Herr Stierlin, verfolgen Sie Albträume in den Schlaf, wenn Sie an die Fallpauschalen denken, die mit der neuen Spitalfinanzierung 2012 auf Sie zukommen?

Beat Stierlin: Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich schlafe sehr gut. Und sonst hätte ich ja die Schlafmediziner im Hause... Die Einführung von Fallpauschalen in den Akutspitälern wird aber dazu führen, dass Patientinnen und Patienten eher früher verlegt werden. Im Versorgungsprozess nachgelagerte Institutionen wie die Klinik Barmelweid werden deshalb in einer ersten Phase eher von der Einführung der Fallpauschalen profitieren.

Welches ist denn mit Blick auf 2012 Ihre grösste Sorge?

Die Patientinnen und Patienten werden in der Tendenz eher früher verlegt und kränker sein. Das heisst vor allem mehr Aufwand für die Ärztinnen und Ärzte, die Pflege und das Wundmanagement, mehr Laboruntersuchungen und mehr Einzeltherapien. Eventuell auch mehr Rückverlegungen ins Akutspital. Insgesamt werden die Kosten für die Betreuung also eher steigen. Zudem wird die Arbeitsintensität für das Personal zunehmen.

Die Akutspitäler kennen diese Sorge – und weisen sie vehement zurück. Worauf gründet Ihre Befürchtung?

Mit der Einführung von Fallpauschalen wird der Druck auf die Verweildauer im Spital zunehmen. Erfahrungen vor allem in Deutschland haben gezeigt, dass die Verweildauer im Durchschnitt deutlich gesenkt wurde. Allerdings vergisst man gerne, dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von Patienten in Schweizer Akutspitälern mit 7 bis 8 Tagen schon sehr tief ist und wegen der Fallpauschale nicht viel tiefer sinken wird. Die Angst vor «blutigen» Entlassungen ist meiner Meinung nach völlig unbegründet. Kein Spital kann und wird sich dies leisten.

Und welches ist mit Blick auf 2012 Ihre grösste Hoffnung?

Eine der Grundideen der neuen Spitalfinanzierung ist, mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen einzuführen. Hier erhoffe ich mir weniger Einschränkungen aufgrund politischer Entscheide und mehr unternehmerischen Freiraum.

«Günstig» arbeitende Kliniken fürchten, von den Krankenkassen für ihre Effizienz und gute Organisation bestraft zu werden. Sie auch?

Die Befürchtung besteht darin, dass die Krankenkassen wohl immer postulieren, dass sie Qualität und Wirtschaftlichkeit gleichwertig behandeln. Letztendlich aber ausschliesslich auf die Kosten schauen. Eine Behandlung kann immer auch mit weniger pflegerischer Betreuung oder mit weniger Therapieeinheiten durchgeführt werden.

Aber?

Sie ist dann günstiger, hat aber auch eine tiefere Qualität. Kurzfristig die günstigste Behandlung ist die von einzelnen Krankenkassen abgelehnte Rehabilitation. Über die langfristigen Folgen einer Chronifizierung oder einer dauernden Erwerbsunfähigkeit müssen leider die Verantwortlichen keine Rechenschaft abgeben.

Weniger Einschränkungen beziehungsweise mehr unternehmerischen Spielraum fordert auch Ihr Verwaltungsratspräsident Daniel Heller. Was meint er konkret?

Das heisst, selbstständig über Angebot und Infrastruktur zu entscheiden. Natürlich befinden wir uns im Gesundheitswesen immer in einem beschränkt freien, einem so genannt regulierten Markt. Aber wenn wir regelmässig Patientinnen und Patienten abweisen müssen, weil alle Betten voll sind, sollte man darüber diskutieren können, die Bettenkapazität zu erweitern. Wenn dies die staatlichen Spitäler nicht tun dürfen, springen private Anbieter in die Lücke.

Dank 98 Prozent Auslastung und dem Umstand, dass Sie eine Spezialklinik sind, müssen Sie sich kaum Sorgen machen, ob Sie auf der neuen Spitalliste sein werden?

Wir haben uns schon früh auf ein paar wenige Kernkompetenzen beschränkt und sind zuversichtlich, dass wir unsere Leistungsaufträge für Kardiologie, Pneumologie, Psychosomatik und Schlafmedizin auch über das Jahr 2012 weiterführen dürfen.