Angenehm, motiviert, zuverlässig. Im Arbeitszeugnis von Reto Meile (Name geändert) reihen sich die lobenden Worte aneinander. Dennoch sagt sein Onkel und Götti: «Niemand will im freien Markt einen Mitarbeiter wie ihn.» 2011 verlor der heute 46-jährige Meile seine Stelle, inzwischen ist er ausgesteuert, lebt von Sozialhilfe und bei seinem Zwillingsbruder im Seetal.

Jüngst absolvierte er ein viermonatiges Praktikum auf einer Gemeindeverwaltung – freiwillig und unentgeltlich. «Ich wollte herausfinden, was ich noch leisten kann», sagt Meile. Seine Erfahrungen hat er akribisch in einer Tabelle festgehalten. Die Einschätzung des Arbeitgebers deckt sich mit seiner: Nach einem halben Tag sinkt die Konzentration, steigt die Fehlerquote. Kommen Zeit- und Leistungsdruck dazu, geht rasch nichts mehr.

Schon als Kleinkind war Reto Meile bei der Invalidenversicherung (IV) angemeldet. Auf Komplikationen mit Sauerstoffmangel bei der Geburt folgten eine schwierige Kindheit und jahrelange psychomotorische sowie psychiatrische Therapien. Handelsschule und kaufmännische Ausbildung schloss er dennoch ab, arbeitete danach in mehreren Betrieben; unter der schützenden Hand des Patrons funktionierte das.

Nach einem Chefwechsel wurden Druck und Erwartungen immer grösser, bis ihm alles zu viel wurde. Dann kam die Entlassung und mit ihr der Bruch in Meiles Leben. Fünf Jahre sind seither vergangen, die Jobsuche blieb bis heute genauso erfolglos wie das Jobcoaching, das die IV-Stelle bewilligte.

Meiles Wunsch: eine geschützte Arbeitsstelle und eine IV-Teilrente. Dafür kämpft er seit März 2012 gemeinsam mit Hans Roth, seinem Onkel und Götti, der sich in einem Leserbrief an die Öffentlichkeit gewendet hat. Darin kritisiert er die lange Dauer des Verfahrens: «Viereinhalb Jahre Zermürbung pur.» Wer nicht auf tatkräftige Unterstützung zählen könne, gebe früher oder später auf.

Unterstützung, die das Duo von Rémy Wyssmann erhält. Der Anwalt erscheint zum Termin in einer Gartenbeiz mit drei Bundesordnern im Arm, sechs sind inzwischen gefüllt. Er sagt: «Die Menge an Dokumenten ist symptomatisch.» Unter all den Akten findet sich auch das Gutachten einer externen Firma, das von einer «durch die weit in die Psychobiografie zurückreichende Persönlichkeitsstörung» beeinträchtigten Arbeitsfähigkeit ausgeht. Die Gutachter attestieren Meile deshalb eine «eingeschränkte Stresstoleranz» und empfehlen Tätigkeiten ohne ständige Ablenkungen.

Fazit: Er sei auf einen «verständnisvollen Arbeitgeber angewiesen» – und zu 80 Prozent arbeitsfähig. Ein Anspruch auf eine IV-Rente besteht erst ab 40 Prozent Arbeitsunfähigkeit. Wer keine Rente bekommt, bekommt auch keinen geschützten Arbeitsplatz.

Damit wollten sich Meile und seine Unterstützer nicht abfinden, sie zogen vor das Aargauer Versicherungsgericht – und bekamen Recht. Im Urteil von Mitte Dezember letzten Jahres befanden die Richter: «Die Abklärungen sind unvollständig.» Nicht alle vorhandenen Akten seien einbezogen worden, so fehle etwa der ärztliche Bericht zur Aushebung. Darin hielt der Arzt als Begründung für Meiles Militäruntauglichkeit fest: «Unter vermehrtem Druck zeigt er einen überdurchschnittlichen Leistungsabfall.»

Das Gericht hiess die Beschwerde teilweise gut, hob die Verfügung auf und beauftragte die IV-Stelle damit, weitere Abklärungen zu treffen und eine neue Verfügung zu erlassen. Das war vor acht Monaten. Acht weitere Monate, in denen Reto Meile auf einen Entscheid warten muss, der seine berufliche Zukunft bestimmt. Nach dem Urteil müsste es nun rasch vorwärtsgehen, sagt Anwalt Rémy Wyssmann. «Stattdessen heisst es wieder: warten, warten, warten.» Die Ungewissheit sei belastend, sagt Meile. «Frage ich nach, werde ich vertröstet. Einen Zeithorizont erhalte ich nie.»

Jede zweite Rente wird abgelehnt

Die IV-Stelle der Sozialversicherung Aargau (SVA) teilt auf Anfrage mit, «die vom Gericht angeordneten zusätzlichen Abklärungen konnten inzwischen abgeschlossen werden». Derzeit laufe die Beurteilung der Aktenlage durch den Regionalen Ärztlichen Dienst. Danach werde die IV-Stelle einen neuen Entscheid erlassen.

Die Frage, bis wann dieser vorliegen wird, lasse sich nicht beantworten. Die lange Dauer des Verfahrens erklärt SVA-Sprecher Erich Wiederkehr einerseits damit, dass in der ersten Phase die Suche nach einer geeigneten Tätigkeit im Vordergrund gestanden habe, andererseits mit der Beschwerde gegen den negativen Rentenentscheid und dem anschliessenden Gerichtsverfahren. Wie lange ein Verfahren daure, sei von Fall zu Fall sehr unterschiedlich, sagt Wiederkehr. «Aussagen zur durchschnittlichen Dauer sind deshalb nicht aussagekräftig.» Unklar ist auch, wie oft Gutachten angefochten werden. Wiederkehr: «Über die Anzahl Beschwerden, die sich auf die Ergebnisse der Gutachten beziehen oder die Rückweisungen aufgrund mangelhafter Gutachten, führt die SVA keine Statistik.» Die Chance, mit einem Antrag auf eine IV-Rente abzublitzen, ist hoch; die Ablehnungsquote im Aargau liegt bei 50 Prozent.

Dennoch hofft Reto Meile, dass er im zweiten Anlauf eine Teilrente zugesprochen erhält. An seinem Ziel vermochte auch das lange Warten nichts zu ändern: «Ich würde gerne arbeiten.»