Philipp Vollmar lehnt sich in den Ledersessel zurück, zieht an seiner dominikanischen «VegaFina» und sagt: «Eigentlich spricht man beim Zigarrenrauchen ja nicht über Zigarren» – Zigarren-Regel #1.

Der 22-jährige Lenzburger muss es wissen. Er arbeitet im «Art Cigar» und berät Kunden in Sachen Whiskey und Zigarren.

Uros Lucic, 27, Consultant, Schafisheimer und leidenschaftlicher Zigarrenraucher, sitzt Vollmar gegenüber, zieht an seiner nicaraguanischen «San’Doro» und pflichtet ihm bei.

«Das ist anders als beim Wein, wo man ewig fachsimpeln kann. Gespräche sind beim Zigarrenrauchen wichtig, aber nicht über die Sache selbst, das ist einfach so.»

Für den Reporter machen die beiden eine Ausnahme. Schliesslich geht es beim Gespräch in der Schafisheimer Zigarren-Lounge «Eintr8» um die Frage, ob gemütliches Zigarrenrauchen in solch ruhelosen Zeiten zum neuen Jugendtrend wird.

An den rot gestrichenen Wänden der Lounge hängen Fotos der alten Zigarrengarde: Castro, Churchill, Che.

Gesetzte Herren, die Glimmstängel wie rauchende Zepter in den mächtigen Händen halten. Doch das Bild der Zigarre als männliches Machtsymbol, als Genussmittel der Gerontes, dieses Bild bröckelt. Denn Zigarrenrauchen, da sind sich die Mittzwanziger einig, böte gerade jungen Menschen in der 24/7-Gesellschaft die dringend nötige Ruhe. Lucic spricht vom «big break», den ihm die Zigarre gebe, vom «Standby-Modus», in den sie ihn versetze. In Vollmars Alltag schaffen sie «Oasen der Ruhe», «Inseln des Rückzugs». Für eine Zigarre müsse man sich Zeit nehmen, ziemlich viel Zeit, im Minimum 30 Minuten. «Gerade diese Fähigkeit, sich bewusst Zeit zu nehmen, geht immer mehr verloren. Zigarrenrauchen kann da Abhilfe schaffen», sagt Vollmar.

Die Utensilien, die vor ihnen auf dem Tischchen liegen, sehen aus wie eine Folterwerkzeug-Collage en miniature. Die «Mini-Guillotine», die man für den Anschnitt braucht, das «Jet-Feuerzeug», das an düstere Szenen im Horrorfilm «Hostel» erinnert oder der «Bohrer», der aussieht wie ein kleiner Schlachtschussapparat: Sie alle sind für den Zigarren-Geniesser essenziell.

Zigarrenrauchen ist eine Wissenschaft. Allerdings eine, bei der man kaum etwas falsch machen könne, sagt Lucic. Zigarren-Regel #2: «Es gibt in der Szene keine Schiedsrichter, die darüber urteilen, ob man richtig oder falsch raucht. Und trotz all der Fachliteratur und den Blogs, auf denen debattiert wird, ist nichts in Stein gemeisselt.»

Die Frage, ob man Zigarren nun mit der Guillotine anschneidet oder mit dem Bohrer anbohrt («ich bohre, das gibt ein kleineres Loch und ich habe keine Tabakstreusel im Mund», sagt Lucic) oder die Frage, ob man die Zigarre vor oder nach dem Anzünden in den Mund nimmt («nachher, weil alles andere eher dämlich aussieht», meint Vollmar); auf sie gibt es keine definitiven Antworten.

Definitiv ist allerdings der Stellenwert, den die Zigarre für die beiden Jungraucher in der Tabakhierarchie hat. «Zigis sind für die Suchtbefriedigung, Stumpen betäuben die Sinne. Wirklich befriedigend ist nur die Zigarre», sagt Lucic. Vollmar stimmt zu: «Ein Stumpen würde mir nie in den Mund kommen. Dieses industriell produzierte Zeug ist nichts im Vergleich mit einer schönen, handgefertigten Zigarre.»

Definitiv ist noch etwas anderes: Zigarrenrauch inhaliert man nicht, man pafft nur. Zigarren-Regel #3. «Inhalieren ist bei Zigarren eine schmerzhafte Erfahrung», warnt Lucic. «Der Zigarrenrauch hat in der Lunge nichts verloren.»

Apropos Lunge: Ist ja eigentlich Schwachsinn, wenn junge Menschen Zigarren rauchen, so rein gesundheitlich gesehen, oder? «Ich sehe da kein grosses Gefahrenpotenzial», sagt Vollmar. «Zigarren sind Genussware. Man hat sie nicht wie die Bergbauern ihre ‹Krummen› rund um die Uhr zwischen den Lippen.» Aber klar, grundsätzlich sei das Zigarrenrauchen eine ungesunde Leidenschaft. Umso wichtiger sei es, Zigarren bewusst zu geniessen und nicht im Übermass zu «schloten».

«Damit die Zigarrenkultur hierzulande in Zeiten des Fitnesswahns und der gesunden Ernährung aber überleben kann, braucht es junge Leute, die sich begeistern lassen», sagt Lucic. Genügend gemütliche Lounges gäbe es in der Region. «Und schliesslich lassen sich Zigarren auch auf einem Sonntagsspaziergang oder bei einem Ausflug in die Natur geniessen», meint Vollmar.

Trotz ihrer leidenschaftlichen Überzeugung für die rauchige Sache: Philipp Vollmar und Uros Lucic sind als Mittzwanziger noch immer Exoten in der Szene. Nur wenige ihrer Freunde rauchen regelmässig.

«Viele versuchens mal, steigen dann aber wieder aus», erzählt Lucic. Und welche Kunden bedient Vollmar in der Lenzburger «Art Cigar»? Die meisten seien männlich, zwischen 40 und 50 und mittelständisch, sagt er.

Im Schafisheimer «Eintr8», das Lucics Eltern gehört, treffe man vom CEO bis zum Automech jeden an, erklärt Lucic. Also doch alles Männer? «Die Mehrheit ist männlich, das stimmt. Dabei haben Frauen absolut etwas verloren in dieser Szene», betont Vollmar. «Viele fürchten sich vor den grossen, dicken Dingern», ergänzt er. Dabei gäbe es eigentlich eine einfache Faustregel: Je grösser und dicker die Zigarren, umso kühler sei der Rauch und umso angenehmer das Paffen. Den Damen sei der Griff zu den Grossen daher zu empfehlen.

Die dominikanische «VegaFina» und die nicaraguanische «San’Doro» liegen inzwischen fertig geraucht auf dem Aschenbecherrand. Und auch der Reporter hat sich von den schwindelerregenden Zügen am dominikanischen Tabak langsam erholt. Zigarren-Regel #4: Zigarre nie ausdrücken. «Das wäre der Zigarre nicht würdig und gäbe eine üble Aschewolke. Einfach hinlegen, kaltwerden lassen und gut ist», sagt Lucic.

Abschlussfrage: Mit wem würden die beiden denn gerne mal eine Zigarre rauchen? «Mit dem Zigarren-Produzenten und Jazz-Pianisten Awo Uvezian», sagt Vollmar. «Mit Tito», sagt Lucic. Mit mächtigen Männern also. So ganz hat die Zigarre ihre Aura als maskulines Machtobjekt eben doch noch nicht verloren. Auch in der jungen Garde der Zigarrengeniesser nicht.