Flurnamen-Serie

Ziemlich quer in der Landschaft gelegen: Der Zwärewäg

Das Ende des Zwäreweges in Gansingen führt aus dem Wald in offene Wiesen und bietet eine schöne Aussicht.

Das Ende des Zwäreweges in Gansingen führt aus dem Wald in offene Wiesen und bietet eine schöne Aussicht.

Der Zwärewäg kann kaum gerade verlaufen – weder in Gansingen noch andernorts in der Schweiz.

In unserer Mundart finden sich viele Sprichwörter und Redewendungen, in denen ein Weg vorkommt: «Viele Wege führen nach Rom», «der Weg ist da Ziel» oder «vom Weg abkommen», «auf dem Holzweg sein». Wege können sich teilen oder zusammenlaufen. Sie führen uns über Stock und Stein, durch Täler und über Berge, sie sind schmal oder geräumig breit. Manche ziehen sich scheinbar endlos lange bis zum Horizont hin, steigen im Zick-Zack steil Bergflanken empor oder verlaufen geschwungen durch die Landschaft. Wege führen immer irgendwo hin, sie haben einen Anfang und ein Ende.

Wege waren und sind auch in unserer digitalen Zeit ein Teil unseres Kommunikationssystems. Wegnamen prägen deshalb unsere Namenlandschaft. Ein besonderer Name lässt Georges Oeschger aus Gansingen nicht los. Er fragt, was Zwärewäg bedeutet und ob ein Bezug besteht zu «einen Weg zurechtmachen».

Folge einer Lautverschiebung

In der heutigen Sprachlandschaft liegt der Wortteil «Zwär» mehr als nur quer. An Zwär lässt sich auch mit viel Überlegen kein Mundartwort anschliessen. Zwärg, Zwärch tönen zwar ähnlich, aber haben keine Gemeinsamkeit damit. Nun ist Zwärewäg keine Gansinger Eigenheit. Der gleiche Name findet sich auch im thurgauischen Oberhofen und im schwyzerischen Schübelbach ist historisch ein Twer Wäg bezeugt. Die Wege des Herrn mögen unergründlich sein, hier ist der Fall aber klar.

Zwär steht in direktem Zusammenhang mit Twer, was wiederum aufs schweizerdeutsche Adjektiv twär zurückzuführen ist. Twär bedeutet soviel wie quer, schräg, seitwärts oder auch verkehrt. Die sprachliche Anlehnung beziehungsweise die Entwicklung zwischen quer, twär und zwär ist daher augen-, nein, ohrenfällig.

Der Wandel von t zu z basiert auf einem sprachlichen Lautgesetz. Die sogenannte zweite deutsche Lautverschiebung führte unter anderem auch dazu, dass der römische Name Turicum zu Zürich mutierte oder Zurzach wohl auf die Form Turciacum zurückzuführen ist.

Der Zwärewäg ist mit grosser Wahrscheinlichkeit ein quer verlaufender Weg. Sei es, dass der Weg steil ansteigend einem Hang entlang verläuft und um begehbar zu sein, quer zur Steigung angelegt wird oder sei es, dass er eine Flur quer schneidet ober von einem Punkt aus als Querverlauf zu einem bestimmten Referenzpunkt wahrgenommen wird. Deutlich zeigt sich dies beim Zwärewäg im thurgauischen Oberhofen. Nordwestlich des Dorfes wird das Kulturland von einem rechtwinkligen Wegnetz durchschnitten. Auf historischen Karten aus dem 19. Jahrhundert ist jedoch deutlich ersichtlich, dass der Weg vom Dorfkern aus einst quer zum Wald hin verlaufen ist. Dieser offensichtlich bemerkenswerte Umstand führte zur Benennung der anrainenden Flur.

Auf alten Karten nicht verzeichnet

Der Weg verläuft südlich von Galten im Wald von der Waldhütte im Gebiet Tal durchs Galterhölzli in Richtung Hochrüti. Er steigt quer oder besser schräg zur Hangneigung an, um angenehm an Höhe zu gewinnen. Bemerkenswert ist, dass dieser Weg auf historischen Karten nicht eingezeichnet ist, obwohl aufgrund seines Namens, der das mittelhochdeutsche twer beinhaltet, davon auszugehen ist, dass es sich um eine alte, schon lange bestehende Verbindung handeln müsste. Der Weg ist aber erstmals auf der Karte aus dem Jahr 1940 belegt.

Im weitesten Sinn liegt Herr Oeschger mit seiner Vermutung, ob ein Bezug zu «einen Weg zurechtmachen» besteht, trotzdem richtig. Es besteht zwar kein sprachlich direkter Bezug zu einer solchen Tätigkeit, aber die Wegführung eines jeden Weges will gut überlegt sein und sollte allseits recht gemacht werden.

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