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Zehn Prozent der Aargauer Firmen denken über Verlagerung ins Ausland nach

Aargauer Firmenchefs beurteilen das Jahr 2015 trotz des Frankenschocks verhalten positiv, dennoch denke viele an eine Produktionsverlagerung.

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Nach dem Frankenschock macht sich die Aargauer Wirtschaft auf den Weg aus der Talsohle: Ein Mitarbeiter eines Industriebetriebs.

Nach dem Frankenschock macht sich die Aargauer Wirtschaft auf den Weg aus der Talsohle: Ein Mitarbeiter eines Industriebetriebs.

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Aargauische Industrie- und Handelskammer bei der kantonalen Wirtschaft mit einer Umfrage den Puls. 675 Unternehmen, die zusammen einen Viertel aller Aargauer Beschäftigten repräsentieren, haben dieses Mal teilgenommen. Das Stimmungsbild ist also repräsentativ — und ziemlich erstaunlich: Die Aargauer Unternehmer schätzen das abgelau-
fene Jahr trotz gesunkener Umsätze als insgesamt befriedigend bis schwach positiv ein. Studienautor Raphael Schönbächler erklärt diesen Befund mit dem Frankenschock. Man habe sich angesichts der Währungsturbulenzen wohl gesagt, dass es noch schlimmer hätte kommen können.

Dabei hat es die Aargauer Exporteure im letzten Jahr durchaus hart getroffen. Während die Ausfuhren der Schweizer Wirtschaft um 2,6 Prozent zurückgingen, brachen jene aus dem Aargau mit einem Minus von 10,1 Prozent regelrecht ein. Der Grund: Die Aargauer Exporteure sind stark Euro-orientiert. Zudem leidet die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie, die hier überdurchschnittlich vertreten ist, besonders unter dem starken Franken. Schönbächlers Fazit ist deshalb klar: «Der Aargauer Export zählt aufgrund seiner Struktur sicher zu den Verlierern des letzten Jahres.»

Und die Frankenaufwertung bleibt gemäss Studie «die grosse Herausforderung». Trotzdem ist auch der Blick in die Zukunft verhalten positiv. Die Aargauer Unternehmen erwarten, so Schönbächler, «dass man die Talsohle bereits im Laufe dieses Jahres durchschreiten wird.» Die meisten Industriebranchen rechnen 2016 mit stagnierenden bis leicht steigenden Umsätzen. Am optimistischsten ist die chemische Industrie. Die Hersteller von elektronischen Ausrüstungen, zu denen etwa GE mit der von Alstom übernommenen Turbinensparte gehört, sind am pessimistischsten.

Der weniger vom Export abhängige Dienstleistungssektor erwartet derweil durchs Band wachsende Umsätze – ein Muster, das sich bei der Prognose des Personalbestands wiederholt: Der Dienstleistungssektor prognostiziert ein Beschäftigungswachstum von 0,6 Prozent, der Industriesektor einen Rückgang von einem knappen Prozent. Auf alle Aargauer Unternehmen hochgerechnet, entspricht das Umfrageresultat einem Abbau von insgesamt 813 Stellen im laufenden Jahr.

Ein Verlagerungs-Kandidat

Einer, der seit dem Frankenschock bereits rund zehn Stellen abgebaut hat, ist Raphael Jehle. Der Geschäftsleiter der Jehle AG aus Etzgen schilderte anlässlich der Studien-Präsentation die Situation seines Werkzeugbau-Unternehmens. Auf die Wechselkursfreigabe reagierte er wie viele andere Aargauer Exporteure unter anderem mit einer Arbeitszeit-Erhöhung, dem Aushandeln von Preisnachlässen mit Schweizer Lieferanten und dem vermehrten Einkauf im Euroraum. Seinen Kunden im Ausland versprach er derweil, die Euro-Preise beizubehalten. «Hätten wir das nicht gemacht, dann hätten wir uns wahrscheinlich mittelfristig, sicher aber auf die lange Frist eigenmächtig aus dem Wettbewerb herausspediert», erläuterte Raphael Jehle.

Wie 15 Prozent aller Aargauer Industriefirmen überlegt er sich, Teile der Geschäftstätigkeit ins Ausland zu verlagern (gelber Balken in obiger Grafik). Einfach sei dies für ein mittelgrosses Unternehmen wie die Jehle AG mit rund 150 Angestellten nicht. «Wir können nicht einfach so drei, vier Leute abstellen, die sich ausschliesslich darum kümmern», so der Patron. Sollte er den Verlagerungsschritt machen, dann wohl nicht durch Aufbau eines eigenen Werks im Ausland. «Am Anfang», so Jehle, «würde es in Richtung eines Joint Ventures gehen». Sich um solche Fragen zu kümmern, sei aber natürlich nicht das, «was man am liebsten tut». Im Hauptfokus hat er deshalb Investitionen in Etzgen – in die Ausbildung des Personals und in die IT, um Prozessautomatisierungen voranzutreiben.

Davon wiederum profitiert die IT-Branche. Sie schaut, was den Umsatz anbelangt, von allen Dienstleistungsbranchen am optimistischsten ins laufende Jahr. «Klassische IT-Dienstleister wie uns wird es immer brauchen», sagte René Hohl am AIHK-Anlass. Ganz sorgenfrei ist aber auch der Inhaber der IT-CleverNet GmbH aus Möriken nicht. Die Konkurrenz von ennet dem Rhein habe «die Flügel schon offen in den Aargau». Trotzdem: Der Frankenschock scheint verdaut. International tätige Kunden hätten als erste Reaktion zuerst gar nichts mehr gemacht, blickt Hohl auf die turbulente Zeit zurück, «das war wie ein Rotlicht». Anfang der zweiten Jahreshälfte habe er dann aber gespürt, «wie der Mut zurückkam». Seither würden angedachte Projekte wieder durchgezogen.

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