Ein Zivilschützer aus dem Seetal drückt sich seit sechs Jahren vor dem zweitägigen obligatorischen Wiederholungskurs (WK) im Herbst. Jahr für Jahr flattert deshalb ein Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau in den Briefkasten des Drückebergers.

Zu Beginn der Abwesenheits-Serie wurde der notorische Schwänzer noch zur Zahlung von einigen hundert Franken verknurrt, über die Jahre stiegen die jährlichen Bussen auf über tausend Franken. Total sind seit 2009 Kosten von über 12 000 Franken aufgelaufen.

Der junge Mann ist kein Einzelfall. Die Zivilschutzorganisation Seetal muss bei jedem Herbst-WK zehn Prozent der aufgebotenen Zivilschützer bei der Staatsanwaltschaft anzeigen, weil diese nicht erscheinen.

Ei Zelt des Zivilschutzes im Nirgendwo

Ei Zelt des Zivilschutzes im Nirgendwo

Bei der kantonalen Abteilung Militär und Bevölkerungsschutz spricht man von jährlich etwa drei bis fünf Fällen pro Zivilschutzorganisation. Eine Statistik führt der Kanton nicht, die Zahlen werden in den Zivilschutzregionen erhoben.

Schwere Fälle wie jener des Schwänzers aus dem Seetal sind aber laut Kanton selten. Zudem erhält nicht jeder Drückeberger sofort Post von der Staatsanwaltschaft.

«Je nach Schweregrad erfolgt zuerst eine Verwarnung», sagt Balz Bruder, Sprecher des Departements Gesundheit und Soziales. Im Wiederholungsfall erfolge eine Verzeigung an die Staatsanwaltschaft.

Zivildienst: 330 Anzeigen

Ähnliche Probleme gibt es beim Zivildienst. 2014 erstattete der Bund im Schnitt fast täglich eine Anzeige gegen Zivildienstler, der nicht am Einsatzort auftauchten. Von den 330 Strafanzeigen führten 315 zur Verurteilung. Darunter fielen Zivildienstler, die den Einsatz verweigerten, verschwitzten oder lieber in die Karibik flogen.

Diese Woche musste sich auch das Bezirksgericht Kulm mit einem notorischen Zivildienstverweigerer befassen. Der 26-jährige Simon (Name geändert) hätte im Mai 2014 vier Wochen Zivildienst in Meisterschwanden leisten müssen. Er tauchte aber nicht auf.

Im September und November 2014 hätte er je einen Kurstag in Aarau besuchen sollen. Auch hier liess er sich nicht blicken. Bis heute hat Simon keinen Tag Zivildienst geleistet.

Für die ersten beiden verpassten Einsätze sowie wegen Raufhandels hatte Simon bereits im Oktober 2014 eine bedingte Geldstrafe kassiert. Als er beim dritten Einsatz wieder nicht aufgetauchte, erliess der Staatsanwalt erneut einen Strafbefehl. Dagegen erhob der Beschuldigte nun Einsprache. Deshalb sass Simon – schulterlange hellbraune Locken, Bart und schwarzes Shirt – gestern vor dem Richter in Unterkulm.

Er sei kein Verweigerer, sagte Simon gegenüber Gerichtspräsident Christian Märki. «Ich habe ja Suva», argumentierte er und hob seinen rechten Arm.

Er habe Probleme mit dem Handgelenk, ein Überbleibsel aus seiner Zeit auf der Strasse. Das Gelenk sei völlig verkalkt. Wieso er sich deswegen nicht vom Zivildienst ausschliessen liess, fragte Märki. «Es hiess, ich solle mich schriftlich melden», antwortete Simon. «Aber ich habe ja gar keinen Computer.»

Zu allen drei Zivildiensteinsätzen wurde Simon schriftlich und eingeschrieben aufgeboten. Alle Briefe gingen jedoch ungeöffnet zurück an den Absender – mit dem Vermerk «nicht abgeholt».

«Soll es jetzt so weitergehen, dass im Jahrestakt Verfahren gegen Sie laufen?», fragte Gerichtspräsident Christian Märki. «Nein, aber ich brauche eine Arbeit», antwortete Simon. «Und den Ausschluss aus dem Zivildienst», ergänzte Märki. Dem stimmte Simon zu. Es gehe ja kaum mit seinem Arm. «Ich bin aufgeschmissen. Ich weiss nicht, wie es weitergehen soll.»

Post nicht erhalten

Gerichtspräsident Christian Märki sprach Simon schliesslich vom Vorwurf der mehrfachen Zivildienstverweigerung frei. Begründung: Simon hatte kein einziges Aufgebot erhalten.

Da er diese weder entgegennahm noch auf der Post abholte, gingen alle eingeschriebenen Briefe an den Absender zurück. «Der Beschuldigte wurde also nicht frist- und formgerecht aufgeboten», begründete der Gerichtspräsident das Urteil.

Zudem habe es sich nicht um ein laufendes Verfahren gehandelt, bei dem Simon hätte wissen müssen, dass Post unterwegs sei.

Deshalb könne er nicht absichtlich den Zivildienst verweigern. Zwar habe der Beschuldigte nicht korrekt gehandelt. «Aber wenn man ein ‹Laueri› ist, ist das nicht strafbar», ergänzte Märki.

Erledigt hat sich die Sache übrigens auch für den Zivilschutz-Schwänzer aus dem Seetal. Nicht, weil er jetzt brav jeden Herbst am Wiederholungskurs teilnimmt.

Die Zivilschutzorganisation hat ihn rausgeworfen, was nach der Verurteilung zu insgesamt 30 Tagessätzen möglich ist. Eine Träne wird er dem Zivilschutz kaum nachweinen.