Gegen Diskriminierung
Zum Ausleihen: Ambis Osman, 21, Geschichtenerzähler

In der «Living Library» lassen sich statt Bücher Menschen ausleihen. Auch der Eritreer Ambis Osman beantwortet Fragen zu seinem Leben.

Manuel Bühlmann
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SEVERIN BIGLER

Ambis Osman hat grosse Pläne. Soeben hat er seine Schicht in der Küche des Aarauer Take-away Mojo beendet, später wird er von der Aarauer Telli weiter nach Lenzburg fahren, um dort bei einer Führung durch die Stapferhaus-Ausstellung «Heimat» für eritreische Landsleute zu übersetzen. Der 21-Jährige probt für ein Theater, plant ein Buch – und stellt sich diese Woche den Fragen von ihm unbekannten Menschen. «Living Library» – lebende Bibliothek – heisst das Projekt, das während der Aktionswoche gegen Rassismus in Baden, Brugg, Lenzburg, Wettingen und Wohlen angeboten wird. Mit dabei an drei von fünf Veranstaltungen: Ambis Osman. Der Asylsuchende aus Eritrea hat Erfahrung mit lebenden Bibliotheken – bereits zum zwanzigsten Mal macht er mit.

Herr Osman, wie würden Sie jemandem, der noch nie davon gehört hat, die «Living Library» erklären?

Ambis Osman: Die Besucher können uns Fragen stellen, wir antworten. Wir bringen ihnen unsere Geschichte näher und erklären, dass wir nicht hier sind, um die Schweiz auszunutzen, sondern, weil wir keine andere Wahl hatten. Hautfarbe, Herkunft, Familie kann sich niemand aussuchen, wir haben alle Respekt verdient.

Sie haben sich schon oft als Gesprächspartner zur Verfügung gestellt. Warum?

Die «Living Library» ist eine gute Idee, weil sie dabei hilft, Vorurteile abzubauen und den Kontakt zwischen Flüchtlingen und Schweizern herzustellen. Ich hoffe, dass es zu mehr Begegnungen kommt. Und ein weiterer Grund, warum ich immer wieder mitmache: Ich plaudere gerne mit anderen Menschen.

Die Besucher dürfen alles fragen, auch persönliche Fragen sind erlaubt: «Es gibt grundsätzlich keine Tabuthemen», schreiben die Organisatoren. Ist ein Thema zu privat, dürfen die Gesprächspartner dies sagen. Zehn junge Frauen und Männer aus Afghanistan, Äthiopien, Eritrea, Somalia, Sri Lanka, Syrien, Tibet und Uganda stellen sich als sprechende Bücher zur Verfügung. Maximale Ausleihzeit: 30 Minuten. Auf Steckbriefen werden sie kurz vorgestellt. Auf jenem von Ambis Osman steht: «Es ist mir auch wichtig, über die Situation in meinem Heimatland Eritrea zu sprechen, denn sie beschäftigt mich sehr.» Vor rund zwei Jahren ist er vor dem unbegrenzten Militärdienst geflohen, zuerst durch die Wüste an die libysche Küste, dann über das Mittelmeer nach Italien, von wo aus er weiter in die Schweiz geschickt worden ist.

Sie sagen, am häufigsten werden Sie nach Ihrer Flucht gefragt. Was erzählen Sie dann?

Wer über das Mittelmeer nach Europa geflohen ist, hat schlimme Dinge erlebt. Auch ich. Leute sind neben mir gestorben. Alle Details kann ich nicht erzählen. Viele Flüchtlinge haben die Hoffnung und das Vertrauen in andere Menschen verloren, leben nun weit weg von ihren Familien. Umso wichtiger wären neue Bekanntschaften. Ich habe das Glück, dass ich hier Freunde gefunden habe, die mich unterstützen. Dadurch fühle ich mich hier wie zu Hause.

Welche Frage, die Ihnen noch nie jemand gestellt hat, würden Sie sich wünschen?

Wie sind die Menschen in Eritrea? Das wäre eine wichtige Frage.

Was würden Sie darauf antworten?

Sie sind offen, gastfreundlich, sympathisch, einfühlsam.

Bald steht Ambis Osman in Aarau mit Kantischülern auf der Theaterbühne. «Ein Stück über die Integration», wie er sagt. In der Hauptrolle: Ambis Osman. Nach den Aufführungen im Mai hat er sich bereits ein nächstes Ziel gesetzt: Mit der Hilfe einer Kollegin will er ein Buch über seine Flucht schreiben, seine Geschichte einem noch grösseren Publikum erzählen.