Haustiere
Zu viele wilde Katzen: Aargauer Tierheime platzen aus allen Nähten

Die Gehege des Aargauer Tierschutzvereins platzen aus allen Nähten. Noch mehr Katzen kann er kaum aufnehmen. Die Probleme: Zu viele Katzen haben kein Zuhause, sind nicht kastriert und vermehren sich unkontrolliert.

Bastian Heiniger
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Junges Kätzchen im Tierheim des Aargauischen Tierschutzverein in Untersiggenthal.
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Junges Kätzchen im ATS Tierheim in Untersiggenthal
Der Aargauische Tierschutzverein ATS bittet die Leute deshalb, ihre Katzen zu kastrieren bzw. sterilisieren.
Büsis im Tierheim des Tierschutzes in Untersiggenthal
Immer wieder werden hier junge Katzen abgegeben

Junges Kätzchen im Tierheim des Aargauischen Tierschutzverein in Untersiggenthal.

Sandra Ardizzone

Sie tappen, torkeln, spielen, fallen hin und huschen dann zurück in den Schoss ihrer Mutter. Die Gehege im Tierheim des Tierschutzvereins im Aargau (AT) sind bis auf den letzten Platz belegt mit Katzenbabys.

Im Heim in Untersiggenthal weiss man fast nicht mehr, wohin mit ihnen. «Wir platzen aus allen Nähten», sagt Astrid Becker, die AT-Präsidentin. Das Problem: Es gäbe zu viele unkastrierte Katzen. Es sind nicht nur wilde Katzen, sondern auch solche, die ausgesetzt oder weggelaufen sind – und sich unkontrolliert vermehren. Zwischen Mai und Juli legen sie ihren Nachwuchs ab. Die Telefone beim Tierschutzverein laufen Sturm in dieser Zeit. Leute rufen an, weil sie in der Garage oder im Garten plötzlich eine Katzenfamilie entdecken.

Katzenfreunde mag das erfreuen, doch immer mehr Vögel und auch geschützte Reptilien fallen den Raubtieren zum Opfer. Doch auch für die Katzen selbst werde es zunehmend schwieriger, überhaupt noch Beute zu finden, sagt Becker. Felder verschwinden und Siedlungsflächen nehmen zu. Es gäbe kaum noch genug Futter für all die wild lebenden Katzen.

Auch die Landwirte wissen um dieses Problem. Aber: «Wenn Katzen gute Mauser sind, hat der Bauer Freude», sagt Ralf Bucher, Geschäftsleiter des Aargauer Bauernverbands. Denn Mäuse verursachen Schäden auf den Feldern. Sie bauen Tunnels und fressen die Wurzeln. Gäbe es zu viele Mäuse, könne es sein, dass das Gras kaum noch wachse.Weil sich besonders viele Katzen auf Bauernhöfen unbemerkt vermehren, führte der Tierschutz immer wieder Kastrationsaktionen durch. Vergangenes Jahr kastrierten sie gemeinsam mit Tierärzten auf Bauernhöfen über 450 Katzen.

Junges Kätzchen im ATS Tierheim in Untersiggenthal

Junges Kätzchen im ATS Tierheim in Untersiggenthal

Sandra Ardizzone

Der Tierschutzverein beschäftigt 23 Mitarbeiter und viele ehrenamtliche Helfer. Seit 2008 betreibt er eine Katzengruppe von derzeit fünf Leuten. Allerdings wollen sie diese nun mit zwei weiteren Personen verstärken. Die Mitarbeiter der Katzengruppe rücken aus, wenn Meldungen über Welpen mit wilden Müttern an den Tierschutz gelangen. Die Mütter versuchen sie, mit Futter in Katzenfallen zu locken. Welpen nehmen sie in Körbchen mit. Allerdings brauche es Geduld, bis diese da hineingehen, sagt Becker.

Die Tierschutz-Mitarbeiter vermeiden den direkten Kontakt. «Man kann nie wissen, ob die Katzen gesund sind», sagt Becker. Im Heim kommen die neuen Tiere als Erstes in eine Quarantäne. Ein Tierarzt untersucht sie auf Parasiten, macht einen Leukosetest, entwurmt und kastriert sie.

«Wir können aber nicht alle eingefangenen Katzen aufnehmen», sagt Becker. Vor allem nicht schüchterne, die sich Menschen nicht gewohnt sind. Der Verein prüft dann, ob sich ein Anwohner in der Umgebung, wo die Katzen gefunden wurden, um sie kümmern würde. «Es kann jedoch Jahre dauern, bis sie dann zutraulich werden», sagt Becker. Wenn überhaupt.

Immer wieder werden hier junge Katzen abgegeben

Immer wieder werden hier junge Katzen abgegeben

Sandra Ardizzone

Im vergangenen Jahr sammelte die Katzengruppe insgesamt 820 Tiere ein. Davon waren 115 krank und 41 mussten sie einschläfern. Knapp 200 konnten sie im Heim aufnehmen, für über 50 fanden sie einen schönen Platz im Grünen. «Gute Plätze zu finden, ist ein Knochenjob», sagt Becker. Denn der Tierschutz schaut genau hin, wem sie die Katzen abgeben. Die übrigen Büsis liessen sie vor Ort wieder in Freiheit, wo sie nun gefüttert und versorgt werden.

Neben den eingefangenen Büsis der Katzengruppe gibt es noch andere, die im Heim wohnen: Behördlich beschlagnahmte und abgegebene kommen dazu. Vergangenes Jahr waren somit über 350 Büsis vorübergehend im Tierheim. Daneben noch 100 Hunde, über 60 Nager und 19 Vögel.

Die Tiere haben es gut in dem umgebauten Bauernhaus mit viel Umlauf. Vor allem die Katzen. In ihren zehn Gehegen stehen Katzenbäume, Decken und es gibt, wie bei den Hunden, Auslauf nach draussen. Es riecht nach Katzenfutter. Überall sind Welpen zu sehen. Manche schlafen, manche schauen interessiert, manche fauchen verängstigt. Becker kümmert sich persönlich um die Katzen. Sie gibt Futter, spielt mit ihnen, schaut, dass sie nach und nach zutraulich werden.

Und dann gibt es noch Timona. Ein 16-jähriges schwarzes Büsi, das im Heim bleiben darf. Gemächlich breitet sie sich auf einer Steinplatte aus und geniesst die wärmende Sonne. Die stets kommenden und gehenden Artgenossen bringen sie nicht mehr aus der Ruhe.

Weniger ausgesetzte Tiere vor den Sommerferien

Möchten Sie in die Sommerferien, doch wissen nicht wohin mit Ihrem Vierbeiner? Kein Problem, Tierheime bieten auch Ferienplätze für Hunde und Katzen an. Nur: So einfach ist es eben doch nicht. «Wir sind komplett ausgebucht», sagt Astrid Becker, Präsidentin des Tierschutzvereins im Aargau (ATS), der auch ein Tierheim betreibt. Wolle jemand vorübergehend sein Tier abgeben, müsse er sich bereits im Februar oder März melden. Genügend Platz gäbe es jeweils in der Nebensaison.

Insgesamt bietet das Heim Platz für etwa 40 Hunde und 80 Katzen. Ein Grossteil der Tiere sind aber nicht Ferienaufenthalter, sondern wurden abgegeben, von den Behörden beschlagnahmt oder gefunden. Die Platzanzahl für Ferientiere variiere, sagt Becker. Vorrang hätten aber immer jene des Tierschutzes. «Es ist auch schon vorgekommen, dass wir überhaupt keine Ferienplätze geben konnten.» In solchen Fällen vermittelt der Tierschutzverein auch an andere Tierheime.

Wie oft kommt es denn vor, dass Leute kurz vor den Ferien ihren Hund aussetzen? «Wir stellen nicht fest, dass Tiere besonders zu Ferienbeginn ausgesetzt werden», sagt Becker. Wahrscheinlich wirke die jahrelange Präventionsarbeit. Und dennoch: Über das gesamte Jahr verteilt, nähmen die Abgaben zu. Nun seien es weniger zu Ferienzeiten, sondern an offiziellen Zügelterminen.

Was ebenfalls zunimmt: Personen, die ins Altersheim müssen und ihre Haustiere nicht mitnehmen können. «Letztes Jahr hatten wir einen solchen Fall mit 20 bis 30 Katzen.» Die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Tierschutzes gehen dann dort vorbei, um die Katzen zu füttern. «Ein extremer Aufwand», sagt Astrid Becker. Doch die Leute seien mit Herzblut dabei. (Bas)

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