Herr Jauslin, Sie sind kaum ein Jahr in Bundesbern und schon drauf und dran, Ihre Parteikollegen Kurt Fluri und Philipp Müller als Feindbild der SVP abzulösen.

Matthias Jauslin: Nein, nein. Kurt und Philipp sind erfahrene Kollegen, von denen ich sehr viel lernen kann und die mir helfen, mich in Bundesbern zurechtzufinden. Ich habe aber kein Bedürfnis, die zwei als Feindbild der SVP abzulösen.

Jedenfalls haben Sie in den letzten Tagen plötzlich eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative eingenommen. Wie kamen Sie dazu?

Ich bin Mitglied der staatspolitischen Kommission des Nationalrates und habe in der Kommission beim Dossier Masseneinwanderungs-Initiative aktiv mitgearbeitet. Kurt Fluri wurde als Kommissionssprecher gewählt und so hatte ich die Chance, den Part als Fraktionssprecher zu übernehmen. Für mich als Neuling eine echte Herausforderung.

Die NZZ schreibt, die FDP massakriere ihr eigenes Konzept zur Zuwanderungs-Initiative bis zur Unendlichkeit. Damit sind Sie gemeint!

Bei falscher Interpretation kann man zu diesem Schluss kommen. Schade, dass die NZZ diese Unklarheit nicht nachfragte. Es geht um die Höhe der Arbeitslosenquote, ab der die Massnahmen zum Schutz der Inländer zum Zug kommen sollen. Meine Vorstellung war, dass diese Hürde bei etwa 10 bis 15 Prozent Arbeitslosigkeit in bestimmten Berufsgruppen und Wirtschaftsregionen liegen sollte. Es handelte sich bei dieser Zahl nicht um die durchschnittliche Arbeitslosenquote über die ganze Schweiz. Zudem habe ich angefügt, dass der Bundesrat die definitive Grössenordnung noch festlegen muss.

Hand aufs Herz: Von der Masseneinwanderungsinitiative bleibt nicht mehr viel übrig.

Wir haben den Auftrag, Gesetze möglichst entsprechend der Bundesverfassung umzusetzen. In diesem Fall wird insbesondere gefordert, die Einwanderung selbstständig zu steuern. Die meisten Ausländer kommen zu uns, weil sie Arbeit suchen. Und wir setzen genau dort an, wo das Problem entsteht, beim Arbeitsmarkt. Da setzen wir eine Schranke bei der Zuwanderung aufgrund einer bestimmten Arbeitslosigkeit. Dabei haben wir um eine Lösung gerungen, die das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU nicht ritzt und die bilateralen Verträge nicht gefährdet. Aber Sie haben recht: Wir schaffen es nicht, alle Forderungen aus der Masseneinwanderungs-Initiative 1 zu 1 umzusetzen.

Ihr Wohnort Wohlen hat der SVP-Initiative mit wuchtigen 58 Prozent zugestimmt. Haben Sie schon Reaktionen von Wählern bekommen zu Ihrem Kompromissvorschlag?

Ja, gerade diesen Mittwoch, als Doris Leuthard einen Apéro anlässlich ihrer Wahl zur Bundespräsidentin gab. Da hat sich ein Bürger aus dem Freiamt bei mir beschwert, wir würden die Volksrechte mit den Füssen treten.

Was haben Sie ihm geantwortet?

Ich habe ihm versucht zu erklären, dass wir eine Initiative angenommen haben, welche die Bilateralen und somit unsere Wirtschaft gefährdet. Nun bemühen wir uns, das Beste daraus machen.

Konnten Sie ihn überzeugen?

Naja. Er sagte mir, ich solle so weitermachen (lacht).

Sie führen ein KMU in Wohlen. Wie viele Ausländer und Schweizer haben Sie angestellt?

Rund drei Viertel Schweizer, ein Viertel Ausländer. Bei Lehrlingen sind es zwei Drittel zu einem Drittel.

Mangelt es Ihnen an einheimischen Lehrlingen?

Ja, zum einen. Zum anderen wählen die meisten guten Schulabgänger den Weg Richtung Studium. Jugendliche mit ausländischen Wurzeln sind noch eher bereit, eine handwerkliche Berufslehre zu absolvieren.

Ist es bei einer Anstellung überhaupt ein Kriterium, ob einer Schweizer ist?

Nein. Wenn ich einen gelernten Elektroinstallateur brauche und nach einer Ausschreibung einen guten Bewerber habe, möchte ich ihn möglichst schnell anstellen. Wenn ich zu lange warte, springt er ab. Eine Umsetzung der Zuwanderungs-Initiative mit zu viel Hürden und Bürokratie wäre nicht gut für uns Unternehmer.

Mit andern Worten: Aus Unternehmersicht möchten Sie eine möglichst zahnlose Umsetzung der Initiative?

Nein, nicht zahnlos. Mein Unternehmen wäre von der Umsetzung kaum betroffen. Die Arbeitslosenquote bei Elektroinstallateuren ist seit Jahren tief. Aber für andere Branchen, Bau zum Beispiel, haben wir je nach Saison zu viele Leute. Wenn man dort nur wegen des Lohnes ausländische Arbeitskräfte holt, statt einheimische Stellensuchende anzustellen, ist das ein Systemfehler, den man beheben muss.

Das Thema zeigt, Sie sind der Politikertyp, der den Konsens sucht. Täuscht der Eindruck oder haben Sie sich als Parteipräsident im Aargau zunehmend schwergetan mit ihrem politischen Verbündeten, der SVP, die wenig kompromissbereit politisiert?

Ich habe eigentlich ein gutes Verhältnis zum rechten Lager. Aber ich habe Mühe damit, dass in der SVP zunehmend Leute den Ton angeben, die nur ihre eigene Lösung als einzig richtige betrachten. Das ist nicht die Idee der Demokratie und auch nicht die Idee unserer Schweiz.

Haben Sie auch wegen dieser Polarisierung genug vom Amt als Parteipräsident?

Nein, ich habe damals den Job nicht angenommen, um ihn nur drei Jahre zu machen. Aber jetzt ist mein Nationalratsamt dazugekommen. Und ich musste feststellen, dass man in Bundesbern etwas weit weg ist von den Informationsflüssen im Aargau. Beide Ämter kann man nicht gleichzeitig gut machen.

Hat Ihnen das Gestürm um die Rolle der FDP bei den Regierungsratswahlen den Rest gegeben?

Nein, das hat meinen Entscheid in keiner Weise beeinflusst.

Das Hüst und Hott – zuerst für die SVP, dann gegen Roth, dann wieder dafür – machte von aussen einen schlechten Eindruck. Was würden Sie anders machen im Nachhinein?

Ich bin nach wie vor überzeugt, dass die Absicht, mit einer eigenen Kandidatin bereits im ersten Wahlgang anzutreten, richtig war. Die Geschäftsleitung der FDP hat aber anders entschieden.

Sie wollten als Präsident eine Gegenkandidatin zu Franziska Roth portieren?

Ja. Aber ich führe als Präsident letztlich aus, was die Partei beschliesst.

Keine Selbstkritik?

Ich kann mir vorwerfen, dass ich mich parteiintern nicht durchgesetzt habe.

Haben Sie die zitierte Kröte, die Sie durch die Wahl von Franziska Roth schlucken mussten, schon verdaut?

Selbstverständlich und ich gratuliere Frau Roth zu ihrem neuen Amt. Es ist nun wichtig, dass sich auch die SVP bemüht, den Konsens zu suchen und mehr Verantwortung übernimmt.

Mit Andreas Glarner, Cédric Wermuth und Thierry Burkart habe Sie drei Aargauer Nationalratskollegen, die oft im Scheinwerferlicht stehen. Fühlen Sie sich da manchmal in den Schatten gestellt?

Nein, ich war früher mal Spitzensportler. Damals war es das Ziel, zuvorderst zu sein. Heute bin ich gelassener und schaue hin, was im Leben wirklich wichtig ist. Wissen Sie, ich bin kein Berufspolitiker, sondern Unternehmer und trage die soziale Verantwortung für alle meine Mitarbeiter. Dass ich so tief in die Politik eingestiegen bin, war nie meine Lebensplanung.

Jetzt sind Sie Nationalrat. Was sind Ihre Ziele?

Mich in der FDP-Bundeshausfraktion einbringen und die Ansichten eines Praktikers vertreten. Ich habe keine grösseren politischen Ambitionen. Ich bin mit 54 auch nicht mehr der Jüngste und muss mir nichts mehr beweisen.

Andere werden mit 64 Bundesrat.

Kann ich nicht und will ich auch nicht. Nochmals: Ich bin im Herzen Unternehmer. Ich gehe extrem gern in meinen kleinen Betrieb. Stehe ein für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; Schweizer und Ausländer. Wir sind hemdsärmelig und gehen auch mal gerne ein Bier zusammen trinken. Diese Welt liegt mir mehr, als Karrierepläne für die hohe Politik zu schmieden.