Archäologische Sammlung
Zwei Millionen Objekte: Das grosse Aufräumen dauert sechs Jahre

Die archäologische Sammlung des Kantons umfasst über 2 Millionen Objekte. Bei der Inventarisierung und Dokumentation der Bestände, die derzeit läuft, gibt es immer wieder überraschende Neufunde.

Jörg Meier
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Regine Fellmann, Leiterin Archäologische Sammlung (rechts), und Ana Maspoli, wissenschaftliche Mitarbeiterin, mit ein paar wenigen von über zwei Millionen Objekten im Depot in Brugg.

Regine Fellmann, Leiterin Archäologische Sammlung (rechts), und Ana Maspoli, wissenschaftliche Mitarbeiterin, mit ein paar wenigen von über zwei Millionen Objekten im Depot in Brugg.

Sandra Ardizzone

Wir kennen das alle aus eigener Erfahrung. Wir räumen den Estrich auf und finden dabei Dinge, die wir gar nicht gesucht haben. Wir sind überrascht und freuen uns. Meistens jedenfalls. Ganz ähnlich geht es dem Team um die Archäologin Regine Fellmann. Seit 2012 leitet sie das Projekt zur Aufarbeitung der archäologischen Sammlung des Kantons.

Nur ist bei ihrem Auftrag alles viel komplizierter und grösser. Sie muss über zwei Millionen Objekte inventarisieren und digital erfassen. Sechs Jahre Zeit hat sie dafür und drei Vollzeitstellen. 2017 sollen die Sammlungsbestände nicht nur digital erfasst sein, sondern auch sachgerecht gelagert.

Dadurch soll ein optimaler Nutzwert für künftige Generationen sichergestellt werden. Das Projekt lässt sich der Kanton 1,6 Millionen Franken kosten. Warum das grosse Aufräumen notwendig ist, erklärt Regine Fellmann auf einem Rundgang durch das Depot in Brugg.

Sammlung mit Mängeln

«Die Sammlung ist alt», sagt Fellmann. «Bereits um 1820 versuchte man, eine erste kantonale Sammlung von Altertümern anzulegen.» Im Lauf der Jahre wurde die Sammlung grösser und grösser, anfänglich vor allem durch Ausgrabungen in Vindonissa, später auch durch Funde im restlichen Kantonsgebiet.

Wie viele Objekte die Sammlung umfasst, weiss niemand. Regine Fellmann schätzt, dass allein im Depot Brugg über zwei Millionen Gegenstände aus dem Aargauer Boden gelagert werden. Die wertvollsten Funde liegen sicher im Tresor der Kantonalbank; weitere Teile der Sammlung befinden sich in den Räumen von Regionalmuseen.

Eine Analyse der Sammlung im Jahr 2009 bestätigte, was den Mitarbeitenden schon lange klar war: Die Sammlung enthält einige Inventarisationslücken, die Qualität der Dokumentationen ist höchst unterschiedlich, manche Funde sind unauffindbar, viele sind falsch gelagert. Gründe dafür gibt es viele.

So fehlte manchmal eine kontinuierliche Betreuung der Sammlung, weil schlicht die Ressourcen dazu nicht vorhanden waren. Denn in Zeiten der boomenden Bauwirtschaft mussten die Mittel im Grabungsbereich eingesetzt werden, da sonst die im Boden ruhenden Funde unwiederbringlich zerstört worden wären.

Bessere Nutzung

Die digitale Erfassung der Sammlungsbestände ermöglicht auch eine bessere Nutzung für Wissenschaft und Vermittlung. Denn sie hilft, Zusammenhänge zu erkennen, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. «Die Recherchiermöglichkeiten werden durch die Datenbank erheblich verbessert», sagt Fellmann.

Denn ein Fund werde erst dann wirklich interessant, wenn er nicht isoliert für sich stehe, sondern ein Bezug zu anderen Objekten oder Informationen bestehe und dadurch neues Wissen generiert werden könne. Aber sind dem Projekt auch Grenzen gesetzt: Funde, die nicht dokumentiert sind, sind nur von begrenztem archäologischem Wert.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Ana Maspoli hat in detektivischer Kleinarbeit exemplarisch gezeigt, wie verschiedene Funde aus der Sammlung neue Einsichten ermöglichen, wenn es gelingt, zu zeigen, wie sie zusammenhängen.

Dies war etwa der Fall, als sie dank des Skizzenbuchs des Brugger Kunstmalers Geiger mehr über die Geschichte einer in Vindonissa um 1890 gefundenen Terrakotta-Büste erfuhr. Sowohl Büste als auch Skizzenbuch befanden sich schon seit über 100 Jahren in der Sammlung. Einfach nicht am selben Ort.

Wiedergefundene Funde

Und dann sind da eben auch noch die Funde, die wiedergefunden werden. Dabei handelt es sich meistens um Gegenstände, die nicht inventarisiert worden sind oder deren Bedeutung man damals gar nicht erkannt hatte. Dazu gehört etwa der 1979 in Vindonissa gefundene Bronzering mit dem Christogramm – eine kleine Sensation (siehe unten).

Zu den unvorhersehbaren Ereignissen bei der Aufarbeitung der Sammlung gehörte auch das plötzliche Auftauchen des Holzbocks in Kisten; auch da musste rasch gehandelt werden, um grössere Schäden am Sammlungsgut, besonders an den empfindlichen römischen Holzfunden zu verhindern.

Warum dieser beträchtliche Aufwand für Abertausende von Scherben und anderen Kleingegenständen, aus denen die Sammlung doch letztlich zum grossen Teil besteht?

«Die archäologische Sammlung ist das Archiv der materiellen Hinterlassenschaft aus Aargauer Boden. Sie ist wesentlicher Teil unseres historischen und kulturellen Gedächtnisses», sagt Fellmann, «zudem haben wir auch herausragende, international bedeutende Sammlungsbestände.»

Wieder entdeckt 1 Bronzering mit Christogramm Dieser Bronzering wurde 1979 bei Ausgrabungen in Vindonissa gefunden. Er wurde inventarisiert, als nichts Besonderes taxiert und versorgt. Erst bei der Aufarbeitung der Sammlung wurde entdeckt, dass es sich um einen aussergewöhnlichen Ring handelt: Denn der Ring zeigt ein deutlich sichtbares Christogramm. Er ist damit der früheste materielle Nachweis für Christen in Vindonissa. Der Ring wurde im 4. Jahrhundert hergestellt. Er gilt als absolute Seltenheit, sind doch bisher nur vier solche Ringe bekannt. Nicht mehr feststellbar ist, was sich unterhalb des klar sichtbaren Chi-Rho-Zeichens befand – vermutlich ein weiteres christliches Symbol.

Wieder entdeckt 1 Bronzering mit Christogramm Dieser Bronzering wurde 1979 bei Ausgrabungen in Vindonissa gefunden. Er wurde inventarisiert, als nichts Besonderes taxiert und versorgt. Erst bei der Aufarbeitung der Sammlung wurde entdeckt, dass es sich um einen aussergewöhnlichen Ring handelt: Denn der Ring zeigt ein deutlich sichtbares Christogramm. Er ist damit der früheste materielle Nachweis für Christen in Vindonissa. Der Ring wurde im 4. Jahrhundert hergestellt. Er gilt als absolute Seltenheit, sind doch bisher nur vier solche Ringe bekannt. Nicht mehr feststellbar ist, was sich unterhalb des klar sichtbaren Chi-Rho-Zeichens befand – vermutlich ein weiteres christliches Symbol.

Sandra Ardizzone
Wieder entdeckt 2 2000 Jahre altes Leder Die Abbildung zeigt Leder aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Gefunden wurde es 1941 im sogenannten «Schutthügel» von Vindonissa. Organische Materialien lösen sich in der Regel mit der Zeit auf; dass das Leder in der Abfalldeponie konserviert wurde, ist wohl einem Zufall zu verdanken. Und dem Basler Chemiker August Gansser ist es zu verdanken, dass das alte Leder noch immer zu bewundern ist: In den 1940er-Jahren experimentierte Ganser mit dem römischen Leder und es gelang ihm, es zu konservieren. Zudem hat Gansser alle seine Experimente minuziös dokumentiert. Deshalb weiss man jetzt, dass er zur Konservierung auch Fungizide benutzt hat.

Wieder entdeckt 2 2000 Jahre altes Leder Die Abbildung zeigt Leder aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Gefunden wurde es 1941 im sogenannten «Schutthügel» von Vindonissa. Organische Materialien lösen sich in der Regel mit der Zeit auf; dass das Leder in der Abfalldeponie konserviert wurde, ist wohl einem Zufall zu verdanken. Und dem Basler Chemiker August Gansser ist es zu verdanken, dass das alte Leder noch immer zu bewundern ist: In den 1940er-Jahren experimentierte Ganser mit dem römischen Leder und es gelang ihm, es zu konservieren. Zudem hat Gansser alle seine Experimente minuziös dokumentiert. Deshalb weiss man jetzt, dass er zur Konservierung auch Fungizide benutzt hat.

Sandra Ardizzone
Wieder entdeckt 3 Bärhau, 1897 Die erste Sammlung von Altertümern aus dem Aargauer Boden hiess Antiquarium und war in Aarau beheimatet. Nach dem Motto «grabe, wo du stehst» betätigten sich auch vier Lehrer aus Lunkhofen als Freizeitarchäologen. Sie erforschten die 1866 entdeckte Nekropole im Bärhau. Sie waren erfolgreich und präsentierten ihre in der Erde gefundenen Trophäen vor dem Schulhaus, der Pfarrer fotografierte. Dann über-gaben sie ihre Funde folgsam und gut dokumentiert dem Antiquarium. Bei der Aufarbeitung der Sammlung fanden nun Trophäen, Foto und Dokumentation der Nekropole von Unterlunkhofen zusammen.

Wieder entdeckt 3 Bärhau, 1897 Die erste Sammlung von Altertümern aus dem Aargauer Boden hiess Antiquarium und war in Aarau beheimatet. Nach dem Motto «grabe, wo du stehst» betätigten sich auch vier Lehrer aus Lunkhofen als Freizeitarchäologen. Sie erforschten die 1866 entdeckte Nekropole im Bärhau. Sie waren erfolgreich und präsentierten ihre in der Erde gefundenen Trophäen vor dem Schulhaus, der Pfarrer fotografierte. Dann über-gaben sie ihre Funde folgsam und gut dokumentiert dem Antiquarium. Bei der Aufarbeitung der Sammlung fanden nun Trophäen, Foto und Dokumentation der Nekropole von Unterlunkhofen zusammen.

Sandra Ardizzone
Wieder entdeckt 4 Ulrich Geiger-Schwarz Vor gut 100 Jahren schenkte der Brugger Sammler Ulrich Geiger-Schwarz seine Sammlung von selbst gefundenen historischen Vindonissa-Gegenständen der Gesellschaft Pro Vindonissa. Das Material wurde dankbar angenommen, eingelagert und vergessen. Geigers Sohn, der Kunstmaler war, hatte die schönsten Stücke der Sammlung in einem Büchlein skizziert und damit dokumentiert. Bei der Aufarbeitung tauchte das Skizzenbuch wieder auf, und nun war es möglich, vermeintlich unbekannte Fundstücke als zur Sammlung Geiger gehörig zu identifizieren und die Funde wieder den genauen Fundorten in Brugg zuzuordnen. So auch die oben abgebildete Terrakottabüste. Sie zeigt eine Frau mit keltischem Halsreif.

Wieder entdeckt 4 Ulrich Geiger-Schwarz Vor gut 100 Jahren schenkte der Brugger Sammler Ulrich Geiger-Schwarz seine Sammlung von selbst gefundenen historischen Vindonissa-Gegenständen der Gesellschaft Pro Vindonissa. Das Material wurde dankbar angenommen, eingelagert und vergessen. Geigers Sohn, der Kunstmaler war, hatte die schönsten Stücke der Sammlung in einem Büchlein skizziert und damit dokumentiert. Bei der Aufarbeitung tauchte das Skizzenbuch wieder auf, und nun war es möglich, vermeintlich unbekannte Fundstücke als zur Sammlung Geiger gehörig zu identifizieren und die Funde wieder den genauen Fundorten in Brugg zuzuordnen. So auch die oben abgebildete Terrakottabüste. Sie zeigt eine Frau mit keltischem Halsreif.

Sandra Ardizzone