Kunst Aargau
Ein Zeichen für Diversität: Sabian Baumann erhält den Aargauer Kunstpreis

Sabian Baumann hinterfragt über die Kunst Zugehörigkeit und Normen. Mit dem Preis zeichnet das Aargauer Kuratorium ein Schaffen aus, das Grenzen auflöst.

Anna Raymann
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Fabelwesen oder Zootier? Das Relief «Erste Nacht» kokettiert mit dem gewohnten Blick.

Fabelwesen oder Zootier? Das Relief «Erste Nacht» kokettiert mit dem gewohnten Blick.

Yvon Baumann

Das Werk von Sabian Baumann erinnert an einen Traum, aus dem man verwirrt erwacht. Surreal – nicht surrealistisch. In den Zeichnungen stossen Figuren der Popkultur auf Ikonen aktivistischer Bewegungen. Die figürlichen Arbeiten skizzieren mit minimalen Mitteln komplexe Umgebungen. In der einzelnen Arbeit sowie in der Konstanz des Schaffens hinterfragt Baumann normative Gesellschaftsstrukturen; fragt, was die Norm ist und wer dazu gehört.

Dieses Werk zeichnet nun das Aargauer Kuratorium mit dem Kunstpreis des Kantons Aargau aus. Der Preis wurde seit 2010 drei Mal in unregelmässigen Abständen verliehen: an Hansrudolf Twerenbold, Christian Haller und Co Streiff. Der mit 40'000 Franken dotierte Preis fördert ein Gesamtwerk, das nach Einschätzung der Jury noch nicht jene Breitenwirksamkeit erreicht hat, die es verdient hätte.

Ist der Aargau bereit für einen Paradigmenwechsel?

Sabian Baumann erhält den Kunstpreis des Kantons Aargau 2021

Sabian Baumann erhält den Kunstpreis des Kantons Aargau 2021

Diana Bärmann / Aargauer Zeitung

Mit Baumann geht der Preis nun an einen Kunstschaffenden, der sich seit vielen Jahren mit Queerness und Zugehörigkeit befasst. Das Thema ist mit der Welle eines Frauenstreiks in die Wahrnehmung der breiten Gesellschaft gespült worden. Diversität und Gender wird längst nicht nur in Offspaces diskutiert. Aktuell lädt etwa das Stapferhaus die breite Masse dazu ein, über das «Geschlecht» nachzudenken. «Es ist der richtige Zeitpunkt, eine Position auszuzeichnen, die sich nicht aus einem Trend heraus mit der Thematik befasst. Sabian Baumanns Werk ist konstant und differenziert», sagt Susanne König, Vorsitzende des Fachbereichs «Bildende Kunst» im Aargauer Kuratorium.

«Je höher die Karrierestufe, desto cis-männlicher wird es»

Mit der Wahl des Preisträgers setzt das Aargauer Kuratorium ein klares Zeichen für Diversität. Sabian Baumann ordnet sich selbst keinem binären Geschlecht zu. Da es in der deutschen Sprache kein Äquivalent zum nichtzuordnenden Pronomen «they» gibt, nutzt Baumann den Genderstern. Findet also tatsächlich ein Paradigmenwechsel statt? «Die Kunst- und Kulturszene ist offen für Neues, aber noch immer sind Frauen, Transmenschen oder People of Color benachteiligt. Je höher die Karrierestufe, desto cis-männlicher wird es», sagt Sabian Baumann.

Umfassende Systemkritik für alle

Seit den 90-er Jahren setzt sich Baumann differenziert mit queerfeministischen Themen der Sexualität und Inklusion, der Macht und der Subjektivität auseinander. Dies geschieht in Objekten, Videos, Installationen und kollaborativen, transdisziplinären Projekten und Aktionen. Ihm geht es um «alles»: Aufbrechen der Binarität, der gesetzten Machtstrukturen, Klimagerechtigkeit: Es ist eine umfassende, geradezu überfordernde Systemkritik. Sein Ansatz ist ein einschliessender, nicht elitärer.

In der Zeichnung «Tired Activist Gets Energy Upload by Good Ghost» verzaubert Tinkerbell die Bürgerrechtsaktivistin Audre Lorde.

In der Zeichnung «Tired Activist Gets Energy Upload by Good Ghost» verzaubert Tinkerbell die Bürgerrechtsaktivistin Audre Lorde.

Conradin Frei / Aargauer Zeitung

In seinen Zeichnungen findet Baumann dafür einen Ausdruck, an den man als Betrachtende schnell anknüpfen kann. Da entdeckt man Tinkerbell oder Situationen aus dem Alltag in tragikomischen Konstellationen. Man kann schmunzeln, muss manchmal lachen. «Meine Zeichnungen wenden Bekanntes und Stereotypes ins Phantastische, Surreale», beschreibt Baumann seine Arbeit selbst. Erst auf den zweiten Blick erkennt man Hintergründiges, Verborgenes, wie aus dem Unterbewusstsein. Baumann dekonstruiert in den collageartigen, paradoxen Zusammenstellungen die Normen. Was ist Fantasie, was Wirklichkeit? Die Welten, die er dabei auslegt, sind daher auch weniger als Utopien zu lesen, sondern viel mehr als Schattierungen der Realität.

Eingängig ist auch die Einfachheit der gewählten Mittel: Bleistift für die Zeichnung, Ton für das Relief. Das Material zwingt zu einem langsamen, fast schon anachronistischen Handwerk in einer hypermedialisierten Umwelt. Geradezu spürbar ist dies etwa in den Reliefs über die rohe Struktur am kleinen Objekt.

Ein künstlerischer Aktivismus zum Mitmachen

Geht es um queere Positionen, fällt rasch der Begriff der Minderheiten. Auch Sabian Baumann setzt sich vermeintlich für sie ein. Doch er widerspricht: «Was ist überhaupt eine Minderheit? Letztlich sind jene Personen in Machtpositionen nur ein kleiner Teil der Gesellschaft – die sogenannten Minderheiten bilden zusammengefasst die Mehrheit. Die Normalität ist ein Ausnahmezustand» Was er damit meint, verdeutlicht das kunstaktivistische Projekt «die grosse um_ordnung – Privilegien für alle». Auf dem Helvetiaplatz in Zürich formulierten eine Vielzahl politischer und aktivistischer Gruppierungen ein gemeinsames Manifest, das Öffentlichkeit schaffen soll für marginalisierte Menschen. Die kollaborative Aktion sollte auf symbolische Weise die Verhältnisse in Unordnung bringen. Verschiedene Aktionen wie Tänze, Sprechchöre oder das Putzen eines Autos mit Schlamm integrierten das Publikum als Teil eines performativen Fests.

«Personen in Machtpositionen sind gesamtgesellschaftlich eine Minderheit.»

Wie denkt man aber an alle? Hat die Aktion tatsächlich niemanden ausgeschlossen? Als einzelner für alle marginalisierten Gruppen sprechen, will Sabian Baumann nicht. «Es ist einfacher, die Verantwortung für meine eigene Arbeit zu tragen, als wenn ich mit anderen Kulturschaffenden zusammen ein Projekt mache. Mit dem Ergebnis müssen sich alle wohlfühlen, nicht nur ich.» Es ist ein wagemutiger Anspruch, Kunst zu machen, die Normen sprengt ohne anzuecken, ohne laut zu sein.

Das kunstaktivistische Projekt «die grosse um_ordnung» forderte Privilegien für alle.

Das kunstaktivistische Projekt «die grosse um_ordnung» forderte Privilegien für alle.

Claudia Bach / Aargauer Zeitung

Wertschätzung aus dem Kanton der Schulzeit

Insgesamt waren acht Künstlerinnen und Künstler zur Auswahl vorgeschlagen. Sabian Baumann wurde vom Preis überrascht: «Aber es ist schön, von dem Kanton geehrt zu werden, in dem ich aufgewachsen bin. Es lässt mich an alle denken, die mir den Weg bereitet haben.» Sabian Baumann kommt aus keiner künstlerischen Familie, geboren ist er in Zug, zur Schule ging er in Wettingen. Über das Studium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) fand er zur Kunst. Später unterrichtete er neben seiner künstlerischen Praxis an der «F+F Schule für Kunst und Design» den künstlerischen Nachwuchs in Zürich. Im Kanton Aargau hat er schon mehrfach ausgestellt. Im Herbst wird er Teil sein des experimentellen Ausstellungsprojekts «Art as Connection», mit dem das Aargauer Kunsthaus auf die Herausforderungen der Coronapandemie als Zäsur und den Schock für Kunstbetriebe reagiert. Das Aargauer Kunsthaus kaufte für seine Sammlung bisher 31 Werke Baumanns an.

Susanne König vom Aargauer Kuratorium ist sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben: «Überzeugt hat uns der unverkennbare Stil und zugleich die mediale Vielfalt, mit der Baumann die Norm auf subtile Weise hinterfragt.» Es ist eine Auszeichnung für eine reife, über Jahre gereifte Position. Was Sabian Baumann mit dem Preisgeld tun wird? «Weitermachen», sagt er ganz schlicht. Denn für ein Lebenswerk kommt der Kunstpreis des Kanton Aargaus dennoch zu früh.

Der Kunstpreis des Kantons Aargau wird seit 2010 vom Aargauer Kuratorium vergeben.