Muri
Kein Pardon für einen Lehrer auf Abwegen

Das Bezirksgericht Muri AG hat einen Aargauer Oberstufenlehrer wegen sexuellen Missbrauchs eines Schülers in den neunziger Jahren zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt. Der 53-Jährige war geständig.

Rosmarie Mehlin
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Arben (Namen geändert) ist 27-jährig, als aus ihm herausbricht, was ihm zwölf und mehr Jahre zuvor von Georg, seinem Lehrer, angetan worden war. Georg wird festgenommen, sitzt fünf Wochen in U-Haft und gibt alles unumwunden zu.

So geschehen in diesem Frühling. Arben sitzt gegenwärtig auch hinter Gittern. Er soll unter anderem gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen haben. Ein Psychiater klärt ab,
ob ein Zusammenhang besteht zwischen Arbens Erlebnissen mit Georg und seinem Abgleiten in die Kriminalität. Gestern musste sich der 53-jährige Georg wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind vor Bezirksgericht Muri verantworten. Seit März ist er arbeitslos. Als Lehrer ist er auf der schwarzen Liste, darf höchstens noch Erwachsene unterrichten. Blond, schmal, schwarze Hose, schwarzer Pulli, schwarzer Mantel, antwortet Georg beinahe flüsternd auf die Fragen von Gerichtspräsident Benno Weber. Er sei homosexuell, lebe seit sieben Jahren in einer eingetragenen Beziehung. Pädophil sei er nicht, versichert Georg immer wieder. Was es denn sonst sei, wenn ein 40-Jähriger mit einem 12-Jährigen Oralverkehr habe, konterte Weber.

Passiert ist 1995 und 1996

Georg hatte im Freiamt unterrichtet, als Ende 1995 der 12-jährige Arben aus seiner Heimat Kosovo in die Schweiz und in Georgs Klasse gekommen war. Georg hatte sich intensiv um ihn zu kümmern begonnen, ab Mai 1996 regelmässig Ausflüge mit ihm unternommen, ihm mal 50-mal 100 Franken zugesteckt und Arben zu sich in die Wohnung eingeladen. Dort war es immer wieder zu sexuellen Kontakten gekommen. «Ich hatte keineswegs eine sexuelle Beziehung gesucht. Es hat sich ergeben. In unserer Freundschaft hatte sich einfach Nähe aufgebaut. Es war ein gegenseitiges Bedürfnis.»

Aber das Geld, die Geschenke? «Das geschah alles ohne Absicht, dafür etwas zu bekommen.» Es sei es eine «sanfte Grenzüberschreitung» gewesen und keine Abhängigkeit. Und wie es dann aufgehört habe? «Arben wurde erwachsener und hat sich langsam gelöst.» Er habe ihm doch 1998 einen Flug in den Kosovo bezahlt – als dort Krieg war: «Das war eine bequeme Art, ihn loszuwerden», so der Gerichtspräsident. «Nein!», protestierte Georg.

Die Staatsanwältin hatte eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten bedingt gefordert, der Verteidiger eine solche von 15 Monaten. Indem Georg Arben von sich aus 50000 Franken als Schmerzensgeld und Genugtuung bezahlte, habe er seine tätige Reue gezeigt. Das Gericht entschied einstimmig, dass der Antrag der Anklägerin zu niedrig sei, und verurteilte Georg zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten, davon 24 Monate bedingt – 6 Monate muss der 53-Jährige ins Gefängnis. «Wir sind überzeugt, dass der intensiven sexuellen Beziehung planmässiges Vorgehen zugrunde lag. Als Lehrer hatte Georg seine Macht- und Vertrauensstellung ausgerechnet am schwächsten Glied missbraucht – an einem Kind aus einem anderen Kulturkreis, das nicht lange in der Schweiz war. Entsprechend klein war das Risiko, entdeckt zu werden», begründete Weber.

Zu Georgs Gunsten wirke sich aus, dass er keine Gewalt angewendet habe, dass die Taten schon lange zurückliegen und er alles gestanden habe: «Ohne diese mildernden Umstände wäre eine Strafe von über drei Jahren angemessen gewesen.»

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