Wir treffen uns auf Vorschlag von Heinz Bertschi vor dem Schloss Hallwyl. Dies aus gutem Grund. Denn hier hat im August 1938 auch Sir Malcolm Campbell die Presse begrüsst und über seinen geplanten Weltrekordversuch informiert. Heinz Bertschi zeigt, wo genau Campbell damals gestanden hat, er weiss, welche Zeitungen anwesend waren, und er hat selbstverständlich auch die Fotos dabei. Bertschi ist im Besitz von über 700 Original-Dokumenten über den Weltrekord von 1938. Sie ergeben zusammen eine abenteuerliche Geschichte aus dem Vorkriegs-Aargau, der im September 1938 ziemlich unverhofft mit einem Ereignis von internationaler Bedeutung konfrontiert wurde (siehe Artikel rechts)– und damit möglicherweise auch leicht überfordert war.

Auf dem Weg vom Schloss Hallwyl zum Seenger Frauenbad ist der Blick frei auf das ehemalige Schlosshotel Brestenberg. Bertschi erzählt, dass das seit Jahren leerstehende Gebäude damals noch zu den führenden Hotels in der Schweiz gehört habe. Der grosse Rennfahrer Campbell stieg mit seiner Entourage standesgemäss im «Brestenberg» ab. Die einfacheren Mitarbeiter des Rennfahrers wurden im Dorf untergebracht.

Der Bettag ist heilig

Der Regierungsrat tat sich schwer mit der Bewilligung des Weltrekordversuchs auf dem Hallwilersee. Polizei- und Justizdirektor Josef Rüttimann, ein konservativer Freiämter, stellte damals fest, dass der Rekordversuch auf den Eidgenössischen Bettag angesetzt war. Und das war für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. Er erlaubte als einziges Datum den Samstagnachmittag vor dem Bettag. Das war für den Veranstalter kein ideales Datum, war es doch damals noch üblich, auch am Samstag zu arbeiten.



Viel gravierender aber war eine weitere Auflage des Regierungsrates: Dem Veranstalter war es verboten, von den Schaulustigen Eintritt zu verlangen. Das muss wehgetan haben, wenn man weiss, dass sich trotz Samstagnachmittag zwischen 25 000 und 50 000 Schaulustige rund um den See versammelt hatten, um Campbells Rekordfahrt zu bestaunen. Die Tickets waren bereits gedruckt. Finanziell war die Rekordfahrt denn auch kein Erfolg. Es fehlten nicht nur Zuschauereinnahmen, der «Verkehrsverein Seethal und Oberwynenthal» weigerte sich ebenso wie die einzelnen Gemeinden, sich an den Kosten zu beteiligen. Mehr noch: Weil der Weg zu seinem Hangar durch private Grundstücke führte, musste Malcolm Campbell den Seengern auch noch Wegzoll bezahlen.

Kein zweiter Weltrekord

Der Weltrekordversuch auf dem Hallwilersee gelang. Mit 210,67 km/h brauste Campbell am 17. September 1938 so schnell über das Wasser, wie das vor ihm noch niemand getan hatte. Da fand auch der Regierungsrat Gefallen am schnellen Engländer. Man überlegte sich, Campbell 1939 wieder an den Hallwilersee einzuladen.

Man wünschte sich damals einen neuen Weltrekord als Aargauer Beitrag zur Landesausstellung. Die Mittel dazu sollte die Landeslotterie liefern. Doch der nahende Krieg liess den Plan vom zweiten Weltrekord platzen.
Lange nach dem Rekordversuch fand das Ereignis vor dem Bezirksgericht Lenzburg einen eher unrühmlichen Abschluss. Der wohlhabende Campbell musste die noch offenen Kosten übernehmen. Das war er sich offensichtlich nicht gewohnt. Bisher war er immer Gast gewesen, wenn er eine Region mit einem Weltrekord beehrte.

Bertschi und Campbell

Inzwischen sind wir beim Frauenbad am See angekommen. Hier, zwischen «Pariser Hüsli» und Frauenbad, stand der eigens gebaute Hangar für Campbells Boot «Bluebird». Vom Hangar ist nichts mehr zu sehen, einzig Reste von Betonverbauungen erinnern daran, dass hier die «Bluebird» gewassert wurde.

Das vorhandene Wissen rund um Campbells Aufenthalt am Hallwilersee samt allen Geschichten und Anekdoten verdanken wir Heinz Bertschi. Angefangen hat alles im September 1998. Da fand Bertschi in der Lokalzeitung eine kurze Notiz über den Weltrekord von 1938. Er wurde neugierig. Aber niemand konnte ihm Auskunft geben. Bertschi legte die Meldung zur Seite. Aber Campbell liess ihn nicht mehr los. Im Jahre 2006 begann er zu recherchieren. Doch es schien, als ob die Region den Weltrekord aus der Erinnerung verbannt hätte.

Dokfilm kommt im Sommer

«Der Durchbruch kam, als ich vor einigen Jahren am Weihnachtstag ein anonymes Foto vom Weltrekordversuch im Briefkasten fand.» Da wusste Bertschi, dass es Material gab, dass er weiter machen musste. Es gelang ihm, weitere Fotos aufzuspüren, aber auch die originalen Filmaufnahmen, die in einem Familienarchiv geschlummert hatten, tauchten auf. 2013 entschloss sich Heinz Bertschi, ganz auf die Karte «Campbell» zu setzen. Er verarbeitete das Material zu einem professionell gemachten Dokumentarfilm, der diesen Sommer in einer überarbeiteten Fassung an vielen Open-Air-Kinos im Aargau gezeigt wird. Daneben macht Heinz Bertschi Führungen zu den Schauplätzen, hält Vorträge und recherchiert unentwegt weiter.