Naturama Aargau
Zerstörung bis Renaturierung: Naturama zeigt Aargauer Auen im Wandel

Ein Prozent neue Auen wollte der Wasserkanton Aargau in 20 Jahren schaffen. Jetzt ist das Ziel zu 94 Prozent erreicht. Eine Sonderschau im Naturama in Aarau zeigt «die wilden Seiten des Aargaus» multimedial.

Hans Lüthi
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Direktor Peter Jann griff persönlich zum Pinsel, um «die wilden Seiten des Aargaus» rechtzeitig zu vollenden.
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Die neuste Ausstellung im Naturama heisst «Auen-die wilden Seiten des Aargaus».
Die Ausstellung handelt von 20 Jahren Auenschutz im Kanton.
Ka Marti, Leiterin Kommunikation beim Naturama, ist sichtlich stolz auf die Sonderschau.
Die Sonderschau bietet spannende Einblicke in die Aargauer Natur – ob mit oder ohne Fernglas.
Naturama zeigt wilde Seiten des Aargaus

Direktor Peter Jann griff persönlich zum Pinsel, um «die wilden Seiten des Aargaus» rechtzeitig zu vollenden.

Emanuel Per Freudiger

Mit Hammer, Farbe, Säge und Klebstoffen waren gestern noch über ein Dutzend Handwerker intensiv am Werk, um der grossen Sonderschau den letzten Schliff zu geben. Direktor Peter Jann griff persönlich zum Pinsel, um «die wilden Seiten des Aargaus» rechtzeitig zu vollenden.

Die Sonderschau im Naturama, am Abend mit zahlreichen Gästen festlich eröffnet, zeigt eine spannend Übersicht der schönen Aargauer Auenlandschaften. Viel wilder waren die Urlandschaften vor 200 Jahren. Beim Aufstieg zum ersten Stock wird das an den Wänden dokumentiert.

Zu den gewaltigen Überschwemmungen gehörten Mückenplagen, bevor der Mensch den Kampf gegen die Natur aufnahm.

Erlebnisse an den Flüssen und Kunst in den Auen

Die Sonderausstellung zu 20 Jahren Auenschutzpark im Naturama dauert bis zum 22. März 2015. Vor Ort gibt es zahllose Anlässe: Morgen Samstag schildert Mitinitiant Gerhard Ammann die Realisierung im Rohrer Schachen (ab 14.05 Uhr). Am 21. Juni wird in Rupperswil die grösste Renaturierung im Aargau vorgestellt, die 10 Millionen Franken gekostet hat.

Interessierte Naturfreunde können am 25. Oktober in Rietheim direkt miterleben, wie die Bagger am Chly Rhy eine Aue ausbauen. Zum Vogelparadies am Klingnauer Stausee geht es am 15. November, um das Winterquartier von Europas Wasservögeln aus der Nähe zu bewundern.

Zum Paket Erholung und Kunst in den Auen wird im Juni an der Suhremündung in Aarau jeden Mittwoch ab 7 Uhr die chinesische Mediation Qi Gong zelebriert. Lichtkünstler Ulrich Studer wird die Bünzaue am 16. August mit einem Lichtermeer von 500 Kerzen verzaubern. Die Land Art am Limmatspitz folgt am 13. September, eine Bootsfahrt ins Wasserschloss am 19. September. (Lü.)

Lebensraum Aue ausgelöscht

Vor ihrer Zähmung und Begradigung wüteten die grossen Flüsse Aare, Limmat, Reuss und Rhein im Aargau. Überschwemmungen führten zu Zerstörungen und grossen Schäden. Erst in Fronarbeit und von Hand, später immer mehr mit Maschinen, sind Flüsse und Bäche im letzten und vorletzten Jahrhundert begradigt worden.

Die Juragewässerkorrektion und die Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg löschten den wertvollen Lebensraum der Auen fast komplett aus. Für den Strom aus den Wasserkraftwerken war es nötig, die Flüsse zu kanalisieren.

Dadurch entstanden der Reuss-Flachsee und der Klingnauer Stausee in der Aare. Natürlich fliesst heute nur noch die Reuss unterhalb Bremgartens und der Rhein von Bad Zurzach bis Koblenz.

Schutz durch den Auenpark

Im Wasserkanton Aargau folgte der Zerstörung der Naturlandschaften vor 30 Jahren ein rasches Umdenken. Die Bevölkerung bekam ein grosses Herz für die Auen, die Initianten für den Park rannten offene Türen ein: Der Grosse Rat sagte mit 155 zu 0 Stimmen Ja, die Volksabstimmung endete mit fast 70 Prozent Ja.

20 Jahre danach ist das Ziel von 1 Prozent der Kantonsfläche fast erreicht. Schwerpunkte bilde die Bünzaue Möriken, die Reussebene, das Wasserschloss und der Rohrer sowie der Villnacher Schachen.

Wenn auch noch die Projekte am Chly Rhy in Rietheim, an der Reussegg in Sins, das Altwasser am Rhein in Mellikon und das Grien in Fischbach-Göslikon realisiert sind, wird das Ziel deutlich übertroffen. Dann wächst die Fläche laut Baudirektor Stephan Attiger auf 16,3 km2 oder 1,16 Prozent der Kantonsfläche.

Immerhin: Auf einer Fläche anderthalbmal so gross wie der Hallwilersee können sich die Flüsse wieder austoben, neue Inseln bilden, Kiesbänke schaffen und damit Lebensgrundlagen für Pflanzen und Tiere.

Biber und Eisvogel sind zurück

Durch enge Korridore zu Beginn werden die kanalisierten Flüsse im Naturama physisch spürbar. Dann weitet sich die Ausstellung aus, mit Bäumen und den Einzelprojekten wird ein grosses Auenbild komponiert.

Bei Rupperswil haben die Äschen neuen Lebensraum in den Kiesbänken erhalten, Eisvögel sind vermehrt zu sehen. 50 Jahre nach der erneuten Ansiedlung ist die Population auf 270 Biber gewachsen.

Die gute Zwischenbilanz darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass neue Gefahren kommen: Mit der Energiewende steigt der Druck auf mehr Wasserkraftwerke, mit dem Wachstum droht Zersiedlung. Und die Landwirtschaft will Nahrungsmittel produzieren, die besten Böden sind oft in Flussnähe.

Gehören die Auen der Natur oder den Menschen? Zu dieser spannenden Frage gibt es im Naturama am 26. November eine Diskussion.