Schwimmunterricht
Kritik an Schwimmstunden: «Muss ein Kind sterben, bevor jemand handelt?»

Auch nach dem tödlichen Schwimmunfall in Brugg können Lehrer ohne «Brevet» Schwimmunterricht erteilen. Diese Richtlinien des Kantons sind umstritten. Viele Schulen haben deshalb selber gehandelt und den Schwimmunterricht professionalisiert.

Pascal Meier
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Wie hier in Baden mit Schwimmlehrer Thomas Seger engagieren Aargauer Schulen immer häufiger Profis für das Erteilen des Schwimmunterrichts. Chris Iseli

Wie hier in Baden mit Schwimmlehrer Thomas Seger engagieren Aargauer Schulen immer häufiger Profis für das Erteilen des Schwimmunterrichts. Chris Iseli

In Seon wird das Hallenbad auch von der Schule gerne genutzt. Regelmässig springen die Primarschüler ins Wasser und auch der 2. Kindergarten planscht ab und zu im Becken. Mit dieser «Wassergewöhung» will die Schule den Kindergärtlern «einen selbstverständlichen Umgang mit Wasser ermöglichen», wie es in einem Brief an die Eltern heisst.

Einige Eltern sind deswegen alarmiert: «Die Begleitpersonen sind nicht für den Schwimmunterricht ausgebildet», kritisiert Brigitte Schaffner. Die ehemalige Kindergärtnerin und Mutter zweier Kinder findet dies unverantwortlich. «Es kommt vor, dass nicht ausgebildete Lehrpersonen mit der eigenen Mutter als Begleitung Schwimmen unterrichten.» Schulleiter Erwin Rohr weist diese Kritik zurück: «Wir erfüllen die Richtlinien des Kantons.» Ein Restrisiko könne nie ausgeschlossen werden.

Richtlinien seien «fahrlässig»

Diese Richtlinien sind jedoch umstritten. Lehrer bezeichnen diese als «schwammig» und «fahrlässig». Denn das Departement für Bildung, Kultur und Sport (BKS) empfiehlt den Schulen, «gute Schwimmer» einzusetzen. «Gute Schwimmer» sind laut BKS Lehrkräfte, die bis Ende ihrer Ausbildung 400 Meter Freistil-Schwimmen (in SLRG-Zeit) und 12 Meter Tauchen können, den Sprung vom 1-Meter-Brett schaffen sowie zu 25 Meter Rettungs- und Transportschwimmen fähig sind. Verbindlich sind diese Richtlinien nicht. «Es sind Empfehlungen», sagt BKS-Sprecherin Sascha Giger.

Dem Aargauischen Lehrerverband (ALV) reichen diese nicht, denn bei Unfällen ist gemäss BKS-Merkblatt die Lehrperson verantwortlich – oder die Gemeinde, wenn dieser keine grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen werden kann. ALV-Präsident Niklaus Stöckli fordert klare Richtlinien für die Sicherheit der Kinder, aber auch der Lehrer. «Es darf nicht sein, dass sich Lehrpersonen wegen der Verantwortung vor dem Schwimmunterricht fürchten.»

«Muss ein Kind sterben, bevor jemand handelt?»

Dass sich Seon mit diesen Richtlinien zufriedengibt, versteht Brigitte Schaffner nicht. «Muss ein Kind sterben, bevor jemand handelt?», fragt Schaffner – und spielt auf den Unfall in Brugg von 2007 an, als ein 7-jähriger Bub im Schwimmunterricht ertrank. Das Bezirksgericht sprach die Lehrerin darauf vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei, weil sie ihre Pflicht erfüllt und alle Vorgaben des Kantons eingehalten habe. Die Staatsanwaltschaft zog den Fall ans Obergericht weiter, das die Frau wegen fahrlässiger Tötung verurteilte. Das Bundesgericht hob das Urteil aber auf und wies den Fall ans Obergericht zurück, das die Lehrerin schliesslich freisprach.

Der Fall hat an vielen Schulen die Alarmglocken läuten lassen. In Brugg springen Primarschüler seither nur noch mit einer Fachperson ins Wasser. «Schulleitung und Stadtrat erachten die Vorgaben des Kantons als ungenügend», argumentierte Stadträtin Andrea Metzler im Einwohnerrat, als dieser 2010 den Kredit für den Schwimmunterricht aufstockte.

Weiterbildungen und Elternaufsicht

Auch andere Schulen haben den Fall Brugg zum Anlass genommen, die Sicherheit zu überprüfen. In Obersiggenthal, Menziken, Mellingen und Bremgarten dürfen Primarschüler nur noch in Begleitung einer Fachperson schwimmen gehen. «Wir haben nach dem Unfall in Brugg gemerkt, dass die Empfehlungen des Kantons der Realität nicht gerecht werden», sagt die Menziker Schulleiterin Chrege Lehmann. Für den Obersiggenthaler Schulleiter Thomas Birri profitieren die Schüler damit doppelt: «Der Unterricht wird sicherer und Kinder lernen schneller Schwimmen, was nochmals mehr Sicherheit bringt.»

An den grösseren Schulstandorten Baden, Aarau und Wettingen sind Schwimmlehrer schon länger im Einsatz. «Ich spüre eine grosse Erleichterung unter den Lehrern, dass wir Profis einsetzen», sagt Andreas Lüscher, Mitglied der Aarauer Schulleitung. Denn die Lehrkräfte steckten in einem Dilemma: «Einerseits sollen Kinder früh schwimmen lernen – gleichzeitig stehen die Lehrer jedoch mit einem Fuss im Gefängnis.»

Schwimmlehrer werden deshalb auch in Entfelden eingesetzt: «Der tragische Unfall in Brugg zeigt, wie schnell etwas passieren kann – und zwar ohne direktes Verschulden der Lehrperson», sagt Gesamtschulleiter David Leuenberger. «Wir setzen deshalb zusätzlich auf Weiterbildungen und haben eine Elternaufsicht, die den Schwimmunterricht von oben mitverfolgt.»

Regelung wie im Kanton Zürich gewünscht

Die Mehrheit der befragten Schulen ist den Empfehlungen des Kantons um Längen voraus. Damit auch Standorte wie Seon Profis einsetzen, fordert Schwimmlehrer Beat Wiedmer vom Kanton Anpassungen. «Es ist unverständlich, dass nicht das Brevet Basis Pool empfohlen wird», sagt der technische Leiter der Schwimmschule Frick und wünscht sich eine Regelung wie im Kanton Zürich. Dort muss mindestens eine Begleitperson lebensrettende Massnahmen beherrschen. Beim Aargauer Bildungsdepartement ist eine Anpassung kein Thema. «Nach dem Unfall in Brugg wurde der Schwimmkurs an der Pädagogischen Fachhochschule angepasst und vermehrt ins Angebot aufgenommen», sagt BKS-Sprecherin Sascha Giger. «Mit dem Freispruch der Brugger Lehrerin sehen wir uns in dieser Sache bestätigt.»

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