Atomausstiegs-Debatte
Zu Besuch in der Reaktorschule: Sie gehen ohne Zukunftsängste in eine ungewisse Zukunft

Wer bildet sich heutzutage trotz Atomausstiegs-Debatte noch zum AKW-Mitarbeiter aus? Wir haben die Reaktorschule des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) besucht und wollten wissen, warum man diesen Job will.

Manuel Bühlmann
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Marcel Remund (links) und Florim Berisha demontieren das Modell eines Brennstabbehälters. Chris Iseli

Marcel Remund (links) und Florim Berisha demontieren das Modell eines Brennstabbehälters. Chris Iseli

Chris Iseli

Wie lange Atomkraftwerke in der Schweiz noch Strom liefern, ist offen. Mühleberg geht 2019 vom Netz; die übrigen Reaktoren sind ebenfalls in die Jahre gekommen. Eine ungewisse Zukunft nicht nur für die Betreiber, sondern auch für die Mitarbeiter der AKW. Trotzdem muss nach wie vor genügend Personal ausgebildet werden, um die Sicherheit zu garantieren.

Doch wer lässt sich heute noch für einen Beruf in einem Atomkraftwerk begeistern? Die acht Männer zum Beispiel, die zurzeit die Reaktorschule des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) besuchen.

Ihr Ziel: Reaktoroperateur werden.

Ihr künftiger Arbeitsplatz: der Kontrollraum im AKW.

Ihre Aufgabe: den geordneten Betrieb sicherstellen und im Ereignisfall richtig reagieren.

Doch bevor sie zum Einsatz kommen, warten zuerst eineinhalb Jahre theoretische, danach eineinhalb Jahre praktische Ausbildung auf sie. Erst wer vom eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat lizenziert worden ist, darf in den Kontrollraum.

Auf dem Stundenplan steht an diesem Mittwochnachmittag Thermodynamik. Der Lehrer schreibt mit Kreide Formeln an die Wandtafel, mit denen sich der Temperaturverlauf in Brennstäben berechnen lassen.

Diese sind drei Meter hoch und mit kleinen Brennstofftabletten gefüllt. Schulleiter Hansjörg Künzli holt ein Modell, um zu zeigen, wie klein sie sind, nur sieben Gramm schwer, doch ihre Leistung ist beeindruckend – 1600 Kilowattstunden.

Das entspricht dem halbjährlichen Stromverbrauch einer vierköpfigen Familie. Zum Vergleich: Um die gleiche Menge in einem Ölkraftwerk zu produzieren, müssten 400 Kilogramm Öl verbrannt werden.

Wie der Goalie eines Spitzenteams

Thermodynamik ist nur eines von über 20 verschiedenen Fächern – dazu gehören auch Kernphysik, Reaktorkinetik, Strahlenschutz.

«Die Kursteilnehmer sollen verstehen, was physikalisch in einem Reaktor passiert», erklärt Hansjörg Künzli. «Das ist ziemlich hochstehend.»

Die Kraftwerkbetreiber würden deshalb genau darauf achten, wen sie für den Job auswählen. Alle arbeiten seit mindestens zwei Jahren in einem AKW, haben eine technische Lehre abgeschlossen.

«Diese Ausbildung ist eine Beförderung», sagt Künzli. Die Beznau-Betreiberin Axpo schickt drei bis vier, die Kernkraftwerk Leibstadt AG bis zu vier Mitarbeiter pro Jahr an die Reaktorschule.

Beide Unternehmen teilen auf Anfrage mit, das Interesse an dieser Ausbildung habe trotz den politischen Diskussionen über den Atomausstieg nicht nachgelassen.

«Je nach Arbeitsbereich ist es jedoch aufwendiger geworden, qualifizierte Kandidaten mit der geforderten Ausbildung und Erfahrung zu finden», teilt die Axpo mit.

In einem Assessment wird die Eignung der Kandidaten geprüft. Sie müssen Stress gut aushalten, in heiklen Situationen kühlen Kopf bewahren – und im entscheidenden Moment bereit sein, auch wenn Vorfälle äusserst selten und die Abläufe Tag für Tag die gleichen sind. Monotonieresistenz nennt sich das.

Zur Erklärung macht Künzli den Vergleich mit dem Fussballtorhüter eines Spitzenvereins – lange Zeit gibt es für ihn nichts zu retten, trotzdem muss er jederzeit bereit sein. «Ein perfekter Tag ist ein ereignisloser Tag.»

Und wenn doch etwas schiefgeht, können die Teilnehmer überhaupt auf einen Notfall vorbereitet werden? Ja, sagt Künzli. «Wie Piloten üben auch Reaktoroperateure im Simulator, was im Ernstfall zu tun ist.» Jedes AKW hat zu Trainingszwecken den Kontrollraum eins zu eins nachgebaut. «Jeder Knopf ist an der gleichen Stelle, sogar der Teppich ist identisch.»

So weit ist die kleine Klasse allerdings noch nicht, zuerst müssen sie sich durch die Theorie kämpfen. Acht Personen absolvieren aktuell die Ausbildung – Tendenz sinkend.

Die Auswirkungen der Atomausstiegs-Debatte sind an der Reaktorschule zu spüren. Vom AKW Mühleberg nehmen die letzten beiden Mitarbeiter teil.

Marcel Remund und Florim Berisha werden ihre Ausbildung kurz vor dem Abschalttermin 2019 beenden.

Zukunftsängste plagen sie dennoch nicht, wie beide sagen. Der gelernte Lastwagenmechaniker Marcel Remund wusste noch nichts von der Stilllegung des Reaktors, als er – unter anderem wegen der guten Aufstiegschancen – beim AKW angefangen hat.

Der 26-Jährige sagt, mit der Abschaltung sei die Arbeit nicht getan. Solange noch Brennelemente vorhanden sind, werde geschultes Personal benötigt. Das sei sicher bis 2025 der Fall, sagt Florim Berisha. Deshalb blickt auch er gelassen in die Zukunft.

Bis dahin blieben noch rund zehn Jahre Zeit, wer wisse schon, was über diese lange Phase hinaus sei. Sein Fernziel: Schichtleiter.

Der 31-jährige Elektroinstallationstechniker kommt ursprünglich aus Österreich, einem Land, dessen einziges Atomkraftwerk nie ans Netz ging und heute ein Museum ist.

Die Technik der AKW fasziniere ihn schon lange, sagt Berisha. Er habe früher in einer Kehrichtverbrennungsanlage gearbeitet und dabei gesehen, wie wenig Energie dort verglichen mit der Atomkraft produziert werden kann.

Eine Männerdomäne

Die Begeisterung für diese Technologie scheinen nur Männer zu teilen; im Schulzimmer sitzt keine einzige Frau.

Das ist der Normalfall in dieser Ausbildung, weibliche Reaktoroperateure gibt es hierzulande nicht. Warum dem so ist, kann Hansjörg Künzli nicht sagen.

Dafür gebe es keinen ersichtlichen Grund. Vielleicht wirke der Schichtbetrieb abschreckend. Arbeitseinsätze ausserhalb der Bürozeiten und nachts gehören genauso zum Alltag wie die ständige Weiterbildung. Denn mit dem Erhalt des Diploms haben die Reaktoroperateure längst nicht ausgelernt: 20 Prozent ihrer Arbeitszeit sind für Schulungen reserviert.