Weisse Handschuhe und schwarze Krawatten hinter verschlossenen Vitrinen zieren die Eingangshallen des ersten Unter-geschosses im Aarauer Wielandhaus. Die Kleidungsstücke sind mit einem Zirkel und einem Winkelmass bestickt, die wichtigsten Symbole der Freimaurerei. «Sie symbolisieren Gerechtigkeit und Humanität», erklärt ein Buch zum 2011 gefeierten 200-Jahr-Jubiläum der Loge zur Brudertreue, wie sich die Aargauer Loge nennt.

Solange es die Freimaurer gibt, existieren auch Mythen und Gerüchte über den Männerbund. Filme und Bücher suggerieren etwa, dass die Mitglieder der Freimaurerei geheime Drahtzieher in Politik und Wirtschaft sind. Unterstützer von Verschwörungstheorien glauben, dass die Mitglieder des mutmasslich geheimen Bundes weltweit Regierungen, Unternehmen und Banken unterwandern. «Solche Missverständnisse hört man immer wieder», sagt Peter Lang, langjähriges Mitglied der Loge und Redner am öffentlichen Vortrag der Aargauer Freimaurer: «Ich habe immer Freude daran, weil es dann spannend wird», scherzt er. Rund 80 Personen sind der Einladung zum Referat «Was ich schon immer über die Freimaurer wissen wollte» gefolgt.

Freimaurer-Symbole in Spielfilmen:

Verschwörungen, wie man sie aus dem Film kennt, seien rein fiktiv: «Solche Missverständnisse entstehen, weil man uns zu wenig kennt», erklärt Lang im persönlichen Gespräch, das gleich nach dem Referat stattfindet. An einer Wand hängt eine eingerahmte Freimaurerschürze, an der anderen hängen hellblaue Kordeln mit goldenen Anhängern, die bei Tempelritualen getragen werden. In der ganzen Geschichte habe man immer eine klar bezeichnete Minderheit für das Leid der Welt verantwortlich machen wollen: «Seien es beispielsweise die Juden oder die Freimaurer», sagt er.

Loge öffnet sich einmal im Jahr

Um diesen Vorurteilen entgegenzuwirken, veranstaltet die Aargauer Loge zur Brudertreue einmal im Jahr eine öffentliche Informationsveranstaltung. Diese soll der Information und nicht der Überzeugung dienen: «Wir wollen gegen aussen zeigen, wer wir sind und was wir tun», sagt Steven Decoster, zugeordneter Meister vom Stuhl, wie die Freimaurer ihren Vizepräsidenten nennen. «Wir wollen der Öffentlichkeit die Möglichkeit bieten, direkt zu uns zu kommen, um sich diese Informationen zu holen. Dann kann jeder für sich entscheiden, ob das in die Richtung geht, die er sich vorgestellt hat.»

Ein Weg, um neue Freimaurer anzuwerben, sei dies aber nicht: «Wir haben nicht mit Mitgliederschwund zu kämpfen», ergänzt Decoster. Die Aargauer Loge habe etwa 80 Mitglieder und diese Zahl sei seit Jahren stabil.

Die Loge zur Brudertreue ist als Verein organisiert. Es ist grundsätzlich nicht die Art der Freimaurer, Mitglieder anzuwerben: «Wir sind kein Verein, der an Haustüren klopft oder auf die Strasse geht», sagt Peter Lang. «Wir erwarten, dass sich Interessierte aktiv bei uns melden und damit selbst einen ersten Schritt tun.» Der Prozess des Kennenlernens könne sich nach dem ersten Kontakt über mehrere Monate hinziehen, bis es nach einer Abstimmung zu einer möglichen Aufnahme kommt. Dabei wird auch die jeweilige Partnerin des zukünftigen «Bruders» miteinbezogen. «Wir wollen nicht der Grund für eine Missstimmung in der Beziehung sein», sagt der Freimaurer.

Intellektuelle Neugier gefragt

Ein Kandidat müsse mit beiden Beinen im Leben stehen und genau wissen, was er wolle: «Wenn man in einer Umbruchphase steckt, ist es schwierig, Freimaurer zu werden», meint Lang. Überdies müsse der Kandidat gewisse Artikulationsfähigkeiten haben und intellektuell neugierig sein: «Die Freimaurerei ist ein Kind der Aufklärung.» Ein elitärer Verein seien die Freimaurer aber nicht: «In den Reihen des Vereins sind die unterschiedlichsten Berufe und Ausbildungen vertreten.» Auch Herkunft und Religionszugehörigkeit spielten keine Rolle. Selbstverständlich gebe es Staatsangestellte unter den Freimaurern, aber auch viele Brüder aus der Wirtschaft.

Doch was machen die Freimaurer, wenn sie sich treffen und weshalb tun sie es? Eine alte Formulierung besagt, dass die Freimaurer «am Tempel der Humanität» bauen wollen. «Wir sind uns natürlich bewusst, dass das speziell und altertümlich klingt», sagt Lang. Konkret solle jeder Freimaurer an sich selbst arbeiten, mit dem Ziel einen Beitrag zu leisten zu mehr Toleranz und Humanität in der Welt und damit zu einer menschlicheren Gesellschaft.

Einmal in der Loge aufgenommen, treffen sich die Brüder zwischen Oktober und Juni jeden Mittwochabend zu einer Konferenz, an der ein Bruder einen Vortrag hält und anschliessend diskutiert wird. So erfülle die Freimaurerei eine Art Bildungsauftrag: «Man hat den Raum, sich mit einem Thema zu beschäftigen, das für die Welt vielleicht irrelevant ist, inhaltlich aber äusserst spannend sein kann», erklärt Lang. Jeder steigt als Lehrling ein, wird später Geselle und dann Meister.

Diskret, nicht geheim

«Wir stricken hier keine geheimen Pläne», sagt Steven Decoster und führt durch die Räumlichkeiten. Hinter einer grossen, hölzernen Türe im zweiten Untergeschoss des Wielandhauses befindet sich der Freimaurertempel. «Die Loge ist für uns ein Übungsfeld, um nach Toleranz und Brüderlichkeit zu streben und um diese Prinzipien später in die Welt hinauszutragen.» Verschwörungen und Geheimbündlerei gehörten aber ins Reich der Fantasie. «Wir sind kein Geheimbund, sondern eine diskrete Gesellschaft», sagt Peter Lang. Das Grundvertrauen zu einem Bruder sei wichtig: «Wenn wir hier sind und uns austauschen, bleibt es unter uns.» Ein Verstoss gegen diese Regel könne im Extremfall zu einem Ausschluss eines Bruders führen: «Wenn jemand gewisse Diskussionen weiterträgt, um bewusst einem Bruder zu schaden, dann nimmt man sich die Person natürlich zur Brust.»

Die Arbeit am rauen Stein

Einmal im Monat treffen sich die Brüder zur rituellen Arbeit im Tempel. «Dort tragen wir die maurerische Kleidung: schwarzer Anzug, weisses Hemd, Silberkrawatte, weisse Handschuhe und die Schürze. Wie im Film», sagt Lang. Diese Rituale werden hinter verschlossenen Türen gelebt. Am Boden des sakralen Tempels liegen ein Hammer und ein massiver, grauer Stein. Zahlreiche Einbuchtungen zeigen, wie oft auf ihn eingeschlagen wurde. Die «Arbeit am rauen Stein» ist symbolisch für die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Die Freimaurer sehen ihren Ursprung in Bruderschaften der mittelalterlichen Bauhandwerker. Die überlieferte Berufskleidung und ihre Werkzeuge prägen heute noch die rituelle Arbeit.

«Bei den Ritualen gibt es Musik und ein szenisches Geschehen. Das gehört zum inneren Erlebnis eines jeden Freimaurers und stärkt das Gemeinschaftserlebnis», erzählt Lang. Die feierlichen Handlungen hätten eine symbolische Bedeutung und sollten die Freimaurer anregen, sich mit dem aufklärerischen Gedankengut auseinanderzusetzen, sagt er. Öffentlich sind die Rituale nicht: «Sie würden sonst die Wirkung für die Brüder verlieren», erklärt Steven Decoster. Die geheimnisvollen Rituale mögen auf Aussenstehende sonderbar wirken. Die Freimaurer sehen diese aber als nötiges Grundgerüst. Es gehöre zum Wesen der Freimaurerei, dass man mit dieser Symbolik arbeitet, damit die Brüder immer wieder das gleiche erleben. Jeder Mensch brauche Rituale.

Freimaurer bis zum Tod

Aus dem Publikum am öffentlichen Vortrag kommt die Frage nach dem Ausstieg. «Wenn sie aus dem Verein austreten wollen, schreiben sie das auf eine Postkarte und geben diese dem Präsidenten.» Wenn der Mitgliederbeitrag beglichen und die Schürze abgegeben sei, habe sich die Mitgliedschaft erledigt, sagt der Redner. «Sie werden nie wieder von uns hören», ergänzt er. Ein juristischer Austritt ändere nichts daran, dass man einmal als Freimaurer initiiert wurde: «Nach unserem Verständnis bleiben sie immer Freimaurer. Ähnlich wie bei einer Taufe.»

Die Mitglieder bezahlen einen einmaligen Beitrittsbetrag über 1000 Franken, dieser fliesst unter anderem in eine Witwen- und Waisenkasse, die es seit 1811 gibt. Das Geld wird beim Tod eines Bruders ausbezahlt. Jährlich kommt ein Mitgliederbeitrag von 300 Franken dazu: «Das ist bedeutend günstiger als bei gewissen Sportarten», scherzt der Referent.

Die Freimaurer engagieren sich aber auch humanitär und spenden Geld an bedürftige Einrichtungen. Im Jahr 2017 erhielt zum Beispiel die Soliday Stiftung Aargau 44'000 Franken. Damit wurden Krippenplätze für von Armut betroffene Familien teilfinanziert. «Wir wollen einen Beitrag dort leisten, wo unser gut ausgebauter Sozialstaat nicht reicht», fügt Peter Lang an.

Geschäftemacherei ist verpönt

Die Loge sei ein intellektuelles Tummelfeld, kenne aber ganz klare Tabuthemen: «Es ist ausgeschlossen, dass die Loge aktiv zu politischen Fragen Stellung nimmt und zum Beispiel eine Wahlempfehlung für einen Regierungsrat abgibt.» Verpönt ist auch die Geschäftemacherei unter Brüdern: «Wenn wir bei einem Kandidaten merken, dass seine Motivation darin liegt, sich durch eine Aufnahme Vorteile im Beruf zu verschaffen, wird er abgewiesen», erklärt Steven Decoster.

Der Männerbund wird von Aussenstehenden nicht selten mit einer Sekte verglichen. «Bei uns bleibt jeder frei in Gedanken. Wir haben keine Dogmen und sind auch keine Religion», entgegnet Decoster. Ganz hoch geschrieben werde die Toleranz von Andersdenkenden: «Wir akzeptieren jede Meinung. Wenn eine Person gerne an Verschwörungstheorien glaubt, sollte man das auch so stehen lassen.»