Spurensuche am Halwilersee
Zwischen Faszination und Besessenheit - Malcolm Campbells Weltrekord vom 17. September 1938

Heinz Bertschis Leben wird von einem Datum dominiert: Am 17. September 1938 stellte der Brite Malcolm Campbell mit dem Schnellboot «Bluebird» auf dem Hallwilersee einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf. Bertschi hat es sich zur Aufgabe gemacht, der Öffentlichkeit das fast vergessene Ereignis in Erinnerung zu rufen.

Jörg Meier
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Campbell-Forscher Heinz Bertschi vor dem Schloss Hallwyl, wo im August 1938 Sir Malcolm Campbell die Zeitungen über den geplanten Weltrekordversuch informierte.

Campbell-Forscher Heinz Bertschi vor dem Schloss Hallwyl, wo im August 1938 Sir Malcolm Campbell die Zeitungen über den geplanten Weltrekordversuch informierte.

Chris Iseli

Wir treffen uns auf Vorschlag von Heinz Bertschi vor dem Schloss Hallwyl. Dies aus gutem Grund. Denn hier hat im August 1938 auch Sir Malcolm Campbell die Presse begrüsst und über seinen geplanten Weltrekordversuch informiert. Heinz Bertschi zeigt, wo genau Campbell damals gestanden hat, er weiss, welche Zeitungen anwesend waren, und er hat selbstverständlich auch die Fotos dabei. Bertschi ist im Besitz von über 700 Original-Dokumenten über den Weltrekord von 1938. Sie ergeben zusammen eine abenteuerliche Geschichte aus dem Vorkriegs-Aargau, der im September 1938 ziemlich unverhofft mit einem Ereignis von internationaler Bedeutung konfrontiert wurde (siehe Artikel rechts)– und damit möglicherweise auch leicht überfordert war.

Auf dem Weg vom Schloss Hallwyl zum Seenger Frauenbad ist der Blick frei auf das ehemalige Schlosshotel Brestenberg. Bertschi erzählt, dass das seit Jahren leerstehende Gebäude damals noch zu den führenden Hotels in der Schweiz gehört habe. Der grosse Rennfahrer Campbell stieg mit seiner Entourage standesgemäss im «Brestenberg» ab. Die einfacheren Mitarbeiter des Rennfahrers wurden im Dorf untergebracht.
Der Bettag ist heilig
Der Regierungsrat tat sich schwer mit der Bewilligung des Weltrekordversuchs auf dem Hallwilersee. Polizei- und Justizdirektor Josef Rüttimann, ein konservativer Freiämter, stellte damals fest, dass der Rekordversuch auf den Eidgenössischen Bettag angesetzt war. Und das war für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. Er erlaubte als einziges Datum den Samstagnachmittag vor dem Bettag. Das war für den Veranstalter kein ideales Datum, war es doch damals noch üblich, auch am Samstag zu arbeiten.

Hallwilersee war eine Notlösung

Dass die Rekordfahrt auf dem Hallwilersee stattfand, war ursprünglich gar nicht vorgesehen. Lieber wäre Sir Malcolm Campbell über den Genfersee gerast.

Der Plan sah anders aus: Anlässlich der internationalen Bootsausstellung im Sommer 1938 in Genf sollte Campbell den neuen Weltrekord auf dem Genfersee aufstellen. Hier war ihm nicht nur internationale Aufmerksamkeit gewiss, in Genf war auch sein Hauptsponsor Rolex zu Hause. Doch es kam anders. Die Verhältnisse am Genfersee erwiesen sich als ungünstig für eine schnelle Fahrt; deshalb war rascher und naheliegender Ersatz gefragt. Da fiel die Wahl auf den kleinen, ruhigen Hallwilersee, fernab von der mondänen Welt.

Der Star
Sir Malcom Campbell, von König George V. für seinen Geschwindigkeitsrekord mit
einem Landfahrzeug von 396 km/h geadelt, galt damals als internationaler Star, der von Dutzenden von Sponsoren unterstützt wurde und mit seinen Rekordfahrten reich geworden war. Die Abbildung aus der Sammlung von Heinz Bertschi zeigt Campbell auf einer Sammlerkarte aus einer Serie mutiger Abenteurer.
Campbell wurde 1885 in England geboren, arbeitete als Makler bei Lloyds. Im Ersten Weltkrieg machte er sich einen Namen als unerschrockener Kampfpilot. Nach dem Krieg begann er, Autorennen zu fahren. Seine Autos waren alle blau und hiessen «Bluebird. Neunmal brach er den Geschwindigkeitsrekord mit einem Landfahrzeug, letztmals am 3. September 1935. Nach einem erfolglosen Abstecher in die Poli- tik wechselte er aufs Wasser, wo er insgesamt viermal den Geschwindigkeitsrekord verbessern konnte; auch hier hiess sein Untersatz schlicht und einfach «Bluebird». Sir Malcolm Campbell starb am 31. Dezember 1948. (jm)

Viel gravierender aber war eine weitere Auflage des Regierungsrates: Dem Veranstalter war es verboten, von den Schaulustigen Eintritt zu verlangen. Das muss wehgetan haben, wenn man weiss, dass sich trotz Samstagnachmittag zwischen 25 000 und 50 000 Schaulustige rund um den See versammelt hatten, um Campbells Rekordfahrt zu bestaunen. Die Tickets waren bereits gedruckt. Finanziell war die Rekordfahrt denn auch kein Erfolg. Es fehlten nicht nur Zuschauereinnahmen, der «Verkehrsverein Seethal und Oberwynenthal» weigerte sich ebenso wie die einzelnen Gemeinden, sich an den Kosten zu beteiligen. Mehr noch: Weil der Weg zu seinem Hangar durch private Grundstücke führte, musste Malcolm Campbell den Seengern auch noch Wegzoll bezahlen.
Kein zweiter Weltrekord
Der Weltrekordversuch auf dem Hallwilersee gelang. Mit 210,67 km/h brauste Campbell am 17. September 1938 so schnell über das Wasser, wie das vor ihm noch niemand getan hatte. Da fand auch der Regierungsrat Gefallen am schnellen Engländer. Man überlegte sich, Campbell 1939 wieder an den Hallwilersee einzuladen.
Man wünschte sich damals einen neuen Weltrekord als Aargauer Beitrag zur Landesausstellung. Die Mittel dazu sollte die Landeslotterie liefern. Doch der nahende Krieg liess den Plan vom zweiten Weltrekord platzen.
Lange nach dem Rekordversuch fand das Ereignis vor dem Bezirksgericht Lenzburg einen eher unrühmlichen Abschluss. Der wohlhabende Campbell musste die noch offenen Kosten übernehmen. Das war er sich offensichtlich nicht gewohnt. Bisher war er immer Gast gewesen, wenn er eine Region mit einem Weltrekord beehrte.
Bertschi und Campbell
Inzwischen sind wir beim Frauenbad am See angekommen. Hier, zwischen «Pariser Hüsli» und Frauenbad, stand der eigens gebaute Hangar für Campbells Boot «Bluebird». Vom Hangar ist nichts mehr zu sehen, einzig Reste von Betonverbauungen erinnern daran, dass hier die «Bluebird» gewassert wurde.
Das vorhandene Wissen rund um Campbells Aufenthalt am Hallwilersee samt allen Geschichten und Anekdoten verdanken wir Heinz Bertschi. Angefangen hat alles im September 1998. Da fand Bertschi in der Lokalzeitung eine kurze Notiz über den Weltrekord von 1938. Er wurde neugierig. Aber niemand konnte ihm Auskunft geben. Bertschi legte die Meldung zur Seite. Aber Campbell liess ihn nicht mehr los. Im Jahre 2006 begann er zu recherchieren. Doch es schien, als ob die Region den Weltrekord aus der Erinnerung verbannt hätte.
Dokfilm kommt im Sommer
«Der Durchbruch kam, als ich vor einigen Jahren am Weihnachtstag ein anonymes Foto vom Weltrekordversuch im Briefkasten fand.» Da wusste Bertschi, dass es Material gab, dass er weiter machen musste. Es gelang ihm, weitere Fotos aufzuspüren, aber auch die originalen Filmaufnahmen, die in einem Familienarchiv geschlummert hatten, tauchten auf. 2013 entschloss sich Heinz Bertschi, ganz auf die Karte «Campbell» zu setzen. Er verarbeitete das Material zu einem professionell gemachten Dokumentarfilm, der diesen Sommer in einer überarbeiteten Fassung an vielen Open-Air-Kinos im Aargau gezeigt wird. Daneben macht Heinz Bertschi Führungen zu den Schauplätzen, hält Vorträge und recherchiert unentwegt weiter.

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