Alterspolitik

Zu viele Senioren leben in Aargauer Altersheimen, die dort nicht hingehören

Rasant steigende Pflegekosten rufen nach neuen Ansätzen für die Bewältigung des demografischen Wandels.Chris Iseli

Rasant steigende Pflegekosten rufen nach neuen Ansätzen für die Bewältigung des demografischen Wandels.Chris Iseli

Den Aargauer Gemeinden drohen höhere Kosten für Altersheim-Bewohner. Und das, obwohl sich die Phase der Pflegebedürftigkeit von Aargauer Senioren nicht verlängern wird.

Die demografische Entwicklung stellt die Gesellschaft vor verschiedene Herausforderungen. Eine ist der Umgang mit der wachsenden Zahl von hochbetagten Mitbürgerinnen und Mitbürgern und damit verbunden der steigenden Pflegekosten, die im Aargau die Finanzhaushalte der Gemeinden immer massiver zu belasten drohen.

Dies aufgrund eines «Konstruktionsfehlers» in der Bundesgesetzgebung, wie es Sozialdirektorin Susanne Hochuli nennt: Die öffentliche Hand – im Aargau eben die Gemeinden – hat für die sogenannten Restkosten in der Langzeitpflege aufzukommen. Jenen Anteil, der nicht durch die Krankenkassen und den Selbstbehalt der Heimbewohner gedeckt ist.

Weil der Gesetzgeber die Beiträge der Kassen und der Heimbewohner nicht indexiert, sondern mit einem fixen Frankenbetrag plafoniert hat, gehen Kostensteigerungen praktisch voll zulasten der Gemeinden. Und das mit einem Hebeleffekt.

Für das nächste Jahr hat der Regierungsrat den Pflegetarif von 61.40 auf 63.30 Franken erhöht, also um 3 Prozent. Die nicht gedeckten Restkosten der Gemeinden für einen Heimbewohner in der Pflegestufe 9 steigen damit von 71.40 auf 76.80 Franken pro Tag, also um mehr als 7 Prozent.

Während man bei der Einführung der neuen Pflegefinanzierung noch von Restkosten von insgesamt weniger als 50 Millionen jährlich für alle Gemeinden im Aargau ausging, ist man heute bereits bei 70 Millionen – man kann hier schon von einer wahrhaften Kostenexplosion sprechen.

Fokus nicht auf Heime richten

Wie ist darauf zu reagieren? Dieser Frage ging der Verein «Aargauer Netzwerk Alter» diese Woche an seiner Herbstversammlung in Aarau nach. Wie meistens gibt es nicht das einfache Patentrezept, aber eine banale Antwort lautet: Weniger Leute ins Pflegeheim – und später.

Der Basler Fachhochschulprofessor Carlo Knöpfel lieferte zunächst einmal einen Überblick, was mit dem demografischen Wandel noch auf uns zukommt. Die schlechte (aus Sicht der Kostenträger des Sozialwesens) Nachricht: Die Lebenserwartung steigt weiter und die Zeit, wo die geburtenstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer ins hohe, potenziell pflegebedürftige Alter kommen, steht erst noch bevor.

Die gute Nachricht: Während der Anteil hochbetagter Menschen an der Bevölkerung zwar weiter steigen wird, verlängert sich die Lebensphase der Pflegebedürftigkeit nicht, sie wird sogar kürzer.

Die Schlussfolgerung ist für Knöpfel klar: Der Fokus der Alterspolitik ist nicht auf vermeintliche Engpässe in der Heimpflege zu richten, sondern auf die Unterstützung beim selbstständigen Leben zu Hause bis ins hohe Alter. Damit ist nicht nur die Spitex nach dem im Aargau schon lange etablierten Motto ambulant vor stationär gemeint, sondern auch weitere Betreuungs- und Beratungsangebote für Senioren (Stichwort Freiwilligenarbeit, Nachbarschaftshilfe etc.).

Knöpfel spricht auch von einer raumplanerischen Aufgabe bei der Gestaltung von einer «generationenverträglichen Sozialraumgestaltung»: Jemand bräuchte vielleicht keine Rundumbetreuung eines Heims, aber was soll er tun, wenn es ein weiter Weg zum Arzt, zum nächsten Laden ist und keine Angehörigen da sind, die ihn unterstützen?

Das spricht Thomas Peterhans, dem Direktor des Pflegezentrums Reusspark, aus dem Herzen – auch aus ganz eigennütziger Sicht: Die Zeiten, als man noch von Alters- und nicht von reinen Pflegeheimen sprach, sind für ihn definitiv vorbei. In den Aargauer Heimen seien heute noch zu viele Leute, die gar nicht stationär gepflegt werden müssten.

Und das belastet nicht nur die öffentliche Hand, indem zum Beispiel Ergänzungsleistungen ausbezahlt werden müssen, damit jemand für die voll auf das eigene Konto gehenden Hotelleriekosten aufkommen kann. Es rechne sich auch für die Heime selber nicht, denn ein mit Bewohnern in tiefen Pflegestufen gefülltes Heim sei nicht kostendeckend zu betreiben.

Fazit und Vermächtnis der abtretenden Regierungsrätin Susanne Hochuli an ihre Nachfolgerin oder ihren Nachfolger: Abgesehen vom «Konstruktionsfehler» im Bundesrecht lautet die Frage: Was können die Gemeinden tun, damit nur die Leute ins Heim eintreten, die tatsächlich dorthin gehören?

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