden selbst Menschen mittleren Alters nicht mehr aus der Sozialhilfe heraus.»

Mit der Revision der Invalidenversicherung würden Menschen, die aus der Versicherungsleistung fallen, von der Sozialhilfe abhängig, da sie mit ihren gesundheitlichen Problemen auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen haben, erklärt die Stadträtin. Man müsse sich jedoch vorstellen, dass jemand durch viele Maschen falle, bevor er zum Sozialfall werde. Ein kleiner Lichtblick sei jeweils, wenn es den Sozialdiensten gelinge, Leuten wieder zu einer Arbeit zu verhelfen.

Gefreut hat Berner jedoch, dass das neue Kinderbetreuungsreglement im Einwohnerrat kürzlich schlank durchgegangen ist. Dass hingegen die Projektstelle sowie die zusätzliche Stelle für die Betreuung Asylsuchender abgelehnt wurden, hat Heidi Berner am Schluss ihrer Amtszeit enttäuscht.