Gesundheitswesen
«Leistung zahlen statt Kosten vergüten»

Alfred Zimmermann, Direktor der Asana-Gruppe, spricht im Interview mit der az Klartext zu aktuellen Herausforderungen in der Spitalzukunft.

Mathias Küng
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Mit Blick auf die neue Spitalplanung und Spitalfinanzierung steht die Spitallandschaft vor grossen Veränderungen. Künftig werden minimale Fallzahlen verlangt, um überhaupt noch dabei sein zu können. Schaffen Sie das?

Alfred Zimmermann: Ja, wir schaffen das! Unser Leistungsauftrag heute – und ich gehe davon aus, dass dies auch in Zukunft so bleibt – ist eine Grundversorgung in einfacher Medizin, Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Prothetik. Wir sind der «stationäre» Hausarzt für unser Einzugsgebiet. Diese Leistungen bieten wir mit Spezialisten wie Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Urologen, Orthopäden, Gynäkologen und Handchirurgen an. Wenn es für die Grundversorgung Mindestfallzahlen gibt, dann erfüllen diese Fachspezialisten diese Anforderungen.

Selbst in den grossen Spitälern stehen den Verantwortlichen mit Blick auf die Fallpauschalen, welche die Kassen mit ihnen individuell aushandeln wollen, die Haare zu Berge. Ihnen auch?

Zimmermann: Ja, eindeutig! Wenn die Kassen in ihren Broschüren schreiben, «die Spitäler werden nicht mehr wie bisher ihre stetig wachsenden Ausgaben einfordern können oder zurückerstattet bekommen», ist das eine sehr merkwürdige Haltung. Denn die gleichen Kassen wollen mit allen Spitälern individuelle Baserates (Durchschnittspreise) aushandeln. Damit werden die teuren Spitäler honoriert und die effizienten bestraft!

Warum?

Zimmermann: So werden weiterhin Kosten finanziert und nicht Preise bezahlt. Die Kosten und somit die Prämien werden weiterhin steigen. Der administrative Aufwand ist blanker Horror! Meine Forderung ist klar und unmissverständlich: Kleine Spitäler dürfen nicht benachteiligt werden, und im Aargau muss für alle Spitäler ein einheitlicher Durchschnittspreis (Baserate) angewendet werden. Dann stimmen die Anreize – teure werden bestraft und effiziente belohnt. Eine weitere Forderung ist die Gleichbehandlung von öffentlichen und privaten Spitälern.

In Regionalspitälern herrscht die Furcht, der Kanton könnte die Liste der Leistungsgruppen des Kantons Zürich übernehmen. Dann müsste jedes Spital eine ausgebaute Intensivpflegestation auf dem Niveau IPS 2 haben. Was hiesse das?

Zimmermann: Jedes Regionalspital müsste eine Intensivstation rund um die Uhr mit entsprechendem, speziell ausgebildetem Personal (Intensivpflegepersonal, Fachärzte mit Spezialausbildung) betreiben. Für Leuggern würde dies rund zusätzliche 10 Stellen bedeuten. Ein Anbau oder Umbau wäre unumgänglich. Es könnte diese Intensivpflegestation niemals auslasten. Das Personal will nicht warten und herumstehen. Es will arbeiten. Die Kostenexplosion wäre perfekt!

Sie könnten also nicht mithalten?

Zimmermann: Mit Sicherheit nicht. Es wäre das Ende der Regionalspitäler im Kanton Aargau, nachdem keines eine Intensivpflegestation auf dem Niveau IPS 2 betreibt. Sie wären auch nicht mehr konkurrenzfähig zu den Kantonsspitälern und würden aus dem Markt verschwinden. Die Versorgungssicherheit im Aargau wäre nicht mehr sichergestellt. Ich kann mir das nicht vorstellen.

Dann teilen Sie die Einschätzung von Grossrat Herbert Scholl, der im Vorstoss befürchtet, dass «kleinere Anbietende mit kostengünstiger Struktur vom Wettbewerb von vorneherein ausgeschlossen werden»?

Zimmermann: Ja. Das qualitativ hochstehende, kostengünstige und effiziente aargauische Gesundheitswesen, welches über Jahre aufgebaut worden ist, würde grossen Schaden erleiden. Die bei der Bevölkerung beliebten und überschaubaren Regionalspitäler mit ihrer familiären Atmosphäre würden die Existenzberechtigung verlieren und vom Markt verschwinden. Das wollen die Aargauer sicher nicht.

Teilen Sie auch Scholls Befürchtung, dass die restriktiven Kriterien der Leistungsgruppen nach Zürcher Vorgabe zu einer Verlagerung vieler Eingriffe in Zentrumskliniken führen würden?

Zimmermann: Wenn die Regionalspitäler nicht überleben, gibt es keine andere Möglichkeit. Die Zentrumskliniken könnten diese zusätzlichen Patienten nicht verkraften. Es käme zu Versorgungsengpässen und unzumutbaren Wartezeiten. Der Kanton würde seinen Versorgungsauftrag nicht mehr erfüllen können.

Was erwarten Sie also vom Kanton?

Zimmermann: Der Kanton muss auf den Aargau zugeschnittene Kriterien für die Spitalliste erstellen. Auf keinen Fall darf er die übertriebenen und kostenintensiven Anforderungen des Kantons Zürich übernehmen. Sie sind gar nicht notwendig. Er soll Rahmenbedingungen vorsehen, dass die Regionalspitäler überleben und eine hervorragende Grundversorgung durch Spezialisten in unmittelbarer Nähe der Bevölkerung in den Regionen anbieten können. Ich habe grosses Verständnis, dass der Kanton darauf besteht, dass die komplexen und schwierigen Fälle ins KSA oder KSB gehören, wo eine Intensivpflegestation ausgelastet werden kann und das entsprechende Personal zur Verfügung steht.

Wo sehen Sie die zukunftssichernde Nische für die Regionalspitäler?

Zimmermann: Wir Spitäler dürfen nicht einfach nur Erwartungen an den Kanton haben, wir müssen auch selber etwas tun. Wir müssen unsere Ausrichtung kritisch hinterfragen. Es braucht ein Umdenken und neue Anforderungen an Führen und Wirtschaften. Die internen Abläufe sind effizient und zeitsparend zu organisieren und die Haus- und Belegärzte sollten via elektronische Vernetzung mit dem Spital verbunden sein. Doppelspurigkeiten sind zu eliminieren, um dem Patienten die bestmögliche Behandlung anbieten zu können.

Inwiefern?

Zimmermann: Die Regionalspitäler sollen das machen, was sie gut können und was häufig vorkommt. Das ist eine einfache Medizin, Chirurgie (inklusive Handchirurgie, Urologie, Hals-Nasen-Ohren-Eingriffe durch entsprechende Fachärzte), Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Prothetik. Das Belegarztsystem mit den verschiedensten Spezialisten eignet sich dafür vorzüglich.

Und sonst?

Zimmermann: Weiter sollen die Spitäler eine Notfallstation rund um die Uhr anbieten und selbstverständlich einen zertifizierten Rettungsdienst, der Patienten schnell an den richtigen Behandlungsort bringen kann. Auf einen Computertomographen (CT) für den Notfall, wie es Zürich vorsieht, muss verzichtet werden. Diese Leistung kann im Zentrumsspital KSB, Aussenstation Brugg 10 Kilometer von Leuggern entfernt, eingekauft werden.

Ist zu befürchten, dass sich die Regionalspitäler unter dem enormen Kostendruck schleichend in übergrosse Hausarztpraxen mit angegliederter Pflegeabteilung verwandeln?

Zimmermann: Das glaube ich nicht. Wenn die Regionalspitäler überlebensfähige Rahmenbedingungen erhalten, leisten sie für die Bevölkerung des Kantons längerfristig wertvolle Dienste. Sie müssen sich aber an die heutigen Bedürfnisse anpassen. Dazu gehören auch eine vermehrte Zusammenarbeit und Vernetzung unter den Regionalspitälern und die ständige Ortung von Synergien. Letztlich müssen die Spitäler mit den vorhandenen Ressourcen und den ausgehandelten Tarifen überleben können.

In der Asana-Gruppe haben sich zwei Regionalspitäler zusammengetan. Reicht das noch?

Zimmermann: Nein, das reicht heute nicht mehr! Mit der Gründung der Asana Gruppe AG im Jahre 2001 haben wir einen wichtigen Schritt gemacht. Er ist als Anfang zu sehen und muss weiterentwickelt werden. Die Asana Gruppe AG hat Vernetzungen mit den beiden Kantonsspitälern, Hausärzten, Belegärzten, Spitexorganisationen sowie der Hint AG, welche unsere Informatik betreut.

Wo strecken Sie gegebenenfalls zusätzlich Ihre Fühler aus?

Zimmermann: Aus geografischen Gründen richtet Menziken den Blick Richtung Kantonsspital Aarau. Das Spital Leuggern kooperiert seit Jahren mit dem Kantonsspital Baden. Wir sind Mitglied des Gesundheitsnetzes GNAO Aargau Ost. Aktuell überarbeiten wir unser Kooperationspapier mit der Kantonsspital Baden AG und stehen in Verhandlungen, unsere Zusammenarbeit noch weiter zu intensivieren.

Kommt für Sie mittelfristig gar eine ähnliche Lösung infrage wie das geplante Zusammengehen zwischen dem KSA und Zofingen?

Zimmermann: Der Verwaltungsrat der Asana-Gruppe hat in seiner Strategie festgehalten: Die Eigenständigkeit ist das klare Ziel. Eine Lösung wie KSA/Zofingen steht also nicht zur Diskussion.