Arbeitsgericht Aarau

Zehn Jahre nach Arbeitsunfall: Chocolat-Frey-Mitarbeiterin wird entschädigt

Chocolat Frey muss einer ehemaligen Mitarbeiterin eine Entschädigung bezahlen.

Chocolat Frey muss einer ehemaligen Mitarbeiterin eine Entschädigung bezahlen.

Eine ehemalige Mitarbeiterin von Chocolat Frey, die sich an einer Maschine verletzte, erhält eine Entschädigung zugesprochen. Direkte Augenzeugen gab es beim Vorfall keine – die Beweisführung war entsprechend schwierig.

Momentan läuft die Produktion bei Chocolat Frey in Buchs auf Hochtouren, unzählige Osterhasen verlassen täglich die Fabrik. Draussen vor dem Besucherzentrum steht ein Car, doch die Gruppe, die drinnen durch die Produktionshallen geführt wird, ist nicht auf Besichtigungstour. Der Sicherheitsverantwortliche von Chocolat Frey und ein ehemaliger Teamleiter führen die Aarauer Gerichtspräsidentin Bettina Keller, weitere Mitglieder des Arbeitsgerichts, die Klägerin Fatmire B. (Name geändert) und ihren Anwalt zu einer Anlage, wo sich vor fast zehn Jahren ein Arbeitsunfall ereignete. Es geht um einen gerichtlichen Augenschein bei der Maschine, die feine Schokoladeplättchen ansaugt und in die Verpackung, in sogenannte Blister, abfüllt.

«Immer zuerst stoppen»

Ein gelbes, dreieckiges Piktogramm warnt davor, die Hand in die Maschine zu halten, auf einer weissen Tafel steht: «Es ist verboten, mit den Händen in die Anlage zu greifen. Immer zuerst stoppen.» Stoppen lässt sich die Maschine mit einem Not-Aus-Knopf oder einem anderen Schalter an der Steuerungseinheit. Und sie hält automatisch an, wenn eine Schutztür aus Plexiglas geöffnet wird. Fatmire B. sagt, sie habe damals den Knopf «Steuerung aus» gedrückt, danach mit der Hand in die Maschine gegriffen, diese sei aber weitergelaufen oder habe sich von selbst wieder eingeschaltet. Der frühere Teamleiter schüttelt den Kopf, drückt auf Anweisung der Gerichtspräsidentin den Knopf, und nach ein paar Augenblicken stoppt die Maschine tatsächlich. Dass die Anlage von selbst wieder zu arbeiten beginne, sei nicht möglich, sagt der frühere Teamleiter und erklärt, man müsse sie manuell wieder in Betrieb nehmen.

Nach rund einer halben Stunde ist der Augenschein vorbei, auf dem Rückweg winken ehemalige Arbeitskolleginnen Fatmire B. zu und grüssen sie. Die aus dem Kosovo stammende Frau hatte zehn Jahre bei Chocolat Frey gearbeitet, bis zu jenem Tag, als sich der Unfall ereignete. Sie zog sich einen komplizierten Handbruch zu, als «Fridolin» – so nennen die Arbeiter den Roboter in der Anlage – sich wieder in Bewegung setzte. Fatmire musste einige Operationen über sich ergehen lassen, wurde arbeitslos und klagte schliesslich gegen ihren früheren Arbeitgeber.

Keine direkten Augenzeugen

Rund drei Stunden nach dem Augenschein beginnt vor dem Arbeitsgericht Aarau die Verhandlung. Dabei zeigt sich: Einen direkten Augenzeugen des Unfalls gibt es nicht. Der frühere Teamleiter von Fatmire B. war an jenem Tag nicht im Betrieb, er betont jedoch, die Stopp-Funktionen der Maschine hätten alle funktioniert. Er räumt ein, es sei früher schon vorgekommen, dass Mitarbeiter die Anlage abgestellt und in die Maschine gegriffen hätten. Dies, wenn Schokoladeplättchen schräg in Blistern lagen oder sich diese verklemmt hatten. Nach dem Unfall wurden zusätzliche Plexiglas-Abdeckungen montiert, um die Sicherheit zu erhöhen. Zudem würden die Mitarbeiter in regelmässigen Kursen darauf geschult, nicht in laufende Maschinen zu greifen, sagt der Sicherheitsverantwortliche.

Beweisführung ist schwierig

Dies habe sie nicht getan, entgegnet Fatmire B., sondern zuerst den Stopp-Knopf gedrückt. Warum im Suva-Rapport das Gegenteil steht, kann sie nicht erklären. Wegen der unklaren Beweislage schlägt Gerichtspräsidentin Keller einen Vergleich vor. Darauf einigen sich die Anwälte von Chocolat Frey und Fatmire B. auch. Diese hatte ursprünglich mehrere hunderttausend Franken verlangt. Wie hoch ihre Entschädigung nun ausfällt, ist unbekannt. Klar ist: Keine der Parteien kann den Fall weiterziehen. Stefan Galligani, der Anwalt von Fatmire B., ist nach der Verhandlung nicht ganz zufrieden. Jeder Arbeitgeber habe eine Fürsorgepflicht und müsse für die Sicherheit der Arbeitnehmer sorgen. Dass die Anlage nach dem Unfall nachgerüstet worden sei, weise auf Mängel hin. Weil die Beweislast bei der Geschädigten liege, sei die Situation für seine Mandantin aber schwierig.

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