Prozess

Lebensbedrohliche Verletzung durch Faustschlag – gibt es dennoch einen Freispruch?

Bei einem Streit zwischen zwei Gruppen in Mellingen erlitt im Juli 2010 ein junger Mann lebensbedrohliche Verletzungen (Symbolbild)

Bei einem Streit zwischen zwei Gruppen in Mellingen erlitt im Juli 2010 ein junger Mann lebensbedrohliche Verletzungen (Symbolbild)

Einem jungen Mann drohen mehrere Jahre hinter Gittern – nach einem Faustschlag erlitt sein Opfer lebensbedrohliche Verletzungen. Vor Obergericht will der Angeklagte die Gefängnisstrafe abwenden.

Der friedliche Besuch einer Beachparty fand auf dem Heimweg ein gewalttätiges Ende. Bei einem Streit zwischen zwei Gruppen in Mellingen erlitt im Juli 2010 ein junger Mann lebensbedrohliche Verletzungen; er war nach einem Faustschlag gestürzt. Die Folgen: Blutungen im Kopf, Schädelbruch. Eine Notoperation rettete ihm das Leben. Der Haupttäter, ein damals 21-jähriger Türke, wurde im August 2015 wegen schwerer Körperverletzung und weiterer Delikte, darunter mehrere Einbrüche, zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 3 Monaten verurteilt.

Zur Berufungsverhandlung am Obergericht vom Montagnachmittag – fast sieben Jahre nach der Tat – erschien der Beschuldigte als freier Mann. Beide Seiten hatten das Urteil des Bezirksgerichts Baden weitergezogen: Die Staatsanwaltschaft verlangte eine höhere Freiheitsstrafe von fünf Jahren, die Verteidigung einen Freispruch. Letztere begründete diesen Antrag mit prozessualen Fehler, die begangen worden seien. Unter anderem habe eine Assistenz-Staatsanwältin die Schlusseinvernahme durchgeführt, obwohl sie dazu nicht befugt gewesen sei. Die kritisierte Staatsanwaltschaft wies die Vorwürfe zurück und erinnerte an die damals noch geltende Strafprozessordnung.

Übertragung für das Opfer

Der Prozess wurde per Kamera in den Nebenraum des Gerichtssaals übertragen. Dort verfolgte das Opfer die Verhandlung, bevor dieses selbst zur Befragung vor den Oberrichtern Platz nehmen musste. Kurz zuvor war der Beschuldigte durch eine andere Tür aus dem Saal geschickt worden, um eine Begegnung der beiden jungen Männer zu vermeiden. Noch heute leide er unter den Folgen der Attacke, sagte das Opfer. Seither sei er nachts nie mehr allein unterwegs. Seinen Antrag, eine Konfrontation vor Gericht zu vermeiden, erklärte er mit der Angst vor dem Täter. Der junge Mann, der als Folge des Vorfalls mit einer Titanplatte im Kopf leben muss und zuweilen an Schmerzen leidet, schilderte vor dem Gericht, wie er die verhängnisvolle Julinacht erlebt hatte. Vom Schlag sei er überrascht worden, als er sich umgedreht habe, um zu sehen, warum hinter ihm geschrien wurde. Nach dem Sturz habe er das Bewusstsein verloren. Als er wieder zu sich kam, sei alles voller Blut gewesen. Warum er geschlagen worden sei, wisse er bis heute nicht.

Eine Frage ohne Antwort

Eine Erklärung für die unvermittelte Attacke konnte auch der Beschuldigte, der kurz darauf wieder in den Gerichtssaal zurückgeholt wurde, nicht liefern. Er sei damals stark alkoholisiert gewesen, sagte er aus. «Daran kann ich mich nicht erinnern», lautete mehrmals seine Antwort. Den Schlag stritt er nicht ab, die Provokationen seien von seiner Gruppe ausgegangen. Das Opfer treffe keine Schuld an der Eskalation. Ob er ein Schlägertyp sei, wollte Oberrichter Jann Six wissen? «Gewesen, ja.»

Dass er wegen früherer Straftaten bereits Jahre vor dem verhängnisvollen Vorfall ein Anti-Aggressions-Training absolvieren musste, belastete den Beschuldigten noch zusätzlich. Denn dort habe er gelernt, welche Auswirkungen bereits ein einzelner Schlag haben könne. Warum er dennoch und ohne erkennbaren Grund zugeschlagen habe, erkundigte sich der Oberrichter? «Diese Frage habe ich mir ein paar Mal gestellt, ich bin nie auf eine Antwort gekommen», sagte der Beschuldigte.

Als er die Möglichkeit zu einem letzten Wort erhielt, hatte er seinen Aussagen nichts mehr hinzuzufügen. Eine letzte Gelegenheit, die Berufung zurückzuziehen, bekam er am Ende der Verhandlung. Oberrichter Six machte ihn darauf aufmerksam, dass die Strafe noch verschärft werden könne.

Doch nach kurzer Beratung mit seinem Verteidiger vor der Tür des Gerichtssaals stand fest: Der Beschuldigte will von einem Rückzug nichts wissen. Ob er zu hoch gepokert hat, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Das Obergericht wird das Urteil schriftlich eröffnen.

Autor

Manuel Bühlmann

Manuel  Bühlmann

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