Davos
Zu der Zeit als Höhenluft noch als Tuberkulose-Medizin galt

Wenn 80 Frauen vom Aargauischen Katholischen Frauenbund (AKF) ein 100-Jahr-Jubiläum feiern und dafür nach Davos reisen, hat das sehr viel mit einer Frauengeschichte und mit Aargauer Geschichte zu tun. Es ist eine Geschichte von Kranksein und Gesunden.

Merice Rüfenacht
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Am 15. November 1922 wurde das Lungensanatorium Sanitas in Davos eröffnet. Auf den sonnenbeschienenen Balkonen konnten sich die Lungenkranken erholen. HO

Am 15. November 1922 wurde das Lungensanatorium Sanitas in Davos eröffnet. Auf den sonnenbeschienenen Balkonen konnten sich die Lungenkranken erholen. HO

AKF

Vor 100 Jahren raffte die Tuberkulose – heute durch Antibiotika behandelbar – ganze Familien dahin. Man stand dieser Krankheit machtlos gegenüber. Hoffnung gab es wenig, vor allem für sozial Schwächere.

Zwei initiative AKF-Frauen, Frau Winistörfer aus Hägglingen und Fräulein Meier aus Bremgarten, wandten sich 1915 an katholische Kreise anderer Kantone mit der Idee, ein katholisches Sanatorium im Hochgebirge zu gründen. «Es sei ein katholisches Lungensanatorium zu gründen, weil in den allgemeinen Sanatorien die Seelsorge nicht genüge, und zwar im Hochgebirge wegen der günstigeren Bedingungen, und für unbemittelte Kreise.» (Zitat aus der Gründerzeit.)

Bereits 1916 konnten in der Pension Albula in Davos zu diesem Zweck 30 Betten gemietet werden. Am 15. November 1922 schliesslich war die Eröffnung des Lungensanatoriums Sanitas. Das Hochgebirgsklima in Davos war damals schon als sehr heilwirkend bekannt; hier konnte der Tuberkulosebazillus nicht überleben.

Erinnerung an «Zauberberg»

Auf ihrer Reise trafen die AKF-Frauen auf der Schatzalp den Lokalhistoriker Klaus Bergamin. Er war 1954 selbst Tuberkulose-Patient im «Sanitas» gewesen. Die historischen Mauern des im Jugendstil gebauten ehemaligen Sanatoriums Schatzalp hauchten seinen erzählten Geschichten Leben ein. So steht da unter anderem immer noch das Waschbecken, in welchem die Spucknäpfe mit einer Karbollösung ausgewaschen wurden und noch fast im Originalzustand auch das Kaiserzimmer. Ein wunderschönes Zimmer, das der deutsche Kaiser Wilhelm II. für sich und seine Familie 10 Jahre lang gemietet hatte, falls jemand an Tuberkulose erkranken würde.

«Sanitas»-Fonds

Mit dem «Sanitas»-Fonds verleiht der AKF seit 1997 jedes Jahr einen Frauenpreis in der Höhe von 20 000 Franken an Frauen oder Institutionen, die sich für das Wohl von Frauen und Familien einsetzen. Dieses Jahr ging der 20. AKF-Frauenpreis an die AKF-Frauen selber, für ihre engagierte ehrenamtliche Mitarbeit im Frauenbund.

Der erste Frauenpreis ging 1997 an das Frauenhaus Aargau. Seither kamen unter anderem das Haus Mutter und Kind, die Stiftung Margrit Fuchs, die dargebotene Hand und der Verein Netzwerk Asyl Aargau in den Genuss des Frauenpreises. (do)

Eine der damaligen Kurmethoden war die «Stille Liege». Bis zu 7 Stunden am Tag, egal bei welchem Wetter und Temperaturen, mussten die Patienten, eingehüllt in Decken, auf den sogenannten Davoser-Liegen an der frischen Luft still liegen und sich «mit der Krankheit befassen». Reden, Schreiben und Lesen waren verboten. Thomas Mann schildert in seinem Roman «Zauberberg» vieles, das damals auch für das Sanatorium Sanitas galt.

Nach einem Spaziergang im strömenden Regen auf dem Thomas-Mann-Weg durch das englische Viertel, gelangen die AKF-Frauen zum einstigen Sanatorium Sanitas, aus dem heute das Appartment-Haus Bellagio geworden ist. Hier hörten sie weitere persönliche Anekdoten von Klaus Ber-
gamins «Sanitas»-Geschichte.

Als es den Medizinern gelang, das Penicillin – und in den darauffolgenden Jahren auch verschiedenste Antibiotika – in grossen Mengen industriell herzustellen, waren die herkömmlichen Behandlungen und Aufenthalte in den Bergregionen zur Genesung nicht mehr nötig. Den Sanatorien in Davos gingen quasi von einem Tag auf den anderen die Kranken aus.

Gründung des «Sanitas»-Fonds

Am 1. Januar 1990 wurde das «Sanitas» an die AG Sanatorium Davos (Niederländisches Asthmazentrum) für 8 Millionen Franken verkauft. Dem AKF wurde der damalige Gründungsbeitrag von rund 65 000 Franken und ein Sitz in einer neu zu gründenden Stiftung in Aussicht gestellt.

Dank dem beharrlichen Einsatz der Ehrenmitglieder Caroline Meier-Machen und Elisabeth Sailer, dem ganzen damaligen Kantonalvorstand und dem Badener Anwalt Wendolin Stutz, gelang es dem AKF, den gerechten Anteil am Verkaufserlös zu bekommen. Der erkämpfte Erlös wurde in einem gemeinnützigen AKF-«Sanitas»-Fonds angelegt.

Nicht nur das «Sanitas» ist verschwunden: Von den 24 Sanatorien, die Davos noch im Jahre 1950 zählte, sind heute einzig zwei Rehabilitationskliniken, die Zürcher Höhenklinik Davos und das Niederländische Asthmazentrum, übrig geblieben.