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Zugfahren im Graubereich: Wenn man am Automaten nur noch Bahnhof versteht

A-Welle-Automat: Einfach ist es nicht, das richtige Billett zu lösen

A-Welle-Automat: Einfach ist es nicht, das richtige Billett zu lösen

Fast acht Millionen Tickets verkauft der Tarifverbund Aargau-Solothurn jährlich. Einfach ist es aber nicht, das richtige Billett zu lösen. Fahrplanwechsel hin oder her.

Das richtige Billett zu lösen, das habe mit Erfahrung zu tun, sagt der Mann – ich nicke.

Und lache auch nicht, als er zwei Anläufe braucht, bis der Automat ausspuckt, was er wünscht. Erfahrungen muss man schliesslich zuerst sammeln.

Erfahren hat das auch die Frau, die nach Oberentfelden will. Sie tippt geduldig «Oberentfelden» in den Automaten.

Sie wisse genau, was zu tun sei, erzählt sie mir, weil beim ersten Mal, als sie nach Oberentfelden wollte, da habe sie eine Kurzstrecke gelöst. Die Strecke war dann doch eine Haltestelle weiter weg, als die Kurzstrecke lang war. «Und dann?», frage ich. «Ich bekam eine Busse wegen 40 Rappen.»

Zugegeben, es ist einfacher geworden mit den Automaten. Aber wir alle konnten schliesslich in den letzten Monaten Erfahrungen sammeln, haben aus Rückschlägen gelernt.

Bloss, was tun Menschen, die zum ersten Mal mit der A-Welle in Berührung kommen?

Ich suche einen Unerfahrenen – und finde ihn schnell. Tauri aus Estland.

Ich habe keine Ahnung, wie Ticketautomaten in Estland funktionieren. Er kann das Wort A-Welle kaum aussprechen – wunderbar.

Tauri ist jung, Künstler, reist mit Freunden durch Europa.

Los gehts: Ein Ticket von Aarau nach Baden soll er lösen. Er hat Glück: Baden erscheint als Auswahl von möglichen Fahrzielen auf dem Display. Tauri tippt es an. Jetzt werden ihm vier Reisewege vorgeschlagen. Tauri sagt auf Englisch: «Ich kenne Brugg nicht, ich nehme das Zweite.»

Warum? «Weil sechs Zonen bestimmt günstiger sind als sieben.» Logisch.

Ich verabschiede mich von ihm und löse selbst ein Billett nach Baden – wie immer wähle ich den Weg «via Brugg», ein halbes.

Ehrlich gesagt, ich weiss nicht, wieso ich immer «via Brugg» wähle, ich denke an Tauri und beschliesse, das Billett umzutauschen, also «via Mellingen-Heitersberg» nach Baden zu fahren.

Die nette Frau am Schalter versteht nicht, weshalb ich das Ticket umtauschen will: Die Strecke via Mellingen sei länger und umständlicher.

Sie zählt auf: S-Bahn, Fussweg, Bus, Fussweg. Ich sage ihr, dass es günstiger sei.

Sie lächelt müde: «Der Preisunterschied ist 1 Franken 10. Ich weiss nicht, ob es Ihnen das wert ist.»

Ich bin mir bewusst, dass ich jetzt ziemlich blöd dastehe. Gebe aber noch nicht auf.

Ich frage, was passiert, wenn Tauri mit seinem Ticket via Brugg gefahren wäre. «Dann fehlt eine Zone, und das ist dann gleich wie Schwarzfahren.»

Das ist nicht ganz richtig. Einer, der eine Zone zu wenig gelöst hat, ist bloss ein Graufahrer. Das kostet beim ersten Mal 75 Franken, Schwarzfahren kostet 100 Franken.

Ich bin trotzdem froh, dass Tauri mit einem Minibus unterwegs ist – ob er das mit der Vignette weiss?

Später rufe ich Martín Osuna an. Er ist der Geschäftsführer des Tarifverbunds A-Welle.

Ich frage ihn, wieso die komplizierte Variante via Mellingen überhaupt angezeigt wird.

Er spricht von einem Dilemma: Würde man diesen etwas umständlichen Reiseweg löschen, würde sich bestimmt ein Fahrgast darüber beschweren. Osuna vermutet aber, dass der Kontrolleur bei Tauri ein Auge zugedrückt hätte.

Wenn das so ist, denke ich, dann will ich nicht so sein und drücke auch ein Auge zu.

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