Menschenrechte
Zwangsheirat im Aargau: Wenn die Hochzeit zum Horror wird

Zu Zwangsheiraten kommt es oft in den Sommerferien, wenn ganze Familien in ihre Heimatländer reisen. Doch auch im Aargau werden junge Frauen und Männer zu einer Ehe gezwungen, die sie nicht wollen.

Manuel Bühlmann
Drucken
Teilen
Frauen, die zur Ehe gezwungen werden. Auch im Aargau ein Thema.

Frauen, die zur Ehe gezwungen werden. Auch im Aargau ein Thema.

Keystone

So reagieren Sie richtig

Oft sind es Lehrerinnen, Lehrlingsbetreuer oder Kolleginnen, denen sich Opfer einer Zwangsheirat anvertrauen. Ihnen rät Anu Sivaganesan von der Beratungsstelle zwangsheirat.ch: «Versuchen Sie nicht, dass Problem selber zu lösen.» Dies könne sowohl für die Betroffenen als auch für die Helfer gefährlich werden. Stattdessen empfiehlt sie, folgende Regeln einzuhalten: Erstens das Thema ernst nehmen und den Betroffenen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Zweitens sie ermutigen, sich an eine Fachstelle zu wenden. Und drittens: «Es ist wichtig, gegenüber den Betroffenen nicht deren Eltern und Kultur zu verteufeln.»
Eine neue Aargauer Broschüre soll dazu beitragen, die breite Öffentlichkeit – und insbesondere Lehrpersonen sowie Schüler – auf das Thema aufmerksam zu machen. (Mbü)

Link zur Broschüre des Projekts «frei entscheiden».

Ein Foto und ein Horoskop. Mehr braucht es nicht, um den Mann fürs Leben zu finden. Das jedenfalls fanden die Eltern der 18-jährigen Najma (Name geändert). Sie allerdings hatte nicht im Sinn, einen wildfremden Mann zu heiraten. Sie liebte ihren Freund, der wie sie Wurzeln in Sri Lanka hatte. Der passte aber den Eltern nicht, weil er zu einer tieferen gesellschaftlichen Kaste zählte. Der Druck auf die junge Frau stieg – mit jedem Horoskop, mit jedem Foto eines potenziellen Bräutigams.

Wollen die Eltern einen anderen Ehepartner für ihre Kinder, stehen diese unter enormem Druck. Auf der einen Seite der Wunsch nach einer glücklichen Beziehung, auf der anderen Seite das Bedürfnis nach einer intakten Familie. Zu dieser inneren Zerrissenheit kommt – neben physischer in einigen Fällen – oftmals psychische Gewalt. «Emotionale Erpressung», nennt es Anu Sivaganesan, Leiterin der Beratungsstelle zwangsheirat.ch: «Die Druckversuche können so weit gehen, dass die Mutter droht, sich umzubringen, wenn ihr Kind der Hochzeit nicht zustimmt.» Häufig drohten Eltern zudem mit dem Ausschluss aus der Familie, sagt Sivaganesan. Irgendwann wird die Belastung derart gross, dass sich die Kinder dem Willen der Eltern beugen.

Ein erstes Treffen mit dem Zukünftigen im McDonald's

Dem Druck konnte sich auf Dauer auch Nayma nicht widersetzen: Immer wieder drängten ihre Eltern auf ein Treffen mit potenziellen Ehemännern. Sie weigerte sich, bis sie schliesslich dazu gezwungen wurde. Den Mann, den sie zusammen mit den Eltern erstmals im McDonald’s traf, sollte ihr künftiger Ehemann werden, davon waren alle Beteiligten überzeugt – ausser Nayma.

In ihrer Verzweiflung beschloss sie, ihren Freund zu heiraten. Auf diese Weise, so hoffte sie, liesse sich die Zwangsheirat verhindern. Den Termin für die Eheschliessung mit ihrem Freund stand bereits fest. Doch als Familienmitglieder das junge Pärchen mit dem Tod bedrohten, gab sie den Widerstand auf und heiratete einen Mann, den sie kaum kannte.

Najmas Fall nahm sich die Badener Anwältin Yvonne Meier an. Sie habe ständig mit Zwangsheirat zu tun, sagt sie. «Das Thema ist sehr aktuell», sagt auch Anu Sivaganesan. Dies zeigten die Erfahrungen der Beratungsstelle. Wie viele Menschen im Aargau tatsächlich gegen ihren Willen verheiratet werden, ist unklar. Auch auf nationaler Ebene existieren nur Schätzungen – die aktuellste veröffentlichte der Bund vor zwei Jahren: Demnach wurden in den Jahren 2009 bis 2010 schweizweit bis zu 480 Personen zu einer Hochzeit gezwungen. Die Dunkelziffer ist hoch. «Nicht alle wagen es, externe Hilfe zu holen», sagt Sivaganesan.

Neun Meldungen pro Woche bei zwangsheirat.ch

Eine deutliche Zunahme an gemeldeten Fällen verzeichnet die Beratungsstelle zwangsheirat.ch jeweils im Sommer: Gehen sonst vier bis fünf Meldungen pro Woche ein, sind es derzeit deren neun. Leiterin Anu Sivaganesan erklärt dies mit der erhöhten Wachsamkeit der jungen Frauen und Männer vor geplanten Reisen in ihr Heimatland: «Sie realisieren, dass sie in einem fremden Umfeld gefährdeter sind. Davor haben sie Angst.» Gibt es Anzeichen einer bevorstehenden Zwangsheirat, empfiehlt Yvonne Meier den Betroffenen, Geld und eine Pass-Kopie mitzunehmen, damit sie im Notfall ausreisen könnten. Befinden sich die jungen Frauen ausserhalb der Schweiz, können ihnen Meier und die Beratungsstellen kaum mehr helfen.

Am häufigsten Opfer einer Zwangsheirat werden junge Frauen zwischen 18 und 25 Jahren, die aus Balkanländern, der Türkei und Sri Lanka stammen. Auch Männer sind davon betroffen. Sie melden sich aber seltener bei den Beratungsstellen. Womöglich auch deshalb, weil sie meist grössere Freiheiten geniessen, als junge Frauen und sich deshalb leichter mit der ungewollten Situation arrangieren können.

Junge Menschen werden aus völlig unterschiedlichen Gründen zwangsverheiratet: um Familienmitglieder in die Schweiz zu holen, um gesellschaftlich aufzusteigen, um die Kinder zu disziplinieren, wenn sie sich nicht so verhalten, wie sich das Mutter und Vater wünschen.

Bis zu fünf Jahren Haft

«Die Eltern haben das Gefühl, sie handeln im Guten», sagt Lelia Hunziker, Geschäftsführerin der Anlaufstelle Integration Aargau. Gespräche mit einer Vermittlungsperson – etwa einem religiösen Würdenträger oder einem Familienmitglied – würden manchmal helfen, Vater und Mutter umzustimmen. «Ziel ist die Verständigung», sagt Hunziker.
Nicht immer gelingt die Vermittlung. Einigen ergeht es wie Najma: Die junge Frau wurde von ihrer Familie ausgeschlossen. Sie hat sich entschieden, rechtlich gegen die Zwangsheirat vorzugehen. Mit der Hilfe ihrer Anwältin Yvonne Meier gelang es ihr, die Ehe für ungültig erklären zu lassen.

Seit dem 1. Juli des letzten Jahres geht das einfacher und auch dann noch, wenn die Hochzeit schon länger als sechs Monate zurück liegt. Das ist ein Teil eines Gesetzespakets, mit dem der Bund Zwangsheirat bekämpfen will. Seither ist es ein eigener Straftatbestand, der mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden kann. Ausserdem besteht für Behörden eine Meldepflicht für Fälle von Zwangsheirat. Die Bilanz nach einem Jahr fällt durchzogen aus. Anu Sivaganesan lobt die symbolische Wirkung, ist aber in Bezug auf die Meldepflicht und die härteren Strafen skeptisch: «Ob damit längerfristig den Betroffenen geholfen ist, wird man noch sehen.»
Sie befürchtet, dass die Hürde für Opfer nun höher ist, sich zu melden. Den eigenen Vater, die eigene Mutter zeigt kaum jemand an. «Die Vorstellung, Familienmitglieder im Gefängnis zu sehen, schreckt ab», sagt Sivaganesan.

Yvonne Meier sieht vor allem einen positiven Effekt des neuen Gesetzes: «Die Polizei ist besser informiert und befragt Betroffene genauer, seitdem Zwangsheirat ein eigener Straftatbestand ist.» Eine abschreckende Wirkung stellt sie jedoch nicht fest, die betroffenen Familien wüssten gar nichts von den härteren Strafen.
Doch auch neue Gesetze können Schicksale wie jenes von Najma nicht verhindern. Nachdem sie sich gegen die erzwungene Ehe entschieden hatte, musste sie sich vor der Familie in einem Frauenhaus verstecken. Später suchte sie sich mit ihrem Freund eine eigene Wohnung – weit weg von ihren Eltern und Geschwistern in einem anderen Kanton.

Aktuelle Nachrichten