Mehr als jeder Dritte, der im Aargau in eine Psychiatrie eintritt, wird zwangseingewiesen. Mit 37 Prozent an fürsorgerischen Unterbringungen (FU), wie die psychiatrischen Zwangseinweisungen im neuen Erwachsenenschutzrecht heissen, weisen die Kantone Aargau und Waadt die höchste Quote auf. Gefolgt von Zug (28%) und Zürich (26%). Die tiefsten FU-Quoten weisen die Kantone Genf (4%), Freiburg (7%), Schaffhausen (8%) und Basel-Stadt (10%) auf.

Doch warum liegt der Aargau so weit vorne? Daniel Bielinski, Chefarzt der psychiatrischen Klinik Königsfelden, erklärt: «Einerseits hängt das sicher mit der guten Dokumentationslage im Aargau zusammen. Jene Kantone mit tieferen Zahlen sind sicher weniger gut dokumentiert.» Beispielsweise zähle im Aargau jede Einweisung von dementen Patienten zu den Zwangseinweisungen, was in anderen Kantonen als Grauzone gelte. Tatsächlich fehlten bei der Untersuchung 2009 im Kanton Zürich in 21 Prozent der Fälle die Angaben dazu.

Triagen könnten Zahl reduzieren

Für Bielinski ist die Zahl von Zwangseinweisungen trotzdem zu hoch. «Ziel wäre es, die Zahl um 10 Prozent zu verringern», sagt er. Dafür hat er auch bereits Lösungsvorschläge: «Die psychiatrische Klinik bietet sich gerne für Triagen an, falls Hausärzte sich bei Abklärungen nicht ganz sicher sind. Denn wir können uns mehr Zeit nehmen und verfügen über ein grösseres Spezialwissen.»

Darüber hinaus glaubt Bielinski aber nicht, dass die Zahl um wesentlich mehr als zehn Prozent reduziert werden kann. «Die drei Kriterien, die zu einer Zwangseinweisung führen, bleiben weiterhin bestehen. Dies sind Selbstgefährdung, Fremdgefährdung sowie die sogenannte Behandlungsbedürftigkeit.»

Aus demselben Grund werde auch das neue Erwachsenenschutzrecht die Anzahl der FU wenig beeinträchtigen, ist Bielinski überzeugt. «Es wird allerdings die Abläufe klarer machen.»

Traumata vermeiden

Die psychiatrischen Zwangseinweisungen sind problematisch, weil sie gemäss der Zeitung NZZ einen massiven Eingriff in die persönliche Integrität bedeuten und Betroffene traumatisieren können. Das kann Bielinski nur teilweise bestätigen. Gerade die Demenz bilde beispielsweise eine Ausnahme.

«Die moderne Psychiatrie möchte alles möglichst auf freiwilliger Basis machen. Allerdings gibt es Ausnahmen, bei denen das schlicht nicht möglich ist.» Dazu zählt er Schizophrenie oder Manie. «Bei diesen Krankheiten fehlt den Patienten die Krankheitseinsicht. Dort muss eine Einweisung auch gegen den Willen der Patienten erfolgen.» Denn laut Bielinski hätten diese Patienten ein Anrecht auf eine Einweisung. «Jemand muss die Verantwortung übernehmen.»

Um Traumata zu verringern oder zu umgehen, werde nach der Einweisung intern versucht, das Geschehen nachzubesprechen und den Patienten zu erklären, dass keine andere Möglichkeit bestanden habe.

Eine Zwangseinweisung habe immer auch eine Zwangsbehandlung zur Folge. «Dies kann auch eine medikamentöse Behandlung sein. Das ist vergleichbar mit der Behandlung eines Herzinfarkts auf der Intensivstation.» Dabei gebe es viele Kritiker. «Man kann das von zwei Seiten sehen. Einige sprechen von einem ‹Runterspritzen gegen den Willen der Patienten›, andere sehen es als letzten Ausweg und Hilfeleistung für Leute, die sich anders nicht mehr helfen können.»

Schweiz hat die meisten Zwangseinweisungen

Gemäss einer Studie, die das Bundesamt für Gesundheit in Auftrag gegeben hat, werden in der Schweiz auf 100000 Einwohner jährlich 176 Zwangseinweisungen in Psychiatrien ausgesprochen. 24 Prozent der psychiatrischen Hospitalisierungen finden demnach unfreiwillig statt. Damit steht die Schweiz in Europa zusammen mit Finnland und Österreich an erster Stelle (Vergleich aus dem Jahr 2002).