Ein Spaziergang im Wald, ein Kaffee im Dorf, ein Treffen mit Freunden – was für die meisten von uns zum Alltag gehört, ist für Familie Aussieker fast unmöglich. Vater Klaus ist 84 Jahre alt und an Parkinson erkrankt. Seine Frau leidet an Diabetes und ist aufgrund der Zuckerkrankheit schon fast blind und auf einen Rollstuhl angewiesen. Mit ihrem schmalen Budget können sich die beiden keine Spitex leisten. Die gemeinsame Tochter wohnt deshalb bei ihnen und kümmert sich Tag und Nacht um ihre Eltern. Ihren Alltag verbringen die drei grösstenteils in den eigenen vier Wänden.

«Gehört schon fast zur Familie»

«Es ist tragisch, aber es gibt Schlimmeres», meint Klaus Aussieker, als die Familie an diesem Donnerstagmorgen in der kleinen Wohnung in Rheinfelden beim Kaffee sitzt. «Wenn es uns besser ginge, hätten wir den Remo gar nie getroffen. Das wäre ja auch schlimm», ergänzt seine Frau lachend.

Remo Schalk, der ebenfalls am Tisch sitzt, grinst etwas verlegen. Der Freiwillige vom Besuchs- und Begleitdienst des Aargauer Roten Kreuzes gehört – so heisst es unisono – «schon fast zur Familie». Seit einem halben Jahr schaut er jeden Donnerstag bei Aussiekers vorbei und nimmt Vater Klaus mit auf einen Ausflug. Insgesamt 45 Freiwillige wie er besuchen im Aargau regelmässig sozial-isolierte Menschen und verhelfen ihnen zu mehr zwischenmenschlichen Kontakten.

«Ich brauche die Natur»

«Es ist toll, einen neuen Menschen zu treffen», betont Klaus Aussieker. Der ehemals in der chemischen Industrie tätige Pensionär engagierte sich früher stark für Naturschutzprojekte. Seit seiner Parkinsonerkrankung vermisst er nicht nur soziale Kontakte, sondern auch die Natur. «Immer nur zu Hause sitzen, ist nichts. Ich muss raus und mich bewegen.»

Klaus begrüsse ihn meist schon mit einer ausgedruckten Karte in der Hand und erkläre ihm dann, wo es hingehen soll, berichtet sein Tandempartner Schalk schmunzelnd. In ihm hat Aussieker jemanden gefunden, der das «Rauskommen» ebenso nötig hat wie er.

Die Welt mit anderen Augen sehen

Seit einem Burnout vor vier Jahren ist der Baumaterialhändler arbeitslos. «Zu Hause rumsitzen wurde mir auf die Dauer zu viel. Da ich gerne Auto fahre, empfahl mir eine Kollegin den Rotkreuz-Fahrdienst.» Heute ist er fast täglich für den Fahrdienst unterwegs und engagiert sich zudem beim Besuchs- und Begleitdienst. «Durch meine Begegnung mit meinen Fahrgästen und Aussiekers sehe ich die Welt wieder mit anderen Augen», erzählt der 58-Jährige. «Es gibt viel Tragisches im Leben, da darf der Spass nicht zu kurz kommen.»

Dafür sorgt er auf den Ausflügen mit Klaus, indem er jeweils noch einen Spaziergang im Grünen einplant. «So langsam, wie ich gehe, findet das Spazieren nicht jeder lustig», merkt Aussieker dazu an. Umso dankbarer ist er, dass Schalk ihn unterwegs noch Skizzen in seinem Zeichenblock anfertigen lässt. Zu Hause malt er die Landschaftsbilder dann aus und holt sich so ein Stück Natur ins Wohnzimmer.

«Das tut mir so gut»

Die fertigen Bilder schauen sich die beiden an diesem Morgen an. Aufgrund der Rückenprobleme von Fahrer Schalk mussten sie den geplanten Ausflug verschieben. «Auf einen Kaffee komme er aber schon, hat Remo am Telefon gesagt», freut sich Aussieker «Das tat mir so gut. Es zeigt, dass er gerne mit uns Zeit verbringt».

Weitere Informationen zum Besuchs- und Begleitdienst auf www. srk-aargau.ch/besuchs-und-begleitdienst oder telefonisch unter 062 835 70 40.