Wirtschaft
Kurt Schmid: «Niemand will ein schwarzes Schaf sein»

Die Medien sind angesichts des tiefen Euro voll mit sorgenvollen Einschätzungen von Exportfirmen und Touristikern. Das Gewerbe ist mit dieser Problematik augenscheinlich weniger konfrontiert. Gewerbeverbands-Präsident Kurt Schmid ist zuversichtlich.

Mathias Küng
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Viele Firmen suchen weiterhin Fachkräfte. Walter Schwager

Viele Firmen suchen weiterhin Fachkräfte. Walter Schwager

Im neuen KMU-Barometer des Aargauischen Gewerbeverbandes (AGV) für das erste Semester 2011 sinkt gar der Anteil derjenigen, denen im Vergleich zur internationalen Konkurrenz zu hohe Kosten Sorgen bereiten. Und zwar von 47 Prozent im letzten Quartal 2010 auf derzeit 30 Prozent.

Viel mehr zu schaffen machen den KMU der administrative Aufwand und «zu viele Vorschriften». Der Wert erreicht im Sorgenbarometer mittlerweile alarmierende 74 Prozent (63 Prozent im letzten Quartal 2010). Fast so viele Sorgen bereitet das Fehlen von Fachpersonal (67 Prozent).

Die Auftragslage ist gut

Die aktuelle Auftragslage wird von den teilnehmenden Firmen als unverändert gut eingeschätzt im Vergleich zum Vorjahr. Einzig die Auftragslage im nächsten Jahr wird etwas weniger gut erwartet als Ende 2010. Die Firmen gehen davon aus, dass ihr Mitarbeiterbestand nächstes Jahr unverändert sein wird.

Gewerbeverbands-Präsident Kurt Schmid hat eine Erklärung für den weniger wahrgenommenen internationalen Kostendruck. Dank tiefem Euro und Dollar kann das Gewerbe Ausgangs- oder Zwischenprodukte viel günstiger einkaufen. Er räumt ein, dass diese Währungsgewinne «wohl zu wenig weitergegeben werden». Solange man denselben Preis lösen könne, werde das halt gemacht. Für Schmid ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis der Markt spielt und die Preise fallen. Er macht geltend, dass man im Fall eines wieder steigenden Euro die Preise auch nicht sogleich wieder anheben könnte. Das würde der Markt nicht akzeptieren.

Viele Lager werden günstig gefüllt

Dafür bauen etliche Firmen mit den Währungsgewinnen Reserven auf oder kaufen Rohstoffe im Euroraum auf Vorrat günstig ein. Und für einige ist es laut Schmid «die Gelegenheit, mit im Ausland günstig verfügbaren Maschinen die eigene Produktion zu modernisieren».

Gesamthaft beurteilt Schmid aus Gewerbesicht die Perspektiven «für die nächsten 12 Monate als vorsichtig positiv». Doch nicht alle Firmen im Gewerbeverband sind binnenorientiert. Einige exportieren, etwa Auto-Zulieferer. Schmid: «Die haben es sehr schwer.» Doch habe es die Schweizer Exportindustrie über viele Jahrzehnte immer wieder geschafft, sich den veränderten Währungsverhältnissen anzupassen. Etwa an den anhaltenden Sinkflug des Dollar, der vor zehn Jahren noch mehr als doppelt so viel kostete wie heute. Deshalb ist er zuversichtlich, dass dies auch jetzt gelingt. Und doch würden manche exportorientierte Firmen, die enorm unter Druck stehen, nach Schmids Einschätzung gern länger arbeiten lassen, um die hohen Personalkosten etwas zu senken. Schmid: «Doch in der Praxis fasst niemand dieses heisse Eisen an. Niemand will ein schwarzes Schaf sein.» Gegen Arbeitszeiterhöhungen oder Lohnsenkungen spricht auch, dass viele Firmen verzweifelt Fachkräfte suchen. Die würden angesichts schlechterer Konditionen dann wohl abwandern oder erst recht nicht kommen.

Atomausstieg drückt nicht durch

Der Bundesrat will langfristig aus der Atomenergie aussteigen. In der Folge werden die Stromgestehungskosten massiv steigen. Schmid hätte erwartet, dass sich diese Aussicht im KMU-Barometer negativ niederschlägt. Er ist «überrascht, dass darin keine Reaktion darauf abzulesen ist». Er hat dafür eine Erklärung. Eine Untersuchung zeigte, dass die direkten Stromkosten bei Dienstleistungsbetrieben im Durchschnitt unter ein Prozent des Umsatzes ausmachen. Selbst im zweiten Sektor, etwa bei einem Zimmermann, betragen die Stromkosten nur etwa 2 Prozent des Umsatzes. Schmid: «Das liegt im Skontobereich. Die Fremdwährungs- und Zinsrisiken sind sehr viel bedeutender». Er hofft denn auch, dass die Phase sehr tiefer Zinsen noch länger anhält. Von einer Zinsklemme, die unlängst noch in vieler Munde war, spüre man nichts.

Den derzeit wohlfeilen Tipps, um der Schweizerischen Nationalbank auf die Sprünge zu helfen, mag Schmid keinen weiteren hinzufügen. Sie habe jahrzehntelang hervorragende Arbeit geleistet. Auch dank ihr sei die Schweiz so gut durch die Finanzkrise gekommen. Schmid: «Die Nationalbank braucht ihre Unabhängigkeit auch künftig, die Politik soll ihr nicht dreinreden.»

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