Landenhof betreut bald auch Babys

Die Unterentfelder Sonderschule entwickelt sich Schritt für Schritt zum Kompetenzzentrum für Hören und Sehen.

Katja Schlegel
Drucken
Teilen

Es gab Zeiten, da wohnten im Internat im Landenhof ob Unterentfelden knapp 90 Kinder. Kinder aus der halben Schweiz; was sie einte, war ihre Hörbeeinträchtigung. Im Landenhof, Zentrum und Schweizerische Schule für Schwerhörige, lernten und wohnten sie wochentags unter sich. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Heute werden Kinder mit einer Hörbehinderung wann immer möglich in Regelschulen integriert. Das ist nicht nur ein gesellschaftlicher Wandel, es ist für die Kantone, die diese Sonderbetreuung bezahlen, auch günstiger. Die Folge: Das Bedürfnis nach Internatsplätzen ist in den letzten zehn Jahren regelrecht eingebrochen. Heute besuchen noch 33 Schülerinnen und Schüler das Landenhof-Internat; darunter neun aus dem Kanton Zürich, acht aus dem Kanton Bern und vier aus dem Aargau. Insgesamt zählt der Landenhof aktuell 122 Schülerinnen und Schüler aus zehn Kantonen (zwei Drittel kommen aus dem Aargau).

Serbelnder Geschäftszweig macht nicht unglücklich

Ein serbelnder Geschäftszweig; das tönt nach Weltuntergangsstimmung. Doch weit gefehlt. Gesamtleiter Stefan Buchmüller ist sehr zufrieden: «Die gesellschaftliche Akzeptanz und der Wille zur Integration und Teilhabe von Hörbehinderten ist ganz in unserem Sinn.» Ausserdem ist diese Entwicklung nicht neu, auf dem falschen Fuss erwischt hat es den Landenhof nicht: Was heute noch ein leer stehender ehemaliger Aufenthaltsbereich einer Wohngruppe ist, wird ab Januar 2021 ein Arbeits- und Therapieraum sein. Nicht für hörbeeinträchtigte Jugendliche, sondern für die Mitarbeitenden des Visiopädagogischen Dienstes, kurz (VPD). Sie unterstützen im ganzen Kanton Kleinkinder und Schulkinder mit starker Sehbehinderung.

184 Jahre nach ihrer Gründung hat die Institution ihr Geschäftsfeld erweitert. Das Ziel: Der Landenhof soll ein Kompetenzzentrum für Hören und Sehen werden. Eine Entwicklung, die schon lange angedacht war, aber nur mit Rückendeckung verschiedener Stellen vollzogen werden konnte. «Und der Funke ist gesprungen», sagt Stefan Buchmüller. «Wir sind optimal aufgestellt für die Zukunft.»

Ab Januar wird das Angebot erweitert

Ein erster Schritt erfolgte im August mit dem Start des Ambulatoriums für sehbeeinträchtigte Schüler der 1. bis 9. Klasse. Das Ambulatorium VPD bietet sehbehinderten Kindern und ihren Familien in der Regelschule oder im Elternhaus Beratung und Begleitung. Ein weiterer Schritt steht nun unmittelbar bevor: Per Januar wird das Angebot auf Kinder ab Geburt erweitert.

Mit dieser Angebotserweiterung steigt die Anzahl der durch den Landenhof – vor Ort, daheim oder in den Schulen – betreuten Kinder und Jugendlichen deutlich. Zu den knapp 290 Klienten mit einer Hörbeeinträchtigung mit einer Sehbehinderung kommen 70 schulpflichtige Kinder und Jugendliche mit einer Sehschwäche (aus dem gesamten Kanton, bis Sommer 2020 wurden sie durch das TSM Schulzentrum Münchenstein BL begleitet). Und mit dem Einbezug von Kleinkindern kommen ab kommendem Jahr noch einmal 70 Klienten dazu.

Mit dieser Angebotserweiterung kommt auch wieder Leben in die leerstehenden Räume. Fünf Früherzieherinnen der stiftungNETZ in Othmarsingen (Heilpädagogische Früherziehung und Logopädie im Frühbereich) wechseln zum Landenhof. Zudem entstehen Therapie-, Abklärungs- und Besprechungsräume. «So sind unsere Raumkapazitäten wieder voll ausgeschöpft», sagt Stefan Buchmüller.

Bei sehbehinderten Babys zählt jede Woche

Der VPD betreut Kinder mit einer Sehschärfe von weniger als 30 Prozent. Das macht den Besuch einer Regelschule schwierig, aber längst nicht unmöglich. «Wir zeigen Lehrpersonen und Betroffenen beispielsweise, mit welchen Hilfsmitteln das Lesen eines Buches einfacher geht, oder wie Hindernisse im Schulzimmer wahrnehmbarer gemacht werden können», sagt Petra Persello, Leiterin des VPD. Aber auch Schulwege werden gemeinsam mit dem betroffenen Kind abgelaufen, damit es sich selber zurechtfindet. Manche Kinder werden zwei Stunden pro Woche betreut, andere bis zu 20. Petra Persello steht dafür ein Team von drei Visiopädagogen und zwölf Assistenten zu Verfügung. Bezahlt werden diese vom Kanton.

Dass nun im Landenhof die Beratung auf Kleinkinder ab zwei Monaten ausgedehnt werden kann, ist laut Persello und Buchmüller dringend nötig. Denn es gilt: je früher, desto besser. «Wird das visuelle Potenzial nicht genutzt, schwenkt ein Neugeborenes sofort um und fokussiert auf andere Sinne», sagt Persello. Es sei deshalb wichtig, das Potenzial, sei es noch so gering, so rasch wie möglich zu stimulieren. Schliesslich laufe 80 Prozent der Sinneswahrnehmung über das Auge, sagt Persello. «Da zählt jede Woche.»