Energiegesetz

«Zu kopflastig, gelungen und manch eines weckt sogar Ängste»: Experte beurteilt die Energiegesetz-Plakate

Die Plakate für oder gegen das das neue aargauische Energiegesetz zieren sämtliche Flächen im ganzen Kanton. Wie Kommunikationsexperte Raoul Stöhlker die Energiegesetz-Plakate beurteilt. Und was die Macher sagen.

Derzeit zieren Abstimmungs- und Wahlplakate viele Strassenränder und Laternenpfähle. Darunter etliche, die für oder gegen das neue aargauische Energiegesetz werben. Doch wie gut sind sie? Wir zeigten Raoul Stöhlker, geschäftsführender Partner der Unternehmensberatung Stöhlker AG in Zollikon, zwei Pro- und zwei Kontrainserate.

Bei Stöhlker macht von der Machart klar das Plakat des Hauseigentümerverbandes (HEV) Aargau das Rennen: «Mit einer klaren, einfachen Sprache trifft es den Hausbesitzer, die Hausbesitzerin im Innersten.» Das Plakat wecke Ängste, und man erkenne sofort, worum es geht. Der Riss durchs Plakat symbolisiere, dass etwas Bewährtes zerstört und zu Altpapier gemacht werden soll, darum die braune Farbe.

Über das Plakat könne man sofort miteinander diskutieren, es erfülle seinen Zweck: «Hier wurde genau überlegt, wen man wie abholen will. Das Plakat ist in Bild- und Wortsprache sehr gut, ja perfekt umgesetzt.» Martin Meili, Geschäftsführer des HEV Aargau, kommentiert das nicht weiter, nimmt aber «die Beurteilung von Raoul Stöhlker durchaus mit Genugtuung zur Kenntnis».

Stöhlker findet SVP-Plakat nicht schön, aber zweckmässig

Auch das Kontraplakat der SVP mit dem stilisierten Haus und den Warnfarben Gelb, Rot und Schwarz sowie einer Familie im Zentrum findet Stöhlker gelungen. Auch hier habe man genau überlegt, wen man ansprechen wolle. Das Plakat sei zwar nicht schön, aber zweckmässig. Der Blick des Betrachters falle darauf, auch hier sei die Sprache klar. Um höhere Miet- und Wohnkosten zu verhindern, müsse man Nein stimmen, suggeriere es. Auch dieses Plakat spiele mit Ängsten, nutze Emotionen. Und es arbeite damit, dass viele finden, sie seien mit der Coronakrise, ständig steigenden Krankenkassenprämien etc. genug belastet. Stöhlker: «Diese Zielgruppe stimmt dann Nein. Damit ist das Ziel voll und ganz erreicht.»

SVP-Geschäftsführer Pascal Furer sagt dazu, die Hauptprobleme der Gesetzesrevision seien «die höheren Miet- und Wohnkosten, mehr Zwang und mehr Bürokratie, ohne dass auf der anderen Seite ein relevanter Nutzen für Natur und Umwelt resultieren würde». Da die Botschaft auf einem Plakat in kurzer Zeit aufgenommen werden muss, habe man sich auf das Hauptargument fokussiert. Furer: «Visuell ist dies nicht einfach umzusetzen, es scheint aber einigermassen gelungen zu sein und so hoffen wir, dass die Botschaft auch ankommt.»

Ganz anders tönt es bei Stöhlker beim GLP-Plakat für das Gesetz. Auch hier ist ein stilisiertes Gebäude drauf, um Gebäude geht es ja. Nur die wenigsten wissen aber, was mit dem Dach drüber und dem Inhalt des Bildes gesagt werden soll, kritisiert er: «Geht es darum, einen geschlossenen Energiekreislauf zu zeigen?» Stöhlker: «Dieses Plakat ist viel zu abstrakt, zu kopflastig, zu intellektuell. Da hätte man besser keins gemacht als ein solches.» Womöglich fänden Eingeweihte das Plakat super, relativiert er: «Die stimmen aber sowieso Ja, die Befürworter müssen hingegen Unentschlossene abholen. Es gelingt damit nicht, zumal dem Plakat auch jede Emotionalität abgeht, was in einem Abstimmungskampf wichtig wäre. Man sieht das Plakat gar nicht. Das ist auch deswegen besonders schade, weil das Anliegen sehr wichtig wäre.»

«Wir haben bewusst ein Sujet gewählt, wo klar erkenntlich ist, worum es beim Gesetz geht (primär Häuser dämmen und Heizung)», sagt dazu Philipp Kühni vom GLP-Vorstand. Dass man damit wenig Emotionen auslöse, sei ihnen bewusst, liege aber ein Stück weit in der Natur der Sache «und stand nicht in unserem Fokus. Unser Ja zum Energiegesetz ist ja auch nicht von besonders viel Emotion geleitet, sondern eher ein Vernunftentscheid». Ebenso wichtig sei beim Plakat gewesen, «unsere Energiekompetenz zu betonen und mit unserem Namen und Logo präsent zu sein. Ich glaube, dass unsere Wähler die Botschaft verstehen», ist Kühni überzeugt.

Stöhlker zum Pro-Komitee: Aargauer Herz reicht nicht

Etwas weniger streng ist Stöhlker mit dem Plakat des überparteilichen Ja-Komitees. Mit dem grossen Aargauer Herz versuche man, Emotion hineinzubringen: «Das ist gut, alle haben den Aargau gern, auch ich. Damit allein gewinnt man aber nicht.» Auch dieses Plakat bringe keine klare, verständliche inhaltliche Botschaft: «Das wurde verpasst. Das Plakat ist mutlos. Man könnte und müsste hier eine positive Hauptbotschaft hineinbringen, etwa sagen, warum es gut ist, wenn alle etwas fürs Klima tun, man es zusammen schaffen könne», schlägt Stöhlker vor.

Beat Flach vom Pro-Komitee bestätigt, mit der Aargauer Fahne auf dem Plakat setze man bewusst auf – positive – Emotionen, natürlich auch mit den Aargauer Farben und dem Wappen in Herzform: «Letzteres symbolisiert, dass wir mit dem neuen Energiegesetz für den Aargau die richtige Lösung gefunden haben.» Es stimme, dass kein konkretes inhaltliches Argument auf dem Plakat steht: «Wir haben es angesichts der breiten Pro-Koalition von der FDP bis zur SP bewusst offen und allgemein gehalten. So kann jede Partei in ihrer Kampagne individuell ihre Botschaften in den Vordergrund stellen, die ihr am wichtigsten sind.»

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