Als einziger Kanton hat der Aargau keine Gefahrenkarten für Erdrutsch- und Steinschlaggebiete erarbeitet. Nach vier Todesfällen durch Erdrutsche im Tessin in der letzten Woche wirft dies Fragen auf. Roberto Loat vom Bundesamt für Umwelt sagt: «Wir haben sämtliche Kantone nach den Überschwemmungen 2005 aufgefordert, die Gefahrenkartierung zu beschleunigen und bis 2011 abzuschliessen.» Diese Vorgabe konnten nicht alle Kantone einhalten, Anfang 2014 waren aber 93 Prozent der Gefahrenkarten realisiert. «Die übrigen 7 Prozent sollten innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen sein.»

Der Aargau will allerdings vollständig auf weitere Gefahrenkarten verzichten. Alain Morier, Leiter der Abteilung Wald im Baudepartement: «Der Aargau hat angesichts des kleinen Gefährdungspotenzials die Priorität auf die Hochwasser-Gefahrenkarte gelegt und diese als einer der ersten Kantone fertiggestellt.» Im ganzen Kanton seien nur sieben Prozent des Baugebiets durch Erdrutsche und Steinschläge gefährdet. In den letzten 20 Jahren machten diese Ereignisse laut Morier nur ein Prozent aller Gebäudeschäden aus. «Wir haben das Thema Massenbewegungen aber in einem speziellen Richtplankapitel abgehandelt, das beim Bund zur Genehmigung liegt.»

Morier hofft, dass diese Lösung akzeptiert wird und der Kanton keine aufwendigen und teuren Gefahrenkarten nachreichen muss. Bei zwei Erdrutschen im Tessin sind vergangene Woche vier Menschen ums Leben gekommen. Um dies zu verhindern, setzt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) unter anderem auf Gefahrenkarten. Diese zeigen auf, welche Gebiete durch Hangrutsche, Felsstürze oder Hochwasser gefährdet sind. Aufgrund dieser Karten können die kantonalen Behörden im Extremfall Bauverbote für gewisse Zonen erlassen.

Ein Blick auf die Website des Bafu zeigt: Der Aargau ist beim Hochwasser vorbildlich, die Gefahrenkarte liegt vor. Bei den Erdrutschen und Felsstürzen sieht das Bild völlig anders aus. Als einziger Kanton ist der Aargau rot eingefärbt, die entsprechenden Gefahrenkarten fehlen.

Geobrugg AG: Simulated landslide into flexible barrier

Flexible Hangmuren-Barrieren: Test in Veltheim. 

Welche Konsequenzen hat dies für den Kanton? «Strafen sind juristisch nicht vorgesehen, allerdings erhält der Aargau keine Bundessubventionen für Schutzmassnahmen gegen Erdrutsche oder Felsstürze, solange die Gefahrenkarten zumindest im Projektperimeter nicht vorliegen», sagt Roberto Loat von der Abteilung Gefahrenprävention beim Bafu. Und auch für Hochwasserschutz-Projekte kann der Kanton laut Loat nicht die vollen Bundesbeiträge beanspruchen, wenn die Gefahrenkartierung der anderen zwei Bereiche noch nicht abgeschlossen ist.

Kosten-Nutzen-Verhältnis negativ 

Alain Morier, Leiter der Abteilung Wald im kantonalen Baudepartement, räumt ein: «Es stimmt, dass wir derzeit keine Subventionen für den Unterhalt von Schutzwäldern an rutschgefährdeten Stellen vom Bund erhalten.» Eine nachvollziehbare Ausscheidung von Schutzwald im Prozentbereich sei allerdings sehr aufwendig. «Es würden sich kaum grössere zusammenhängende Schutzwaldflächen, sondern nur ein Mosaik kleiner Waldgebiete ergeben», gibt Morier zu bedenken.

Gefahrenkarte für Hangrutsche und Bergstürze

Gefahrenkarte für Hangrutsche und Bergstürze

Er begründet die Haltung des Kantons, auf die entsprechende Gefahrenkarte zu verzichten, mit einer einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung: «Der Aufwand für eine solche Ausscheidung stünde in einem schlechten Verhältnis zu den Bundessubventionen, die uns jetzt entgehen.»

Erdrutsche auch im Aargau

Obwohl der Aargau kein Gebirgskanton ist, kommt es auch hier zu Erdrutschen. Gebäude werden dabei kaum beschädigt, meist sind Verkehrswege betroffen. So verschüttete ein Hangrutsch 2006 einen Radweg in Uerkheim, ein Jahr später rutschte Erde auf das Trassee der Bremgarten-Dietikon-Bahn in Wohlen, und vor knapp zwei Jahren war die Kantonsstrasse zwischen Bottenwil und Vordemwald unterbrochen.

Axel Volkwein von der Forschungsanstalt Wald, Schnee und Landschaft (WSL) erklärt: «Kritische Stellen sind steilere Hänge mit wenig Bewuchs und Felsuntergrund, der einen Anriss oder ein Abrutschen begünstigt.» Volkwein ergänzt, auch die lokale Wasserableitung bei Niederschlag sei entscheidend.

Flexible Hangmuren-Barrieren: Test in Veltheim.

Simulierter Erdrutsch mit flexibler Hangmure 

Die WSL-Forscher schaffen laut Volkwein «die Grundlagen, damit potenzielle Gefahrenstellen erkannt und bei Bedarf durch Begehungen und Simulationen näher untersucht werden können». Die WSL versuche mit diversen Methoden, Erkenntnisse und Felddaten zu gewinnen, um dann Simulationsprogramme für Hangrutsche zu entwickeln.

Testanlage im Steinbruch Veltheim

Dafür wurden im Aargau mehrere künstliche Hangrutsche ausgelöst: Zwischen 2009 und 2011 führten WSL und Geobrugg AG Versuche im Steinbruch in Veltheim durch. Auf einer 30 Grad steilen Teststrecke wurde eine Mischung aus 3 Zentimeter grossen Steinen, Erde und Wasser mit einem Volumen von 60 Kubikmetern den Hang hinuntergekippt. Mit einer Geschwindigkeit von 35 km/h erreichte der Schlammstrom nach wenigen Sekunden am Hangfuss ein Schutznetz aus Stahlseilen. Entlang der Versuchsstrecke und an den Verankerungen des Netzes massen Wissenschafter der WSL die einwirkenden Kräfte.