Alterspolitik

Zu wenig Angebote und zu teuer: Betreute Wohnungen fehlen im Kanton Aargau

Selbstständig sein und falls nötig trotzdem Hilfe in Anspruch nehmen - Ziel des betreuten Wohnens.  (Symbolbild)

Selbstständig sein und falls nötig trotzdem Hilfe in Anspruch nehmen - Ziel des betreuten Wohnens. (Symbolbild)

Momentan leben vor allem wohlhabende Menschen in betreuten Wohnungen. Zudem sind Gemeinden aus Angst vor Folgekosten zurückhaltend beim Bauen. Zurecht?

Im Jahr 2035 leben im Kanton Aargau etwa doppelt so viele über 80-Jährige wie im Jahr 2015. Es ist die Aufgabe der Gemeinden, dafür zu sorgen, genügend Angebote für die älteren Menschen bereitzustellen. Dazu gehört auch Wohnraum. Der Kanton Aargau verfolgt in der Alterspolitik den Grundsatz, dass jeder Mensch zur richtigen Zeit am richtigen Ort leben sollte.

Niemand soll in ein Pflegeheim müssen, wenn er das nicht möchte und noch genug fit ist, um mit ambulanter Betreuung zu Hause zu leben. Umgekehrt soll kein Mensch, der auf Pflege angewiesen ist, vergessen gehen und so etwa zur Belastung von pflegenden Angehörigen werden.

Gemäss Pflegeheimstatistik 2016 sind 37 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner in Aargauer Pflegezentren in den Pflegestufen 1 bis 3 eingestuft. Das heisst, sie sind pro Tag auf maximal 60 Minuten Pflege angewiesen. Das widerspricht der Faustregel des Kantons, dass Personen mit einer tiefen Pflegestufe ambulant und solche mit einer hohen Pflegestufe stationär versorgt werden sollten. Doch wo hapert es?

CVP-Grossrat Andre Rotzetter sagte Ende Mai gegenüber der AZ, dass Menschen, die zwar auf Pflege angewiesen sind, aber noch zu wenig pflegebedürftig für ein Pflegeheim sind, in eine Institution für betreutes Wohnen gehörten.

Mehrere Probleme

Doch diesbezüglich gibt es im Aargau gleich zwei Probleme. Das zeigte sich am «Forum Alter», das von der Gemeindeammänner-Vereinigung des Kantons Aargau und dem Departement für Gesundheit und Soziales organisiert wurde.

Das erste Problem: Die Kosten für das betreute Wohnen sind nicht Teil des Leistungskatalogs der Ergänzungsleistungen. Das führt letztlich dazu, dass sich nur wohlhabende Personen ein betreutes Wohnen leisten können. Alle anderen landen im viel teureren Pflegeheim, weil sie dann Ergänzungsleistungen erhalten.

Das zweite Problem: Im Kanton Aargau gibt es zu wenig Angebote für betreutes Wohnen. Einige Gemeinden sind zurückhaltend, wenn es darum geht, solche Wohnungen zu bauen. Sie befürchten hohe Folgekosten. Zieht nämlich eine alte Person aus ihrer Wohnung in eine Alterswohnung oder betreute Wohnung in einer anderen Gemeinde, muss sie ihren Wohnsitz wechseln. Wenn sie dann irgendwann – und das ist der typische Weg – vom betreuten Wohnen in ein Pflegeheim umzieht, muss die letzte Wohnsitzgemeinde die anfallenden Restkosten und wenn nötig auch die Ergänzungsleistungen übernehmen.

Gesetzesänderung in Sicht

Mit dem ersten Problem, den Ergänzungsleistungen, hat sich der Grosse Rat bereits vor drei Jahren befasst. Die CVP-Fraktion hatte im März 2014 eine Motion eingereicht, die verlangte, das kantonale Gesetz mit einem Abschnitt über das betreute Wohnen zu ergänzen. «Mit einem Beitrag an das betreute Wohnen von 500 Franken pro Monat könnte ein Eintritt ins Pflegeheim verhindert oder hinausgezögert werden», schrieben die Motionäre.

Der Regierungsrat lehnte die Motion Ende August 2014 zwar ab, war jedoch bereit, sie als Postulat entgegenzunehmen. Das Thema sei wichtig und die Regierung deshalb bereit, die notwendigen Abklärungen zu treffen. Die Grossräte überwiesen das Postulat ohne Gegenstimme. Eine Antwort des Regierungsrates ist bis heute ausstehend.

«Die Arbeiten befinden sich in der Konstituierungsphase», sagt Michael Stauffer, Mediensprecher beim Departement für Gesundheit und Soziales (DGS). Das Ziel sei, die Motion umzusetzen, «indem verbesserte Rahmenbedingungen zur Gewährleistung der ambulanten Versorgung geprüft werden». Personen aus Pflegeheimen sollen gemäss DGS «in ambulante Strukturen, beispielsweise betreute Wohnformen überführt werden». Das revidierte Gesetz soll per Juli 2020 in Kraft gesetzt werden.

Das zweite Problem, die fehlenden betreuten Wohnungen im Kanton Aargau, ist etwas komplexer. Edith Saner, Gemeindeammann in Birmenstorf und Präsidentin der Vereinigung Aargauischer Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen (Vaka), sprach am «Forum Alter» von einem Systemfehler bezüglich dem Wohnortsprinzip und davon abhängigen Restposten für die Gemeinden. Attraktive Projekte würden blockiert. Weil zur Zeit noch Abklärungen laufen, möchte sie sich aber erst später detaillierter zum Thema äussern.

«Aktuell kein Verlustgeschäft»

Doch sind die Befürchtungen der Aargauer Gemeinden berechtigt? Bringen betreute Wohnungen eine finanzielle Belastung für die Gemeinde? Bernhard Horlacher, Präsident des Vereins für Altersbetreuung im Oberen Fricktal, hat dazu Berechnungen angestellt. Er kommt zum Schluss, dass die Bedenken der Gemeinden nicht angezeigt seien. Es würden sich gute «Nettomargen» zugunsten der aufnehmenden Gemeinde ergeben.

Das hänge zum einen mit den Steuererträgen der über 65-jährigen Steuerpflichtigen zusammen, die sich betreutes Wohnen überhaupt leisten können. Dazu komme, dass ältere Menschen durchschnittlich mehr als zehn Jahre in Alterswohnungen leben und in dieser Zeit Steuern bezahlen. Im Pflegeheim hingegen würden sie durchschnittlich nur noch rund drei Jahre leben.

Zwar gibt Horlacher zu bedenken, dass die Zahlenbasis schmal sei, die Abweichung pro Gemeinde bedeutend sein könne und seine Berechnungen deshalb lediglich Hinweise auf möglich Trends geben könnten. Trotzdem ist für ihn klar: «Für die aufnehmende Gemeinde ist es aktuell kein Verlustgeschäft.» Wenn das betreute Wohnen jedoch Teil der Ergänzungsleistung wird, sähe es gemäss Horlacher wieder anders aus. «Dann könnten sich nämlich auch weniger wohlhabende Rentner ein betreutes Wohnen leisten.»

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