Klassik
Sie kennt sich mit Mordgeschichten aus: «Bestatter» – Schauspielerin Barbara Terpoorten zu Gast an den Mendelssohntagen Aarau

Die Mendelssohntagen Aarau zeigen in einem spannenden Mozart-Projekt «La Betulia liberata». In einer überraschenden Hauptrolle mit dabei ist Barbara Terpoorten.

Sibylle Ehrismann
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An den Mendelssohntagen Aarau rezitiert «Bestatter»-Schauspielerin Barbara Terpoorten in Mozarts Namen.

An den Mendelssohntagen Aarau rezitiert «Bestatter»-Schauspielerin Barbara Terpoorten in Mozarts Namen.

Was hat Mozart an den Mendelssohntagen zu suchen? Die Parallelen der beiden sind verblüffend: beide waren Wunderkinder, hatten eine ältere Wunderschwester, der sie nacheifern konnten, Mendelssohn wird gar auch als «Mozart der Romantik» bezeichnet.

Von Mozarts jugendlichen Oratorien ist Dieter Wagner, Kantor der Stadtkirche Aarau, schon länger fasziniert. Erst kürzlich hat er mit seiner Kantorei Mozarts erstes Oratorium «Die Schuldigkeit des ersten Gebots» in der Stadtkirche aufgeführt. Nun also auch «La Betulia liberata». Genau genommen ist dieses Werk eine «Azione sacra» − ein Geistliches Musikdrama − von grosser Sprengkraft. Die Chöre sorgen für den geistlich-oratorischen Charakter, die Arien sind opernhaft dramatisch.

Ein Aarauer macht aus Mozart ein modernes Drama

Das ursprüngliche Libretto ist italienisch, doch wer versteht das schon? Deshalb beauftrage Wagner den Aarauer Autor Andreas Neeser, eine eigene deutsche Version der Geschichte zu verfassen. Erzählt wird sie von der Schauspielerin Barbara Terpoorten, bestens bekannt als Kommissarin der Aarauer Kultserie «Der Bestatter».

Natürlich geht auch Andreas Neeser von diesem alttestamentarischem Libretto aus, doch wie passt dazu nun seine moderne Sprache? Barbara Terpoorten ist begeistert davon:

«Es ist ein packendes Drama geworden. Ich finde es wichtig, dass die Zuhörerschaft den Text versteht. So bleiben uralte Geschichten und Kunstwerke auch für uns heute verständlich und relevant. Der Kampf um die Freiheit und die Waffen der Frau sind ja zeitlose Themen. Neesers Sprache ist direkt und sehr plastisch, das macht es spannend.»

Blutrünstiges Vorbild aus dem Alten Testament

Das italienische Libretto stammt von Pietro Metastasio, dem berühmtesten italienischen Librettodichter seiner Zeit. Die Mozarts waren 1771 gerade auf einer Reise durch Italien, da bekam der 15-jährige Wolfgang den Auftrag des Signore Don Giuseppe Ximenes d’Aragona, für Padua ein Oratorium zu schreiben. Was die Textbücher anbetrifft, hatten die Komponisten damals keine Wahl, sie wurden mit dem Auftrag einfach mitgeliefert.

Rund 50 Komponisten haben diesen beliebten Stoff von Metastasio vertont. Die Geschichte basiert auf dem alttestamentarischen Buch «Judith». Sie erzählt von der Belagerung der israelitischen Stadt Betulia durch das assyrische Heer. Dieses kappt die Wasserleitung, um das israelische Volk auszutrocknen und zur Aufgabe zu zwingen. Doch die kluge, schöne und mutige Judith, eine fromme Witwe, hat die rettende Idee. Sie bezirzt den feindlichen Feldherrn Holofernes, den sie schliesslich im Schlaf mit seinem eigenen Schwert enthauptet.

Mit Mordgeschichten kennt sich Barbara Terpoorten aus

So jung Mozart noch war, als er «La Betulia liberata» vertonte, sein Werk ist das berühmteste unter ebenjenen 50. Das Besondere: Es ist das einzige, das auch die philosophisch-deutenden, also eher geistlichen Passagen vollumfänglich vertont, in anderen Versionen sind diese stark gekürzt. Musikalisch kann man nur staunen, was der jugendliche Mozart schon in seinem zweiten Oratorium drauf hatte: Ihm gelingt das Gleichgewicht zwischen geistlicher Reflexion und opernhaftem Drama mühelos. Und die Arien der Protagonisten sind grossartig.

Gesungen wird Judith von Mezzo-Sopranistin Madeleine Merz. Ihre Geschichte der Ihre Heldentat muss Barbara Terpoorten glaubhaft erzählen. Wenn sie rezitiert, ohne die Rolle selbst zu spielen, was macht sie da anders?

«Wenn ich eine Szenerie nur schildere – etwa wie Judith mutig durch das feindliche Heerlager zu Holofernes schreitet - dann muss ich mir das genau vorstellen, damit es auch die Zuhörer sehen. Das klappt nur, wenn man nicht zu schnell spricht.»

Terpoorten, die auch eine gefragte Hörspiel-Sprecherin ist, hat damit viel Erfahrung – und mit Mordgeschichten sowieso.

Mendelssohntage Aarau mit «La Betulia liberata»: 26. September, 18 Uhr, Stadtkirche Aarau

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